Dank Mario Draghi hat der Euro überlebt

Die Amtszeit des Präsidenten der Europäischen Zentralbank läuft aus. Sie war von Krisenmanagement geprägt.

Unter Mario Draghi hat die Eurozone ihre schwerste Prüfung bestanden. Foto: Anatol Kotte (laif)

Unter Mario Draghi hat die Eurozone ihre schwerste Prüfung bestanden. Foto: Anatol Kotte (laif)

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«Womit habe ich das verdient?» Wie oft dieser Seufzer über Mario Draghis Lippen ging, als er sich morgens im Spiegel betrachtete, wissen wir nicht. Zweifelsfrei ist aber: Während der vergangenen acht Jahre, in denen der Italiener an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) gestanden ist, arbeiteten er und sein Noteninstitut stets im Krisenmodus. Oft war der Abgrund in Sichtweite. Dass sie die Eurozone vor dem Absturz bewahren konnten, ruft nach höchster Anerkennung.

Dem 72-Jährigen ist es zu verdanken, dass die Währungsunion mit ihren 19 Mitgliedsländern die heftigsten Turbulenzen seit dem Zweiten Weltkrieg überstand. Mit einem deutschen Zentralbankchef anstelle Draghis – wie das ursprünglich nach dem Franzosen Jean-Claude Trichet geplant war – wäre Griechenland zwischen 2012 und 2015 über Bord gegangen. Und die Märkte hätten gleich auf eine Abspaltung weiterer Länder wie Italien, Spanien und Portugal spekuliert. Das Chaos, das dann über die Welt hereingebrochen wäre, hätte die Verwüstungen der Finanzkrise wohl noch übertroffen.

Morgen wird Draghi seinen letzten Medienauftritt in Frankfurt absolvieren, eine Woche später endet seine Amtszeit. Zur Nachfolgerin bestimmt worden ist Christine Lagarde, die frü­here Chefin des Internationalen Währungsfonds.

Intimer Marktkenner

Als Draghi im November 2011 das EZB-Präsidium übernahm, begann die Eurokrise richtig gefährlich zu werden: Die Privatwirtschaft in den schwächeren Euroländern drohte vom Kreditfluss abgeschnitten zu werden. Keine drei Tage im Amt, verkündete der Italiener seine erste Leitzinssenkung. Kurze Zeit später doppelte er nach mit einem umfangreichen Programm, das kreditwilligen Banken im Euroraum günstige Bedingungen zur Refinanzierung anbot.

Die Entschlossenheit, mit der Draghi gegen die Krise ankämpfte, verblüffte die Beobachter. Unter seinem Vorgänger ­Trichet hatte die EZB zögerlicher reagiert, wenn Lockerungsschritte angezeigt waren. Voreilig handelte Trichet dafür bei Leitzinsanhebungen. So etwa 2011 mit zwei Erhöhungsschritten, die Draghi dann rasch korrigierte.

Solche Schnitzer leistete sich der Italiener nicht. Was ihm zum Vorteil gereichte, war seine frühere Tätigkeit bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. ­Mario Draghi bekam dort Anschauungsunterricht, wie Märkte ticken, welche Eigendynamik sie entwickeln, wenn sich Krisensymptome bemerkbar machen, und wie man mit ihnen kommunizieren musste.

Das kommunikative Meisterstück gelang ihm im Juli 2012, als die Spannungen im Euroraum ihren Höhepunkt erreichten. Bei einem Vortrag in London gab Draghi zu verstehen, dass die EZB im Rahmen ihres Mandats den Euro retten werde, «koste es, was es wolle». Und er fügte hinzu: «Glauben Sie mir, es wird reichen.» Von diesem Einschub wurden selbst Leute überrascht, die zum inneren Kreis des Notenbankchefs gehörten. Draghi hatte improvisiert, wusste aber genau, dass seine Botschaft am Markt verstanden würde.

So war es: Die Wetten auf einen Austritt südeuropäischer Länder aus dem Euroverbund – mit denen Marktakteure die Zinsen auf spanischen und italienischen Staatsanleihen in die Höhe getrieben hatten – wurden zurückgenommen. Draghis Drohung, unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen, war so überzeugend, dass niemand es wagte, die EZB herauszufordern. Die Eurokrise begann sich zu entspannen.

Zerwürfnis mit Deutschland

Dessen ungeachtet war das Entsetzen in Deutschland über den Alleingang des EZB-Präsidenten gross. Käufe von Staatsanleihen, um bedrängte Euroländer vor spekulativen Attacken zu schützen, sind mit dem strikten Stabilitätsverständnis der Deutschen unvereinbar. Sie hatten den Euro akzeptiert im Wissen, dass die EZB und ihr Mandat zur Wahrung von Preisstabilität auf dem Vorbild der Deutschen Bundesbank beruhten. Draghi schickte sich nun aber an, diese Verankerung zu lösen.

Das Zerwürfnis zwischen dem EZB-Präsidenten und Deutschland vertiefte sich ab dann stetig. Gleiches galt für das persönliche Verhältnis zwischen Mario Draghi und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Dieser warnte wie andere deutsche Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unablässig vor den inflationären Gefahren einer allzu lockeren Geldpolitik.

Die EZB selber operierte jahrelang mit zu hohen Inflationsschätzungen. Dabei drohte Gefahr von ganz anderer Seite: Die Teuerungsraten im Euroraum sanken kontinuierlich und tendierten 2015/2016 gegen null. Von da bis zur Deflation – wo sich negative Teuerungsraten und sinkende Teuerungserwartungen gegenseitig verstärken – ist der Grat schmal.

Aus Draghis Sicht war die EZB an einem Punkt, an dem sie das deutsche Denkkorsett abstreifen und unkonventionelle Instrumente einsetzen musste. Im Juni 2014 führte sie Negativzinsen ein. Im Frühjahr 2015 begann sie mit dem Kauf von Staatsanleihen, um die langfristigen Zinsen zu senken. Beides stösst vorab bei Deutschen bis heute auf Ablehnung. Im Rest der Welt überwiegt hingegen die Meinung, die EZB sei unter Draghi «erwachsen» geworden und nutze endlich die ganze ihr zur Verfügung stehende Klaviatur.

Wie die Eurozone heute mit einer «deutschen» EZB dastehen würde, ist schwer zu ermessen. Dass dort in den letzten Jahren über 11 Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden, darf sich in erster Linie Mario Draghi mit seiner Stimulierungspolitik an den Hut stecken. Der Mann hat sich um Europa verdient gemacht.

Erstellt: 23.10.2019, 19:17 Uhr

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