Die Bilanz des CS-Umkremplers

Tidjane Thiam wollte die Credit Suisse neu aufstellen. 2000 Jobs sind weg – wo steht die Bank jetzt?

Nicht alles lief so, wie er es plante: Tidjane Thiam hat der Credit Suisse eine Rosskur verpasst. Foto: Keystone

Nicht alles lief so, wie er es plante: Tidjane Thiam hat der Credit Suisse eine Rosskur verpasst. Foto: Keystone

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Es ist die Geschichte von zwei Tidjane Thiams. Am 23. März 2016, noch kein Jahr im Amt, verschärft der CEO von Credit Suisse sein Sparprogramm, Tausende Stellen mehr will er streichen. Die hochgesteckten Ziele seiner bitter nötigen Sanierung der Grossbank sind nach zwei Verlustquartalen bereits in Gefahr.

Am selben Abend erleben die Gäste der Konferenz «Vision Bank» auf der Bühne des Zürcher Kunsthauses einen gereizten Thiam. Angesprochen auf die desaströse Entwicklung des CS-Aktienkurses fährt der sonst so besonnene ivorisch-französische Doppelbürger regelrecht aus der Haut: Natürlich sei es seine Schuld, sagt er, dass der Ölpreis eingebrochen sei, dass es Negativzinsen gebe und die Konjunktur in China schwächle. Und auch das schlechte Wetter gehe auf seine Kappe.

Einen Monat und drei Jahre später sieht die Welt des 56-Jährigen ganz anders aus. An der Medienkonferenz präsentiert Thiam für 2018 den ersten Jahresgewinn seiner Amtszeit und die Ergebnisse seiner Umbauarbeiten. Entspannt plaudert er danach lange mit den Journalisten: Es sei das erste Mal, sagt Thiam, dass «ich hier mit Ihnen Kaffee trinken kann und nicht gleich irgendwo wieder einen Brandherd löschen muss».

Am 1. Juli ist es nun vier Jahre her, dass der ivorische Ex-Minister und Ex-CEO des britischen Versicherers Prudential zu CS gewechselt ist. Er folgte auf Brady Dougan und packte die Probleme an, die unter dem US-Amerikaner lange brachlagen. Die Grossbank war zu glimpflich aus der Krise gekommen, eine Sanierung drängte sich nicht direkt auf und wurde doch immer nötiger. Thiam packte an, mistete Altlasten aus, erhöhte das Kapital, drückte die Kosten, forcierte die Vermögensverwaltung, schnitt die volatile Handelsabteilung zurück. CS ist heute mit einem stabileren Ertrag risikoärmer unterwegs. Doch nicht alles lief nach Plan.

Strafen von 8,5 Milliarden Franken

Marktturbulenzen, Grossabschreiber und Milliardenbussen schlugen auf den Gewinn. In den vergangenen zehn Jahren hat CS allein rund 8,5 Milliarden Franken an Strafen gezahlt. Thiam bezeichnete diese unlängst als grösste Wertvernichter innerhalb der Bank. Allein zwei Mal zahlte CS die Riesensumme von rund 2,6 Milliarden Dollar an die US-Behörden. Das eine Mal 2014 für den Steuerstreit, das andere 2017 für Ramschhypotheken.

So konnte Thiam seine Anfangsversprechen punkto Ertrags- und Gewinnentwicklung sowie Eigenkapitalrendite bis heute nicht einlösen. Die schlechte Aktienkursentwicklung überrascht daher nicht. Für Anleger mit langem Atem können die Titel eine Wette auf rosigere Zeiten wert sein. Risikoaverse Gemüter warten lieber auf bessere Zahlen.

Marktkapitalisierung

Es war Tidjane Thiams bisher wohl grösster Versprecher. Der Kurs der einzelnen Aktie sei heute zwar tiefer, «aber der Wert des Unternehmens höher als bei meinem Start», sagte der CS-CEO kürzlich im «Blick»-Interview. Wie er darauf kommt, ist sein Geheimnis. Der Börsenwert der Bank liegt heute tiefer als zu seinem Amtsantritt.

Vielleicht meint Thiam seine beiden Kapitalerhöhungen, bei denen er rund 10 Milliarden Franken bei den Aktionären einsammelte und die Anzahl Aktien in die Höhe schiessen liess. Ein verbessertes Kapitalpolster war sicher notwendig. Daraus abzuleiten, man habe einen Mehrwert geschaffen, stösst aber wohl zumindest bei den betroffenen Aktionären auf Verwunderung.

Aktienschwemme

Buchwert

Der Wert der CS-Aktien hat sich in den letzten drei Jahren ungefähr halbiert. Der materielle Buchwert der Aktien nach Abzug von Goodwill verlor im selben Zeitraum ein Viertel. Der Abstand zwischen Kurs und Buchwert ist ein Vertrauensbarometer. Ende 2014 und 2015 lag der Aktienkurs über dem Buchwert. Seit 2016 ist er darunter. Ende 2018 betrug die Differenz 29 Prozent; zum Ende des ersten Quartals war die Lücke noch 25 Prozent.

Der Buchwert ist das Verhältnis zwischen dem Nettovermögen und der Anzahl ausgegebener Aktien. Um ihn zu erhöhen, soll die Anzahl Aktien reduziert werden. 2019 will die CS eigene Aktien für mindstens 1 Milliarden Franken zurückkaufen. Bis Ende Mai wurden 486 Millionen Franken dafür aufgewendet.

Kurs und Wert

Kosten

Bei sinkendem Ertrag blieb der Credit Suisse nur der Weg über einen Kostenabbau, um die betriebliche Effizienz wiederherzustellen. Der Kostenschub 2015 ist auf Goodwill-Abschreibungen von 3 Milliarden Franken zurückzuführen, seither wurden die bereinigten Kosten wie versprochen auf unter 17 Milliarden Franken zurückgeführt. 2019: Die Finanzierungskosten sinken um 700 Millionen Franken jährlich, weil teure (9 bis 9,5 Prozent) Kapitalinstrumente durch günstigere ersetzt wurden. Der Abbau der letzten finanziellen Altlasten aus der Finanzkrise wird die Erfolgsrechnung noch mit 500 Millionen Franken belasten (2016: 3 Milliarden Franken) Die Rendite auf dem materiellen Eigenkapital kann praktisch ohne Umsatzwachstum 2018/2019 von 5,4 auf 10 Prozent steigen.

Effizienz

Unterm Strich

Vom Gewinnniveau vor der Sanierung ist Credit Suisse noch entfernt. Das kontrastiert mit den einst von Thiam geschürten Erwartungen. Bis zu 10 Milliarden Franken sollte der Vorsteuergewinn für 2018 betragen, hiess es damals. Ein Milliardenabschreiber verhagelte das Ergebnis 2015, eine Milliardenbusse das von 2016, die US-Steuerreform sorgte 2017 für einen Milliardenverlust. Am Ende wurde es als Erfolg verkauft, 2018 einfach keinen Verlust gemacht zu haben.

Der Lichtblick: Die Abwicklung ungewollter Geschäfte ist fast zu Ende, die schmaleren Kosten werden für höhere Gewinne sorgen. Dann kann auch wieder die Dividende steigen, die seit Thiam vernünftigerweise an die Gewinnentwicklung geknüpft ist.

Gewinn und Dividende

Das Minimum

Ein weiteres Ziel, das Thiam noch erfüllen will. Für 2019 hat er eine Eigenkapitalrendite von mindestens 10 Prozent angekündigt. Es ist der Minimalwert, der für eine Grossbank gemeinhin als wertschaffend gilt. Seit 2010, also schon lange vor Thiam, kam die Bank nicht mehr über diese Schwelle und vernichtet seitdem effektiv Aktionärswert. 2019 könnte sie damit weiter machen.

Nach einem sehr schlechten vierten Quartal 2018 haben sich die Märkte zwar wieder erholt. Die Vermögensverwaltungskunden halten sich aber weiter mit Investitionen zurück, was auf den Ertrag der Banken drückt. Die 10 Prozent Eigenkapitalrendite könnte ein weiteres Ziel Thiams sein, das er erst später als gedacht erreichen wird.

Eigenkapitalrendite

Notwendiges Polster

Zu Beginn von Thiams Amtszeit galt Credit Suisse kapitalseitig als kranker Mann Europas. Thiam packte das Problem an, sammelte in zwei Übungen rund 10 Milliarden Franken bei Aktionären ein. Nach der zweiten Kapitalerhöhung war dann auch der Teilbörsengang der Schweizer Bank vom Tisch. Credit Suisse hält nationale und internationale Kapitalvorgaben heute locker ein.

Das schafft Raum für Übernahmen. Doch sollte das Portemonnaie nicht zu locker sitzen. Die Bank tut zunächst gut daran, wie Thiam sagte, rund die Hälfte des Gewinns in der Gruppe zu lassen. Die Schweizer Grossbanken gelten angesichts ihrer immensen Grösse im Vergleich zum kleinen Heimatland nicht gerade als überkapitalisiert.

Kapitalquoten

Konzernumbau

An der Entwicklung der risikogewichteten Aktiven zeigt sich der Umbau. Die Segmente, in denen Vermögensverwaltung betrieben wird, wurden forciert. Die volatile Handelseinheit Global Markets bekam Assets entzogen. Dennoch ist sie weiterhin die zweitgrösste Einheit, sorgte zuletzt aber für den geringsten Vorsteuergewinn. Die übergrosse Strategic Resolution Unit, die Müllhalde der Bank, wurde in strammem Tempo abgewickelt.

Zu den Massnahmen gehörte auch der Abbau von netto rund 2000 Stellen. Die Investmentbankeinheit, in der Börsengänge, Aktien- und Anleihenemissionen durchgeführt werden, ist zwar weiterhin das kleinste Segment, wuchs von allen aber am stärksten.

Risikogewichtete Aktiva

Neugeld

Credit Suisse konnte während ihrer mehrjährigen Restrukturierung 120 Milliarden Franken Neugeld anziehen. 2018 betrug das Neugeldwachstum 4,1 Prozent, im Jahr davor immerhin 3 Prozent. CS bezeichnet ausgeprägte Kompetenzen sowohl in der Vermögensverwaltung als auch im Investmentbanking als von zentraler Bedeutung für den Erfolg ihrer Strategie. Diese fokussiert auf sehr reiche und Unternehmerkunden sowie auf die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Divisionen.

Die Kredite belaufen sich in der Division International Wealth Management mit 51,7 Milliarden Franken auf knapp 15 Prozent der verwalteten Vermögen. In Asien beträgt die Quote gut 16 Prozent. Zu namhaften Kreditverlusten ist es bisher nicht gekommen.

Verwaltete Vermögen

Lohntüte

2018 schrumpfte der Bonuspool der CS. Die Anzahl Mitarbeitenden sank um 2 Prozent auf 45'680, die Gesamtvergütung fiel 4 Prozent. Tidjane Thiam erhielt insgesamt Bargeld und Aktienzuteilungen im Wert von 12,65 Millionen Franken, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. 6,8 Millionen Franken der Gesamtsumme bestanden aus aufgeschobenen Ansprüchen, bei denen sich die effektive Auszahlung je nach Geschäftsentwicklung erhöhen oder verringern kann.

Mit dem abgeschlossenen Turnaround bzw. mit dem Erreichen des Kostenziels rückt für das Management die Rendite auf dem materiellen Eigenkapital zusätzlich zum bereinigten Vorsteuergewinn zur wichtigen Zielgrösse auf. Kapitalbezogene Performance-Kriterien wurden abgeschafft.

Vergütung Thiam

Erstellt: 27.06.2019, 16:11 Uhr

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