Das Bargeld gibt ein unerwartetes Comeback

Seit Jahren nehmen die Bargeldbezüge in der Schweiz stark ab. Doch offenbar sind die Schweizer dem Cash treuer als bislang gedacht.

Dem Bargeld treu: Die Schweizer beziehen mehr Geld am Bancomaten als gedacht.

Dem Bargeld treu: Die Schweizer beziehen mehr Geld am Bancomaten als gedacht. Bild: Christian Beutler /Keystone

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Es ist ein einschneidender Vorgang, wenn die Bankfiliale verschwindet oder der letzte Bancomat im Dorf abgebaut wird. Doch die Zahlen der Banken zeigen einen klaren Trend: Die Schweizer beziehen immer weniger Bargeld – ob am Schalter oder am Geldautomaten. Daher werden die Filialen und Geldautomaten für viele Banken zu teuer und verschwinden.

So ist beispielsweise bei der Zürcher Kantonalbank seit 2005 die Zahl der Transaktionen am Schalter um 60 Prozent zurückgegangen. Eine Zeit lang gab es eine Verlagerung an den Bancomaten. Doch wird auch dort immer weniger Bargeld abgehoben. Bei Raiffeisen heisst es dazu: Bargeldbezüge sind generell rückläufig, während bargeldlose Zahlungen zunehmen. Bei einer Grossbank nahm die Zahl der Bargeldbezüge in den letzten vier Jahren um 20 Prozent ab. Ähnlich tönt es bei mehreren anderen Banken. Die Bezahlkarte verdrängt also das Bargeld – auch in der Schweiz.

Neue Datengrundlage

Dieser Rückgang zeigt sich auch in den Statistiken der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Im Vergleich zum Vorjahresmonat ging die Zahl der Bargeldbezüge an Schweizer Bancomaten in den letzten Jahren teilweise um mehr als 10 Prozent zurück. Seit einigen Monaten zeigt die Statistik aber eine überraschende Trendwende. Hat es mit der neuen Notenserie zu tun, die in den vergangenen Monaten eingeführt wurde, oder haben die Bankkunden vor den Negativzinsen Angst und horten mehr Bargeld unter dem Kopfkissen?

Laut einem SNB-Sprecher ist der Grund einfacher: Die Erhebungsgrundlage hat sich geändert. Für inländische Maestro-Zahlungskarten bei Bargeldbezügen im Inland enthalten die Daten ab 2018 nicht nur an bankfremden Geldautomaten getätigte Umsätze, sondern schrittweise auch die Bezüge an bankeigenen Bancomaten.

Hinter dem rasanten Anstieg steckt also keine plötzliche Verhaltensänderung. Die neuen Daten zeigen aber, dass die Schweizer dem Bargeld wesentlich treuer sind als bislang bekannt. Sie zeichnen nun ein realistischeres Bild. Denn wegen der Gebühren für Bezüge an Bancomaten von anderen Instituten dürften viele Schweizer bewusst einen Geldautomaten ihrer Bank bevorzugen, die Daten dürften nun also näher an der Realität liegen. Es passt daher auch ins Bild, dass die Migros-Bank laut einem Sprecher eine Zunahme der Bargeldbezüge an den Kassen von Geschäften der Migros-Gruppe feststellt.

Denn der grösste Teil der von der SNB erfassten Bargeldbezüge erfolgt mit inländischen Debitkarten. Dabei handelt es sich um Maestro, Postfinance oder V-Pay-Karten. Nur ein sehr kleiner Teil wird mit ausländischen Bezahlkarten oder Kreditkarten abgehoben. Zumindest ein kleiner Teil des Anstiegs lässt sich laut den SNB-Daten auch noch dadurch erklären, dass pro Bargeldbezug in den letzten Monaten eher mehr Geld abgehoben wurde. Im Dezember 2017 waren es pro Bezug im Durchschnitt 230 Franken, im Dezember des letzten Jahres lag der Betrag bei 234 Franken.

Der Notenumlauf steigt

Wie treu die Schweizer dem Bargeld sind, zeigt auch ein anderer Wert: der deutliche Anstieg des Notenumlaufs. Dies nicht nur bei der umstrittenen 1000-Franken-Note, sondern auch bei den kleineren Stückelungen. Etwa dem beliebten 100er:

Das Bargeld hat also in der Schweiz weiterhin eine grosse Bedeutung. Das zeigt eine jüngst publizierte Umfrage des Internetvergleichsdienst Comparis. Für 38 Prozent der Schweizer sei die Debitkarte das beliebteste Zahlungsmittel. Das Bargeld folgt in dieser Rangliste mit 36 Prozent auf dem 2. Platz. Das Bezahlen per Mobiltelefon spielt hierzulande noch kaum eine Rolle. Der Anteil von am Smartphone ausgelösten Zahlungen beträgt je nach Studie 1 bis 2 Prozent.

In Deutschland sorgte vor wenigen Tagen eine Studie des Handelsforschungsinstituts EHI für Schlagzeilen. Im letzten Jahr wurde bei unserem nördlichen Nachbarn an den Ladenkassen erstmals öfter mit Karte als mit Bargeld bezahlt. Als besonders fortschrittlich gilt Schweden. Die nationale Bezahl-App Swish hat innerhalb von wenigen Jahren einen grossen Marktanteil erlangt. Dort werden auch Kleinstbeträge mit der Karte bezahlt, und selbst in Kaffees oder am Kiosk wird kaum noch Bargeld angenommen.

Erstellt: 14.05.2019, 15:14 Uhr

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