Das müssen Sie über den Handelskrieg wissen

Donald Trump kann sich keinen schlechten Deal leisten und Xi Jinping ist unter Druck: Antworten zum Konflikt zwischen den USA und China.

US-Detailhändler werden die Mehrkosten durch die Zölle an die Konsumenten weitergeben müssen: Eine Frau beim Shopping in New York. Foto: Getty Images

US-Detailhändler werden die Mehrkosten durch die Zölle an die Konsumenten weitergeben müssen: Eine Frau beim Shopping in New York. Foto: Getty Images

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Stephen Roach sagt es deutlich: «Donald Trump hat im Handelskrieg die Glaubwürdigkeit verloren.» Das betonte der ehemalige Chefökonom von Morgan Stanley gegenüber CNBC. Auslöser war ein Anruf aus China. Oder, besser gesagt, ein erfundener Anruf. Denn der US-Präsident hatte behauptet, China habe am Vorabend die US-Regierung kontaktiert und Gesprächsbereitschaft signalisiert. Das Problem: Es war gelogen. China dementierte, und Trump revidierte.

Schwindeln gehört bei Trump zur Tagesordnung. Auch das Hin und Her im Handelskrieg ist Kalkül. Am Freitag bezeichnete er den chinesischen Präsidenten Xi Jinping als Feind, am Montag lobte er ihn. Am Freitag verbot er via Twitter-Hüftschuss US-Unternehmen das Geschäft mit China – nicht, dass er dazu die Macht hätte – am Montag signalisierte er Gesprächsbereitschaft.

Statt dass man zu einer Einigung gelangt wäre, verschärfte sich die Lage.

Das sei halt seine Art zu verhandeln, erklärte Trump am Montag am Rande des G-7-Gipfels. Damit habe er als Geschäftsmann viel Erfolg gehabt. Recht hat er damit zwar nicht, doch hilft es zu verstehen, wie der US-Präsident tickt und wie sich der Disput entwickeln dürfte. Dazu die wichtigsten Antworten.

1. Wie geht es im Handelskrieg zwischen den USA und China weiter?

Beide Seiten zeigen sich gesprächsbereit. Trump signalisierte dies am G-7-Gipfel, Liu He – chinesischer Chefunterhändler und Vizepremier – an einer Konferenz in Chongqing. «Wir sind bereit, über die Lösung des Handelsstreits ruhig zu verhandeln», sagte Letzterer. Deshalb ein Ende des Konflikts zu erwarten, wäre aber naiv.

Jede weitere Eskalation erschwert die Lösung des Handelskriegs.

Seit dem Beginn des Disputs vor mehr als einem Jahr gab es immer wieder Verhandlungen. Doch statt dass man zu einer Einigung gelangt wäre, verschärfte sich die Lage weiter. Gestiegen ist damit auch der Einsatz. In den USA finden in weniger als fünfzehn Monaten Wahlen statt. Trump kann sich keinen schlechten Deal leisten, will er die Chancen auf die Wiederwahl nicht verspielen – ist er doch gemäss Eigenlob ein Meister des Verhandelns.

Auch Xi Jinping ist unter Druck. Das Wirtschaftswachstum stockt, und in Hongkong geht das Volk seit drei Monaten auf die Strasse. Wegen der internen Probleme kann sich Xi Jinping keine Schwäche leisten. Und jede weitere Eskalation erschwert die Lösung des Handelskriegs. Darum dürfte China auf Zeit spielen und auf eine Wahlniederlage von Trump setzen, während Trump – wie bisher – mit wilden Tweets den Krieg eskalieren lässt und China zu Gegenmassnahmen treibt.

2. Welches ist die nächste Eskalationsstufe?

Bisher hat Washington Strafzölle von 25 Prozent auf chinesischen Produkten in der Höhe von 250 Milliarden Dollar eingeführt. In einem nächsten Schritt wird das Weisse Haus per 1. September Strafzölle von 15 Prozent auf Güter in der Höhe von 111 Milliarden Dollar und per 15. Dezember auf Importe mit einem Wert von 156 Milliarden Dollar einführen. Für die US-Wirtschaft ist das ein grosser Test. Denn bei diesen Produktgruppen handelt es sich primär um Konsumgüter wie Schuhe, Kleider und Smartphones.

Laut Chad Bown vom Peterson Institute for International Economics wird der Anteil der aus China importierten Konsumgüter, die mit Strafzöllen belegt werden, von 29 auf 69 Prozent steigen. Gemäss Trumps Tweet vom Freitag sollen am 1. Oktober die Strafzölle von 25 auf 30 Prozent erhöht werden. Ab dem 15. Dezember sind laut Bown dann 97 Prozent der chinesischen Importe mit Strafzöllen belegt. Auch China wird am 1. September und am 15. Dezember neue Strafzölle einführen. Peking wird unter anderem Agrargüter, Industrieprodukte und Autoteile in der Höhe von 75 Milliarden Dollar mit Strafzöllen von 5 und 10 Prozent belegen – Autos gar mit 25 Prozent. Weil China gegenüber den USA einen Handelsüberschuss ausweist – 2018 betrug er 420 Milliarden Dollar – kann es nicht in gleichem Mass mit Strafzöllen zurückschlagen. Gesamthaft wird China amerikanische Importe in der Höhe von 185 Milliarden Dollar belasten.

Für Edward Alden vom Council on Foreign Relations hat der Handelskrieg eine gefährliche Phase erreicht. «Beide Länder wenden Handelssanktionen nicht mehr in einer vernünftigen und strategischen Weise an, um ihre Verhandlungsposition zu stärken, sondern versuchen mit ihren Aktionen dem anderen erheblichen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen», schreibt er in einem Kommentar.

3. Wie gross ist der wirtschaftliche Schaden?


Noch hält sich der Schaden in den USA in Grenzen. Die Wirtschaft wächst, und der Arbeitsmarkt brummt. Doch die Konjunktur hat seit 2018 an Dynamik eingebüsst. Die Unternehmensgewinne nach Steuern und die Zahl der neu geschaffenen Stellen stagnieren. Noch schlimmer sieht es beim verarbeitenden Gewerbe aus. Es befindet sich in einer Rezession. Getragen wird das Wachstum derzeit von den Konsumenten. Die geplanten Zölle auf Konsumgüter und sinkendes Konsumentenvertrauen deuten aber auch hier auf eine Eintrübung hin.

Gregory Daco von Oxford Economics schätzt, dass die Strafzölle die US-Wirtschaft nächstes Jahr um 0,8 Prozent belasten werden. Hierbei macht er einen direkten Einfluss von 0,5 Prozent und einen indirekten von 0,3 Prozent aus. Dazu zählt er etwa den Vertrauensverlust sowie restriktivere finanzielle Bedingungen. Deutlich weniger Zuversicht haben die CEO bereits jetzt.

4. Wie reagieren die Unternehmen?

Wegen des handelspolitischen Wirrwarrs halten sich Unternehmen deutlich zurück. Von dem kurzfristigen Boom an Investitionen in Anlagen und Maschinen im Zuge der US-Steuerreform ist nicht mehr viel übrig. Gleichzeitig ist die Verlagerung der Produktionsketten aus China beispielsweise nach Vietnam nicht so einfach. Denn kein anderes Land verfügt über die Infrastruktur sowie ein solch grosses Angebot an Arbeitskräften.

Insofern bleibt vielen Unternehmen nichts anderes übrig, als die Produktion in China zu belassen und einen Teil der durch die Strafzölle verursachten Mehrkosten an die amerikanischen Konsumenten weiterzugeben. Das gilt besonders für Detailhändler wie Gap und Co.

Als die US-Regierung Anfang August die nächste Runde von Strafzöllen angekündigt hatte, führte der Verband der Einzelhändler seine Bedenken an. «Amerikanische Verbraucher werden die Hauptlast der Zölle auf Alltagsgegenständen wie Kleidern, Spielzeug, Haushaltswaren und elektronischen Geräten tragen», hiess es in einem Schreiben. Entsprechend gerieten die Aktien von Branchenvertretern wie Macy’s, Best Buy und Gap unter Druck.

5. Was bedeutet der Disput für die Anleger?


Angenommen, dass im Handelsstreit eine Einigung auf sich warten lässt, müssen Anleger sich auf weitere Turbulenzen einstellen. Das zeigt auch der Economic Policy Uncertainty Indicator, der die wirtschaftspolitische Unsicherheit misst. Er erreichte am Wochenende für die USA den höchsten Wert seit Juni 2016. In solch unsicheren Zeiten profitieren sichere Anlageklassen wie Staatsanleihen, defensive Aktien und Gold.

Defensive Titel zeigten im laufenden Jahr gegenüber konjunktursensitiven Valoren bereits eine bessere Kursentwicklung. Gemäss einer Analyse von UBS schneiden in den USA und in Europa die Branchen Versorger, Immobilien und Konsumgüter bei einer Eskalation des Handelsstreits am besten ab. Anders sieht es bei Aktien aus den Sektoren Industrie, IT, Energie und Rohstoffe aus. Sie dürften bei einer weiteren Verschärfung der Lage unter Druck geraten.


Gemischte Signale aus Biarritz

Das diesjährige Treffen der G-7-Staaten ist mit versöhnlichen Tönen zu Ende gegangen. Dennoch hat der Gipfel im französischen Badeort Biarritz kaum dazu beigetragen, die Unsicherheit an den Finanzmärkten zu reduzieren. Zu widersprüchlich waren die Signale, die von US-Präsident Trump ausgingen.

Zwar wollte der französische Präsident Emmanuel Macron ursprünglich auf eine Abschlusserklärung verzichten – wohl um den peinlichen Eklat des Vorjahres zu vermeiden, als sich Trump nachträglich vom Papier distanziert hatte. Am Ende verständigten sich die Teilnehmer dennoch auf ein gemeinsames, wenn auch ziemlich knapp gehaltenes Dokument.

Immerhin scheint sich die Situation auf den einzelnen bilateralen Ebenen nicht verschärft zu haben.

Darin verschreiben sich die G-7-Staaten unter anderem einem offenen, fairen Welthandel sowie einer stabilen Weltwirtschaft. Zu diesem Zweck soll die Welthandelsorganisation WTO gestärkt werden, gerade auch hinsichtlich Schutz von intellektuellem Eigentum – ein Punkt, der im Konflikt zwischen den USA und China zurzeit eine zentrale Rolle einnimmt.

Immerhin scheint sich die Situation auf den einzelnen bilateralen Ebenen nicht verschärft zu haben. So erklärte Trump, er gehe davon aus, mit der Europäischen Union eine Einigung zu finden, ohne Strafzölle auf Automobilimporte einführen zu müssen. Diese würden vor allem deutsche Hersteller wie Volkswagen oder BMW belasten und gemäss dem Interessenverein DIHK zu jährlichen Mehrkosten von sechs Mrd. € führen.

Auch im Handelskonflikt der USA mit Japan blieb der Ton versöhnlich. Die Parteien konnten sich auf Kernelemente einer Handelsvereinbarung einigen. Diese sieht vor, dass Japan in der Agrarwirtschaft Zugeständnisse macht, während die USA vorerst auf höhere Automobilzölle verzichten.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 29.08.2019, 16:26 Uhr

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