Mit längerer Arbeitszeit Stellen gesichert

Nach dem Frankenschock haben zahlreiche Unternehmen die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter erhöht. In einigen Fällen auch, um den Gewinn zu optimieren.

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Anfang 2015, nachdem die Schweizerische Nationalbank den Euromindestkurs aufgehoben hatte, ergriffen die Manager zahlreicher Industrieunternehmen Sofortmassnahmen. Sie wollten verhindern, dass ihre Firmen nach der Aufwertung des Frankens gegenüber der Konkurrenz im Ausland zu sehr ins Hintertreffen geraten oder gar in die ­roten Zahlen rutschen. Eine der Massnahmen waren längere Arbeitszeiten. Als eines der ersten Unternehmen erhöhte der Technologiekonzern Bühler mit Sitz im sankt-gallischen Uzwil damals die wöchentliche Arbeitszeit der Mitarbeiter in der Schweiz von 40 auf 45 Stunden. Ziel dieser und anderer Massnahmen sei es, Marktanteile und Profitabilität zu halten, liess Bühler damals verlauten. Offensichtlich wurde dieses Ziel mehr als erreicht: Trotz Frankenschock ist der Umsatz des Konzerns, der hauptsächlich Getreidemühlen und andere Maschinen zur Verarbeitung von Lebensmitteln herstellt, letztes Jahr um 3,4 Prozent gestiegen. Die Profitabilität konnte mit einem Anstieg des operativen Ergebnisses um 22,4 Prozent sogar noch deutlicher gesteigert werden.

Für die Gewerkschaft Unia ist dieses Rekordergebnis auf dem Buckel der Beschäftigten erwirtschaftet worden. «Viele Mitarbeiter fühlen sich verschaukelt», schrieb sie vor kurzem in einem Communiqué. Bei Bühler wird nicht abgestritten, dass das gute Ergebnis auch eine Folge der Arbeitszeitverlängerung ist. Die Mehrarbeit an den Schweizer Standorten sowie Restrukturierungen an europäischen Standorten hätten sich positiv auf den Unternehmensgewinn ausgewirkt, kommentiert die Unternehmensführung die Zahlen.

Vorbildliches Beispiel

Den Vorwurf der Unia, die Mitarbeiter würden für die Mehrarbeit trotz Rekordergebnisses nicht entschädigt, weist ­Unternehmenssprecher Burkhard Böndel zurück. Die Gewinnausschüttung, welche die Mitarbeiter über die Erfolgs­beteiligung erhielten, sei höher als der ­Gegenwert der Mehrarbeit. Diese sei aber ein wichtiges Element gewesen, um die Konkurrenzfähigkeit zu erhalten und Zeit für weitere Produktivitätsverbes­serungen zu bekommen. Ab April gilt bei Bühler wieder die Normalarbeitszeit, nachdem im Herbst in einem Zwi­schenschritt die Wochenarbeitszeit auf 42,5 Stunden gesenkt worden war.

Ob sich tatsächlich viele Bühler-Angestellte durch das Rekordergebnis ihres Arbeitgebers veräppelt fühlen, wie dies die Unia behauptet, lässt sich schwer eruieren. Hört man sich bei anderen Personalorganisationen um, wird Bühler sogar explizit als Beispiel eines Arbeitgebers genannt, bei dem die Erhöhung der Arbeitszeit nach dem Frankenschock vorbildlich umgesetzt worden sei. Überhaupt fällt die Bilanz der Gewerkschaft Syna und des Verband Angestellte Schweiz über die bei Schweizer Industrieunternehmen ergriffenen Krisenmassnahmen nicht durchwegs negativ aus.

Gemäss Syna-Sprecherin Colette gibt es Firmen, welche die Wechselkurssituation als Vorwand benutzen wollten, um mit einer Arbeitszeiterhöhung ihre Marge aufzubessern. Wenn in diesen Fällen von Personalseite her dann aber Bedingungen wie etwa ein Kündigungsverbot gefordert worden seien, hätten solche Arbeitgeber oft von der Massnahme wieder abgesehen. «Das zeigt klar, dass diesen Unternehmen das Wasser eben nicht bis zum Hals gestanden hat».

Geprellte Arbeitnehmer

Hansjörg Schmid vom Verband Angestellte Schweiz berichtet von Fällen, bei denen sich die Arbeitnehmenden geprellt fühlten, weil Arbeitszeiterhöhung trotz nachweisbar schwarzen Zahlen vereinbart worden sei. Auch gebe es Beispiele, bei denen es trotz der längeren Arbeitszeiten zum Stellenabbau gekommen sei, etwa beim Gebäudetechnikunternehmen Sauter in Basel oder bei Schleifmittelhersteller Sia Abrasives in Frauenfeld. Anderseits kennt Schmid viele Betriebe, bei denen durch Mehrarbeit wichtige Kostenverbesserung erzielt werden konnten. Bei diesen sei zudem oft eine verstärkte Solidarisierung der Arbeitnehmenden mit dem Unternehmen als Zusatzeffekt zum Tragen gekommen. Diesen Eindruck bestätigt auch Kalt von der Gewerkschaft Syna: In Unternehmen, die tatsächlich arg gebeutelt wurden, hätten die meisten Angestellten durchaus Verständnis für Massnahmen wie Arbeitszeitverlängerung gehabt. Mindestens wenn diese tatsächlich dem Erhalt der Arbeitsplätze diente.

Dass bei den Industrieunternehmen letztes Jahr die Arbeitszeiten so rasch erhöht werden konnten, ist auf den Krisenartikel im Gesamtarbeitsvertrag der Maschinenbau-, Elektro- und Metallverarbeitungsbranche (MEM-GAV) zurückzuführen. Branchenverband Swissmem geht von rund 80 dem MEM-GAV unterstellte Unternehmen aus, welche die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter erhöht haben. Dazu dürften zahlreiche weitere meist kleinere Unternehmen kommen. So schätzt der KMU-Verband Swissmechanic, dass jedes fünfte der rund 1400 Mitglieder letztes Jahr die Arbeitszeiten hinaufgeschraubt hat. Oft wurden die Anpassungen der Arbeitsbedingungen nur unternehmensintern abgehandelt. Laut Syna-Sprecherin Kalt würden viele Angestellten ihre Betriebe sehr gut kennen und könnten auch deren wirtschaftliche Lage gut abschätzen. Wenn Massnahmen wie Arbeitszeitverlängerungen gerechtfertigt seien, würde solchen auch zugestimmt.

In zahlreichen Unternehmen ging die Sache dennoch nicht reibungslos über die Bühne. So sei in vielen Fällen den Arbeitnehmervertretungen einfach die Vereinbarung zur Unterzeichnung vorgehalten worden, ohne dass der Arbeitgeber die für die Entscheidungsfindung nötigen Kennzahlen offengelegt habe, sagt Kalt. Auch die Frist, die zur Annahme der Vereinbarung gesetzt worden sei, sei vielfach unanständig kurz gewesen. So seien die Personalkommissionen unter Druck gesetzt und der Beizug der Gewerkschaften ausgeschlossen worden.

Überstunden kalt abgebaut

Von hohem Druck von Arbeitgeberseiten in gewissen Fällen berichtet auch die Gewerkschaft Unia. Mit der Androhung des Stellenverlustes seien die Personalkommissionen bisweilen in Geiselhaft genommen und die Massnahmen diktatorisch durchgeboxt worden, sagt Unia-Mediensprecher Peppo Hofstetter. Obwohl die Unia den GAV mitträgt und nach dem Frankenschock das Personal diverser Unternehmen beim Abschluss der Arbeitszeitvereinbarungen unterstützt hat, übt sie auch grundsätzliche Kritik am Instrument der Arbeitszeitverlängerung. So erhöhten längere Arbeitszeiten die psychische und physische Belastung nochmals, sagt Christian Gusset, der bei der Unia für die MEM-Industrie zuständig ist.

Der Gewerkschafter bezeichnet es aber vor allem als Fehlschluss, dass der Output gleich stark zunehme, wie die Arbeitszeiten verlängert würden. «Längere Arbeitszeiten wurden stattdessen oft einfach dazu benutzt, Überstundensaldi kalt abzubauen.» Das wirke sich positiv auf die Erfolgsrechnung der Unternehmen aus, habe aber nichts mit einer nachhaltig besseren Produktivität zu tun. Und selbst wenn die Mehrarbeit zu Produktivitätssteigerungen führten, brächten diese nicht die grossen Veränderungen in der Kostenstruktur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2016, 22:54 Uhr

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Auf Unternehmensseite fällt die Bilanz zur Arbeitszeitverlängerung positiv aus. Diese Massnahme habe mitgeholfen, die Kosten zu senken, die Produktivität zu erhöhen und damit die negativen Auswirkungen der Frankenstärke zu mildern, heisst es beim Branchenverband Swissmem. Dessen Sprecher Ivo Zimmermann wehrt sich auch gegen den Vorwurf, gewisse Unternehmen hätten den Frankenschock missbraucht, um von den Angestellten unbezahlte Mehrarbeit zu verlangen. Die negativen Auswirkungen der Aufhebung des Euromindestkurses im Januar vor einem Jahr habe viele Unternehmen gezwungen, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um das eigene Über­leben und damit auch Arbeitsplätze zu sichern. Schliesslich seien über ein Drittel der MEM-Unternehmungen letztes Jahr in die Verlustzone geraten.

Ähnlich wie bei den Arbeitgeberverbänden tönt es auch bei den Unternehmen selbst: Ein Sprecher des Zentralschweizer Haushaltgeräteherstellers V-Zug etwa sagt, dass vor allem die generelle Erhöhung der Arbeitszeit es erlaubt habe, letztes Jahr die Wettbewerbsfähigkeit hoch zu halten. Beim Ostschweizer Zugbauer Stadler Rail werden die längeren Arbeitszeiten als «massgeblich» dafür bezeichnet, dass das wirtschaftlich schwierige Jahr 2015 überbrückt werden konnte und keine Stellen abgebaut werden mussten. In den Fabriken von Eternit (Schweiz) hingegen, wo unter anderem Fassaden- und Dachelemente für den europäischen Markt hergestellt werden, wurden die längeren Arbeitszeiten vorzeitig aufgehoben. Der Grund dafür: Es hatte nicht ausreichend Arbeit gegeben. Die Massnahme hatte für das Unternehmen aber den positiven Effekt, dass die Überzeit der Mitarbeitenden abgebaut werden konnte, wie ein Sprecher auf Anfrage sagte. (rj)

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