Devisenhändler in Schieflage

Im Geschäft mit Euro, Franken und Dollar wird oft auf Pump gewettet. Das bringt jetzt viele Banken in Bedrängnis – und könnte zu neuen Regeln führen.

Die Aufhebung des Mindestkurses betraf auch den Dollarkurs. Foto: TA-Archiv

Die Aufhebung des Mindestkurses betraf auch den Dollarkurs. Foto: TA-Archiv

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25 Millionen Franken. So viel muss die Schweizer Onlinebank Swissquote nach dem Kurssturz der letzten Tage zurückstellen. Und das ist erst der Anfang. Im Nachgang zur überraschenden Los­lösung des Frankens vom Euro drohen vielen kleinen und mittelgrossen Devisenhändlern Verluste.

Swissquote ist dabei nach eigenen Angaben glimpflich davongekommen: Die Rückstellungen würden die «Solidität der Bank» nicht infrage stellen. Anders sieht es etwa in den USA aus: Dort muss Everest Capital seinen wichtigsten Fonds schliessen. Das Unternehmen, dessen Chef in der Schweiz aufgewachsenen ist, soll laut Bloomberg praktisch das ganze Vermögen von 830 Millionen Dollar des Global Funds verloren haben. Die US-Devisenhandelsplattform FXCM musste mit einem Notkredit von 300 Millionen Dollar von einer Investmentbank gerettet werden. In England meldete der Retailbroker Alpari Konkurs an, und auch in Neuseeland schloss ein Devisenbroker die Tore.

Dabei hätten solche Verluste eigentlich gar nie entstehen dürfen. Viele Kunden der Retail-Devisenbanken hatten ­sogenannte Stop-Loss-Aufträge abgeschlossen (zu Deutsch: Stopp den Verlust). Demnach hätten die Banken deren Eurobestände auflösen und in Franken gutschreiben müssen, sobald der Euro den Mindestkurs von 1.20 Franken unterschreitet. Diese Aufträge blieben am Donnerstag allerdings hängen. Als die SNB die Untergrenze aufhob, brach der Markt zusammen. Es gab während rund 20 bis 30 Minuten keine Kurse. Devisen­investoren verloren von einer Sekunde auf die andere ihr Vermögen.

Dass das auch die Banken trifft, hat vor allem damit zu tun, dass Devisen­investoren üblicherweise nicht nur ihr eigenes Geld investieren, sondern sich zusätzlich grosse Beträge von den Banken leihen. Gemäss der «Financial Times» sind diese Kredite oft hundert- bis zweihundertmal höher als das Eigen­kapital. Als die Kurse abstürzten, verloren die Investoren also nicht nur ihr eigenes Geld, sondern auch die Kredite der Banken. Diese sitzen darum plötzlich auf offenen Forderungen gegenüber ihren Kunden. Ob sie dieses Geld je zurückerhalten, ist offen. Dass Swissquote 25 Millionen abschreibt, ist wohl ein Zeichen dafür, dass die erfolgsverwöhnte Bank nicht davon ausgeht. Die Fragen des TA liess sie unbeantwortet.

Saxo muss Preise korrigieren

In der Schweiz könnte auch die Saxo Bank von solchen Verlusten betroffen sein. Zwar teilt die Bank in einem Communiqué mit, dass sie nach dem Franken-Schock viele neue Kunden gewinnen konnte. Diese hätten Gelder für ihr Devisentrading von anderen Bankhäusern zu den Skandinaviern verschoben, schrieb das dänische Finanzhaus am Freitag. Gegenüber den Schweizer Retailkunden verbreitete es hingegen eine weniger freudige Botschaft. Offenbar hat die Bank in der kritischen Zeit Aufträge ihrer Kunden provisorisch ausgeführt, ohne dass eine Gegenpartei vorhanden gewesen wäre. Die Preise fielen dabei wohl zu optimistisch aus.

Nach dem SNB-Entscheid sei «extrem wenig Liquidität im Markt» gewesen, worauf die Preise «von der Untergrenze bei 1.20 auf erst 0.95 bis 1.00 und dann weiter auf 0.85 bis 0.90» gefallen seien. Die Bank kündigt darum gegenüber ­ihren Schweizer Retailkunden an, dass sie die Preise rückwirkend korrigieren muss. Die Deals in den ersten Minuten von 10.30 bis 10.41 Uhr würden auf einen Euro-Franken-Kurs von 0.9625 «angepasst», die darauffolgenden Transaktionen bis 10.01 Uhr zu einem Euro-Franken-Kurs von 0.88. Entsprechend würden auch sämtliche Frankenkurse zu allen anderen Währungen «basierend auf dem oben genannten Euro-Franken-Kurs» korrigiert.

Ob die Bank deswegen ebenfalls Rückstellungen vornimmt, wollte das Mutterhaus in Kopenhagen gestern nicht kommentieren. Stattdessen verwies es auf Presseberichte, die die Rolle der Aufsichtsbehörden am Kollaps der Handelssysteme unter die Lupe nehmen. Gemäss der «Financial Times» ist das Währungsgeschäft mit Retailkunden in den letzten 15 Jahren von 0 auf 20 Prozent des globalen Handelsvolumen angewachsen. Insbesondere die europäischen Regulierungsbehörden hätten diesen Devisenhandel unter Einsatz von grossen Mengen an Fremdkapital toleriert und sich stattdessen auf Unter­suchungen gegen die Grossbanken konzentriert, denen Absprachen im Währungshandel vorgeworfen wird.

Europa kennt keine Limiten

Das könnte sich nun aber ändern. Im Gegensatz zu den USA, Hongkong oder Singapur kennt Europa keine Vorschriften, wie viel Fremdkapital bei solchen Währungswetten eingesetzt werden darf. Je mehr Broker in finanzielle Nöte geraten, desto eher dürfte nun der Ruf nach einer Regulierung laut werden. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters haben mehrere Regulierungsbehörden bestätigt, Broker und Banken genauer unter die Lupe nehmen zu wollen. Offen ist, wie viel Ungemach den Banken vonseiten ihrer Kunden droht. Zum einen, weil unklar ist, ob sie gegen die Banken klagen könnten, weil diese die Stop-Loss-Aufträge nicht ausführen konnten. Zum anderen, weil niemand weiss, ob und wie viel der verspielten Kredite die Banken zurückerhalten werden.

Erstellt: 18.01.2015, 21:34 Uhr

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