CS-Beschattungsaffäre: Was bei Goerke anders lief als bei Khan

Mit Iqbal Khan und Peter Goerke wurden binnen sieben Monaten zwei Credit-Suisse-Manager beschattet. Zwischen den Fällen gibt es jedoch auffällige Unterschiede. 

Die Credit Suisse kündigte am Dienstag an, die «neuen Erkenntnisse mit internen und externen Abklärungen überprüfen zu wollen». Filiale der Grossbank in Lugano. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Credit Suisse kündigte am Dienstag an, die «neuen Erkenntnisse mit internen und externen Abklärungen überprüfen zu wollen». Filiale der Grossbank in Lugano. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Peter Goerke hat von seiner Beschattung nichts gewusst. Das berichten Personen mit Kenntnis von den Vorgängen bei der Credit Suisse. Demnach hat der frühere Personalchef der Credit Suisse erst am Montagnachmittag kurz vor der Veröffentlichung eines Berichts in der NZZvon der Bespitzelungsaktion gegen ihn erfahren. «Er fiel aus allen Wolken», berichtet eine Quelle.

Goerke soll vom 20. bis zum 22. Februar 2019 überwacht worden sein. Aus welchem Grund, ist vollkommen unklar. Auffällig ist, dass die CS vier Tage nach Ende der Überwachungsaktion bekannt machte, dass Goerke aus seinem Amt als Personalchef ausscheiden sowie die Geschäftsleitung verlassen werde. Er arbeitete danach als Senior Advisor bei der Bank.

Abgang stand schon lange fest

Der zeitliche Ablauf legt den Schluss nahe, dass die Beschattung mit seinem Ausscheiden aus der Geschäftsleitung in Zusammenhang stehen könnte. Doch zwei Bankquellen widersprechen dem: Dass Goerke die Geschäftsleitung verlassen musste, sei schon weit vor der Beschattung klar gewesen, sagen sie. Die Überwachung – so sie denn von der CS kam – hatte daran nichts geändert. Goerke wurde offenbar auch nie mit irgendwelchen Resultaten aus der Beschattung konfrontiert. In diesem Fall hätte er nicht erst jetzt von der Aktion erfahren.

Der ehemalige Personalchef der Credit Suisse Peter Goerke. Foto: PD

Goerke war 2015 auf Wunsch von Bankchef Tidjane Thiam in die Geschäftsleitung der Grossbank eingetreten. Beide hatten zuvor beim Versicherer Prudential zusammengearbeitet. Über die Hintergründe für Goerkes Ausscheiden letzten Februar gibt es widersprüchliche Informationen. Die einen versichern, er sei in diesem Jahr geplant und auf eigenen Wunsch aus der Geschäftsleitung ausgetreten. Andere sagen, er habe seinen Job verloren, weil er als Personalchef schon länger umstritten war.

Zwischen Goerke und Bankchef Thiam scheint es aber nicht zu einem unüberbrückbaren Bruch gekommen zu sein. Denn Thiam hat Goerke nach seinem Ausscheiden einen hoch dotierten Beraterposten verschafft. «Vor diesem Hintergrund ist nicht nachvollziehbar, warum er überhaupt überwacht wurde», heisst es von einem hochrangigen Bankinsider.

Anders als Khan keine Reizfigur

Die Beschattung von Goerke stösst auch CS-intern auf viel Verwirrung und Kopfschütteln. Viele spekulieren, keiner, mit dem diese Zeitung sprach, hatte zuvor von der Aktion im Vorfeld gehört. Einig ist man sich hingegen, dass es deutliche Unterschiede gibt zwischen dem Fall Goerke und der Überwachung des Ex-Vermögensverwaltungschefs Iqbal Khan, welche die CS im Herbst in eine Krise stürzte.

Credit Suisse hatte am Montag erklärt, keine Kenntnis von einer weiteren Observation zu haben.

Khan wollte die Bank verlassen und bei der direkten Konkurrenz anheuern. Es bestand die Gefahr, dass er lukrative Kunden mitnehmen könnte. Der Chef der Vermögensverwaltung war wegen seines Ehrgeizes auch zunehmend zur Reizfigur für den machtbewussten Thiam geworden. Das alles ist bei Goerke anders. Er wollte nicht gehen, und er hat sich gemäss mehreren Quellen auch nicht mit dem Credit-Suisse-Chef verkracht.

Im Falle der Beschattung Khans haben die Anwälte von Homburger bei der Aufarbeitung der Geschehnisse Finanzströme entdeckt, die den Schluss zulassen, dass die Überwachung von der Bank bezahlt worden ist. Für eine Überwachung von Goerke liegen solche Zahlungsströme zumindest bisher aber nicht vor. Daher hatte Credit Suisse am Montag erklärt, keine Kenntnis von einer weiteren Observation zu haben.

Haben Bouée und Boccali die Wahrheit gesagt?

Wer also gab den Auftrag? Mit welchem Zweck? Steckt wirklich die Credit Suisse dahinter? «Ich kann mir vorstellen, dass jemand die Ermittler angestellt hat, um belastendes Material gegen Goerke zu sammeln», sagt ein hoher CS-Mitarbeiter. Aber wozu genau, weiss auch er nicht.

Die Credit Suisse selbst kündigte am Dienstag an, die «neuen Erkenntnisse mit internen und externen Abklärungen überprüfen zu wollen». In den Fokus geraten nun erneut Pierre-Olivier Bouée, die frühere Nummer zwei der Bank und Vertrauter Thiams, sowie der Sicherheitschef Remo Boccali. Sie hatten zugegeben, die Beschattung Khans in Auftrag gegeben zu haben. Gleichzeitig hatten sie aber ausgesagt, dass es keine weitere Überwachung gegeben habe. Sollten sie in diesem Punkt die Unwahrheit gesagt haben, so droht beiden die fristlose Entlassung.

Im Verwaltungsrat der Grossbank herrscht nach der neuerlichen Enthüllung dem Vernehmen nach blankes Entsetzen.

Die neue Enthüllung bringt zudem Bankchef Thiam in Erklärungsnot. Wieder ist ein Geschäftsleitungsmitglied beschattet worden, wieder hat der Chef der Credit Suisse davon offenbar keine Kenntnis. Das Bespitzeln von ranghohen Bankmitarbeitern wirft die Frage auf, welche Kultur an der Spitze der Credit Suisse eigentlich besteht. Im Verwaltungsrat der Grossbank herrscht nach der neuerlichen Enthüllung dem Vernehmen nach blankes Entsetzen.

Erstellt: 17.12.2019, 21:03 Uhr

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