Der Banken-Sündenbock muckt auf

Der einstige UBS-Händler Tom Hayes wurde für seine Rolle im Libor-Skandal zu elf Jahren Haft verurteilt. Seine ehemaligen Chefs kamen davon. Das will Hayes ändern.

Ex-Trader Tom Hayes: Er wirft den Behörden vor, dass sie nicht gegen die Top-Shots vorgehen.

Ex-Trader Tom Hayes: Er wirft den Behörden vor, dass sie nicht gegen die Top-Shots vorgehen. Bild: Suzanne Plunkett/Reuters

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Die Strafe ist hart. Der Londoner Händler Tom Hayes wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt. Nach einem Rekurs wurde sie auf 11 Jahre reduziert. Hayes soll zusammen mit Tradern von anderen Banken den internationalen Referenzzinssatz Libor manipuliert haben, so der Vorwurf gegen ihn. Hayes bestreitet das vehement und beteuert seine Unschuld. Mehrere Banken wie Barclays, UBS, RBS, Rabobank und die Deutsche Bank mussten deshalb milliardenschwere Bussen bezahlen. Weitere Händler wurden zu Haftstrafen verurteilt, doch keinen erwischte es so hart wie Hayes.

Ganz ohne Strafe kamen derweil die Top-Shots der verschiedenen Geldhäuser davon. Bislang jedenfalls. Hayes wirft nun in einem Schreiben den britischen Behörden vor, sie hätten keine abschliessende und unabhängige Untersuchung durchgeführt. Der Brief, den Hayes aus seiner Zelle in einem Hochsicherheitsgefängnis schrieb, liegt der «Financial Times» vor (Artikel bezahlpflichtig).

Spitzenkräfte bleiben verschont

Hayes kritisiert darin insbesondere, dass nur einfache Händler verurteilt wurden. Denn auch die Spitzenkräfte der involvierten Banken und sogar die britische Notenbank, die Bank of England, sollen über die Absprachen informiert gewesen sein. Die Behörden würden bis heute nicht verstehen, wie der Libor-Zinssatz funktioniere. Sonst müssten sie einsehen, dass der Wert nicht alleine von Händlern habe manipuliert werden können. Hayes besitze neue Beweise, mit denen er das belegen könne.

Die britische Behörde gegen Finanzbetrug (SFO) bestreitet gegenüber der FT diesen Vorwurf. Sie sei noch immer mit den Ermittlungen beschäftigt und ginge jedem Beweis nach. Sie nehme dabei keine Rücksicht, gegen wen sie ermittle.

Der Libor ist ein Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Er wird täglich von verschiedenen Geldhäusern festgelegt. Von der Höhe des Liborsatzes sind etwa Haus- und Konsumkredite sowie andere Finanzprodukte abhängig. In der Folge des Skandals wurde das System reformiert.

Verbindung in die Schweiz

Hayes ist nicht der einzige Banker, der im Zusammenhang mit dem Libor-Skandal verurteilt wurde. Im Sommer erhielten vier ehemalige Händler der britischen Barclays mehrjährige Haftstrafen. Auch Schweizer Banker tauchten im Verfahren auf, dies berichtete die «Handelszeitung» im letzten Sommer.

Die beiden ehemaligen UBS-Banker standen laut dem zuständigen Staatsanwalt Mukul Chawla im engen Austausch mit Hayes. Die beiden kommunizierten über einschlägige Chats. Gegen einen der beiden Schweizer Händler wurde nicht ermittelt, gegen den anderen lief in den USA ein Verfahren.

Familie sammelt Geld für Verfahren

Der am Asperger-Syndrom leidende Hayes wurde mit Abstand am härtesten bestraft. Er hat schon mehrmals darauf hingewiesen, dass er nur der Sündenbock in dieser Sache sei. Staatsanwalt Chawla sieht das anders. Er warf dem Ex-Trader reine Geldgier vor. Hayes sei das eigentliche Mastermind hinter der Libor-Absprache gewesen. Er habe die Zinsen nur manipuliert, um daraus einen persönlichen Profit zu ziehen. Zusätzlich zu seiner Haft muss er daher der britischen Regierung eine Strafe von 900'000 Pfund bezahlen.

Schafft er das nicht, droht ihm eine noch längere Strafe. Seine Familie sucht deshalb händeringend Geld. Sie sammelt über eine Spenden-Plattform, um das aus ihrer Sicht unfaire Urteil anzufechten. Sie haben sich 150'000 Pfund zum Ziel gesetzt. Aktuell wurden bereits mehr als 77'000 Pfund gespendet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.10.2016, 15:37 Uhr

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