Für Autohändler und Garagisten wiegt der harte Franken schwer

Der Wegfall der Eurountergrenze drückt auf den Wert der gelagerten Neuwagen und der Occasionsfahrzeuge.

Leere Garage: «Derartige Wertverluste können für Betriebe ruinös sein», sagt Andreas Burger von Auto Schweiz. Foto: Plainpicture

Leere Garage: «Derartige Wertverluste können für Betriebe ruinös sein», sagt Andreas Burger von Auto Schweiz. Foto: Plainpicture

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Die Schweizer Autobranche dreht im ­roten Bereich. Eine Marke nach der anderen hat in den vergangenen Tagen Prämien und Rabatte ausgerufen. Nicht etwa freiwillig – die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro hat diese Hektik im Autogewerbe ausgelöst.

Wie sich die Parität zwischen Franken und Euro auf die Preise auswirkt, illustriert das folgende Beispiel: Gestern kostete das günstigste Modell eines Audi A4 Avant in der Schweiz gemäss Amag-Internetportal 45'500 Franken. Das vergleichbare Modell ist auf der deutschen Audi-Website mit 30'600 Euro angegeben. Bei den aktuellen Währungskursen entspricht dies einem Preisvorteil von über 30 Prozent, der im Herkunftsland dieser Automarke geboten wird.

Die Situation aussitzen und hoffen, dass sich die Währungssituation bald wieder entspannt, können die Schweizer Markenhändler und offiziellen Importeure nicht. Sonst beginnen sich die Kunden auf anderem Weg einzudecken. Direktimport heisst die Variante des Einkauftourismus im Automobilgewerbe. «Wenn die Branche das Preisniveau nicht senkt, wird Parallel- und Schattenimporteuren Tür und Tor geöffnet», sagt Andreas Burgener, Direktor von Auto Schweiz, dem Verband der offiziellen Schweizer Autoimporteure.

Trotz der schnellen Reaktion der Markenhersteller und Generalimporteure wittern die Direktimporteure ihre Chance: «Unsere Händler sind es gewohnt, schneller als die Generalimporteure auf wechselnde Rahmenbedingungen und Kundenbedürfnisse zu reagieren», heiss es beim Verband freier Autohandel Schweiz. Man sei für den verschärften Preiswettbewerb gut gerüstet.

Wer bezahlt den Verlust?

Doch ein Dilemma stellt sich für alle Marktteilnehmer gleichermassen: Die Autos, die jetzt verkauft werden, kamen praktisch ausnahmslos in die Schweiz, als die Untergrenze noch intakt war. Mit ihrem Wegfall haben die Fahrzeuglager hierzulande buchstäblich in Sekunden um 20 Prozent an Wert verloren. Dass der Euro zum Franken bald wieder in die Nähe von 1.20 kommt, ist nicht absehbar. Deshalb stellt sich die Frage: Wer übernimmt den Verlust?

Wie die Branche damit umgehen wird, ist nun Gegenstand von Verhandlungen, wie eine Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei den Vertretern der zehn meistverkauften Automarken zeigt. «Aktuell finden seitens Importeuren intensive Gespräche mit den Herstellern statt, mit welchen Massnahmen sie die Händler unterstützen können», nimmt Amag Stellung. Auch bei BMW heisst es, es würden Gespräche mit der Zentrale in München geführt. Bei Ford will man die Angelegenheit «gemeinsam und partnerschaftlich lösen.

Es sind vor allem die kleineren Autohändler, die ihre Neuwagen selber oder über die Bank bezahlen, um sie an Lager zu nehmen und nicht über den Importeur oder Hersteller finanzieren lassen. «Bei vielen Betrieben bindet das Lager am meisten Kapital, neben einer allfälligen Liegenschaft», sagt André Frey, ­Geschäftsführer von Figas, einer Treuhandfirma für das Autogewerbe.

Konsequenz weniger Unterhalt

«Wertberichtigungen in diesem Ausmass können für einzelne Betriebe ruinös sein», sagt Andreas Burgener von Auto Schweiz. Der Preisdruck wird auch die Vorführwagen, Ersatzfahrzeuge und Dienstwagen erfassen, die von den Händlern übernommen wurden.

Autofahrer, die einer Neuanschaffung entgegenfiebern, darf diese Entwicklung freuen. Abgesehen davon, dass ihnen der Garagist weniger für ihren ­alten Wagen anrechnet.

Eine Annäherung, welche Wertberichtigung im ganzen Schweizer Fuhrpark ansteht, vermittelt folgende Rechnung: Bewertet man die 4,4 Millionen eingelösten Personenwagen in der Schweiz und Liechtenstein mit durchschnittlich 2000 Franken, dürfte sich beim aktuellen Stand der Währung deutlich über 1 Milliarde Franken in Luft auflösen – zurückhaltend geschätzt.

Die Geschichte wiederholt sich. Vor der Einführung der Eurountergrenze 2011, als die europäische Währung gegenüber dem Franken ebenfalls Richtung Parität gesunken war, setzte im Autohandel eine vergleichbare Rabattschlacht ein. Sie führte zu höheren Verkaufszahlen bei Neuwagen. Als Folge davon kamen die Preise für Occasionsfahrzeuge unter Druck. Zudem hat ein jünger werdender Schweizer Fuhrpark zur Folge, dass die Garagisten weniger Reparaturen ausführen können. Das ver­ändert die Spielregeln für das Gewerbe zusätzlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2015, 22:39 Uhr

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