«Der Druck in der Bevölkerung würde nachlassen»

Laut Konjunkturexperte Jan-Egbert Sturm dämpft ein teurer Franken die Zuwanderung in die Schweiz.

«Die grosse Frage ist, wo sich der Wechselkurs in nächster Zeit aufhalten wird», sagt Konjunkturexperte Jan Egbert Sturm. Foto: Dominique Meienberg

«Die grosse Frage ist, wo sich der Wechselkurs in nächster Zeit aufhalten wird», sagt Konjunkturexperte Jan Egbert Sturm. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach der Freigabe des Eurokurses haben einzelne Analytiker die Wachstumsprognose in der Schweiz um 1 Prozent nach unten korrigiert. Ist das für Sie plausibel?
Die grosse Frage ist, wo sich der Wechselkurs in nächster Zeit aufhalten wird. In unserer Simulation am letzten Donnerstag sind wir von einem Kurs von 1.10 Franken ausgegangen. Das würde eine Wachstumseinbusse von mindestens 1 Prozentpunkt bedeuten. Inzwischen scheint sich der Wechselkurs aber eher in Richtung Parität zu entwickeln.

Das würde dann einen Verlust von 2 Prozentpunkten bedeuten?
Ja, dann wären wir bei der Stagnation.

Im Markt scheint sich die Parität abzuzeichnen. Bei 1:1 gilt der Franken als massiv überbewertet. Sehen Sie das auch so, nachdem der hohe Überschuss von Leistungs- und Handelsbilanz der Schweiz beim Kurs von 1.20 Franken in den vergangenen Jahren eher für eine Unterbewertung sprach?
Das hängt davon ab, welche Theorie Sie heranziehen. Sie beziehen sich auf die Theorie der Leistungsbilanz, wo es bei freien Wechselkursen keine Überschüsse in der Leistungsbilanz geben sollte. So wäre aus der Handelsperspektive längerfristig tatsächlich eine Aufwertung begründbar. Kurzfristig befinden wir uns unter dem Einfluss einer Schocktherapie, die es erst zu verkraften gilt. Und wenn wir uns auf die Theorie der Kaufkraftparitäten beziehen, dann geht die Erwartung in eine ganz andere Richtung, da war der Franken beim Kurs von 1.20 schon überbewertet.

Welche Theorie ist die plausible?
Realwirtschaftlich gesehen kann die Parität des Frankens mit dem Euro langfristig nicht stimmen, da hätten wir eine riesige Differenz bei der Kaufkraft im In- und Ausland. Aber gegenwärtig überlagert die Kapitalflucht die Realwirtschaft, der Franken gilt als sicherer ­Hafen in einem Umfeld mit vielen Un­sicherheiten. Man erwartet, dass die ­Europäische Zentralbank grosse Anleihenkäufe bekannt geben wird, die den Markt mit Geld fluten. Der Wahlausgang in Griechenland ist ungewiss, die Krise in Russland nicht überwunden. Da wollen viele Anleger ihr Kapital nicht im eigenen Land behalten. Aber das hat nicht viel mit unserer Realwirtschaft zu tun.

Nehmen wir das aus Sicht unserer Realwirtschaft schlimmste Szenario: Stagnation. Wie viele Arbeitsplätze weniger bedeutete dies?
In unserer alten, aus heutiger Sicht veralteten Prognose vom Dezember erwarteten wir ein Beschäftigungswachstum von einem Prozent. Das scheint jetzt hinfällig. Ein Prozentpunkt Wachstum weniger bedeutet ein Prozentpunkt weniger Wachstum der Beschäftigung.

Also rund 45'000 Arbeitsplätze bei einem Szenario von einem Kurs zu 1.10 Franken. Und 90'000 weniger bei der Parität? Dann wäre zu erwarten, dass auch die Zuwanderung aus der EU 2015 gebremst wird?
Ja, das würde massiv auf die Binnenkonjunktur drücken. Die Schweiz hatte in den letzten Jahren gute Wachstums­raten, weil viele Stellen geschaffen wurden. Die starke Zuwanderung erhöhte den Konsum und die Bauinvestitionen. Je mehr Leute kamen, umso mehr Impulse gab es. Wenn weniger Leute kommen, werden diese Impulse fehlen.

Dann hat die Nationalbank jetzt unfreiwillig zur Verwirklichung des Ecopop-Szenarios beigetragen?
Das ist ein bisschen zynisch formuliert, aber in der Tat eine realistische Möglichkeit. Bei einer starken Aufwertung werden wir uns zumindest in diese Richtung bewegen.

So würde immerhin das Problem für den Bundesrat kleiner, mit der EU nach dem Ja zur Initiative gegen die Masseneinwanderung einen neuen bilateralen Weg zu finden.
In gewisser Weise ja. Aber wir sollten mit Prognosen vorsichtig sein. Der Entscheid der Nationalbank ist erst einige Tage alt.

Erwarten Sie, dass die SVP bei einer Stagnation auf einer wortgetreuen Umsetzung beharren wird?
Der Druck in der Bevölkerung würde sicher nachlassen. Wenn die Arbeitslosigkeit steigen wird, werden sich die Präferenzen der Bevölkerung rasch ändern.

Trauen Sie der Wirtschaft zu, sich auf die Parität einzustellen?
Bei Parität erwarte ich einen grossen Strukturwandel, es würde sicher eine schmerzvolle Phase werden.

Erstellt: 18.01.2015, 21:04 Uhr

Jan-Egbert Sturm

Der Holländer ist seit Ende 2005 Professor für Angewandte Makroökonomie und Leiter der KOF-Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich.

Artikel zum Thema

Das Verlustgeschäft mit dem Schweizer Franken

Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank hat die Devisenmärkte durchgerüttelt – und manchem privaten Händler happige Verluste eingebracht. Mehr...

Stucki und der starke Franken

Welttheater An der Schrauben- und Nagelmesse in Las Vegas gab es für den Unternehmer nichts zu lachen: Der Entscheid der Nationalbank versaute ihm das Geschäft. Zum Blog

«Wir beobachten ein massives Überschiessen»

SNB-Chef Thomas Jordan glaubt, am Markt werde man einsehen, dass die aktuell «starke Überbewertung» des Frankens «nicht gerechtfertigt» ist. Er äussert sich auch zu Negativzinsen und flankierenden Massnahmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Was Neu-Eltern nie mehr hören wollen

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...