Der clevere Herr Spuhler

Mit Doris Leuthard holt sich Stadler Rail eine weitere Politikerin in den Verwaltungsrat. Warum das Sinn ergibt. 

Mit Leuthard komplettiert er seinen Verwaltungsrat wieder: Stadler-CEO Peter Spuhler im Hochgeschwindigkeitszug «Giruno» der Stadler Rail. Foto: Keystone

Mit Leuthard komplettiert er seinen Verwaltungsrat wieder: Stadler-CEO Peter Spuhler im Hochgeschwindigkeitszug «Giruno» der Stadler Rail. Foto: Keystone

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Der Verwaltungsrat von Stadler Rail ist heute schon äusserst prominent besetzt. Mit Friedrich Merz sitzt dort ein deutscher Politiker, der in der Führungsriege der CDU und als Kanzlerkandidat im Gespräch ist. Christoph Franz ist neben seinem Posten bei Peter Spuhlers Bahnunternehmen Verwaltungsratspräsident von Roche. Und nun soll noch Doris Leuthard dem Gremium beitreten. Damit wird das Beziehungsnetz des Verwaltungsrats vor allem zur Politik weiter gestärkt. Ein Umstand, der im Bahnbusiness entscheidend sein kann.

Gerade in der Schweiz ist das Bahngeschäft ein eng mit der Politik verwobenes Business. Die SBB sind die Staatsbahn, die zweitgrösste Schweizer Bahngesellschaft BLS gehört zur Hälfte dem Kanton Bern und zu 20 Prozent dem Bund. Da schaden gute Beziehungen zu politischen Entscheidungsträgern nicht.

Deshalb ist auch nachvollziehbar, warum Leuthard in den Verwaltungsrat von Stadler eintreten soll. Das politische, aber auch wirtschaftliche Netzwerk, das sie über die letzten Jahre als Chefin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) aufgebaut hat, soll angezapft werden. Oder wie es Stadler Rail in einer Mitteilung beschrieb: Leuthard sei wegen «ihrer ausgewiesenen Fachkompetenz in Verkehrs- und Infrastrukturfragen sowie ihrer politischen Erfahrung als ehemalige Bundesrätin und Verkehrsministerin ein grosser Gewinn» für das Unternehmen.

Mit Doris Leuthard hält nun auch die Nähe zu den SBB Einzug – und die wollen Züge für 3 Milliarden bestellen.

Alt-Bundesrätin Leuthard ergänzt gerade in der Schweiz das Beziehungsnetz von Barbara Egger-Jenzer. Egger-Jenzer ist erst in diesem Jahr zur Stadler-Verwaltungsrätin gewählt worden und war vorher lange Jahre in der Berner Regierung. Dort war sie bis 2018 zuständig für Verkehrsbelange – und somit auch für die BLS. Sie sass sogar als Vertreterin des Kantons im Verwaltungsrat des Bahnunternehmens. Die Beziehungen zur Nummer zwei im Schweizer Bahnverkehr sind also bereits bestens im Verwaltungsrat von Stadler.

Die BLS ist heute schon Grosskunde von Stadler. Im vergangenen Jahr sicherte sich Stadler einen BLS-Auftrag, der 58 neue Züge umfasst. Der Wert der Bestellung wurde damals auf 583 Millionen Franken beziffert.

Mit Doris Leuthard hält nun noch die Nähe zu den SBB, dem mit Abstand grössten Bahnunternehmen in der Schweiz, Einzug in den Verwaltungsrat. Diese Beziehungen könnten schon bald wichtig werden. Denn bei den SBB steht eine grosse Zugbestellung bevor.

SBB-Personenverkehrschef Toni Häne sprach im Frühjahr gegenüber dieser Zeitung von einem neuen Grossauftrag. Dabei geht es um eine Bestellung von neuen einstöckigen Regionalzügen. Denn die komplette Regionalverkehrsflotte soll ersetzt werden. Der Bestellumfang wird rund 3 Milliarden Franken sein, und die Züge sollen im Wallis und im Thurgau bereits ab 2023 rollen. Um die Bestellung zu vereinfachen und ein Debakel wie bei den Doppelstöckern von Bombardier zu verhindern, sollen keine absoluten Neuentwicklungen mehr bestellt werden.

Das heisst, man setzt auf Rollmaterial, das sich bei anderen Bahnen bereits bewährt hat. Und da könnte Stadler etwa mit seiner Flirt-Linie punkten, die der Zughersteller bereits in etliche Länder verkauft hat – und die auch bei den SBB zum Einsatz kommen.

Kontakte ins Ausland von Bedeutung

Auch im Ausland ist das Bahnwesen eng mit der Politik verwoben. Als Beispiel: In Taiwan arbeitet Stadler künftig mit einem staatlichen Schienenfahrzeughersteller zusammen. Und auch bei anderen Aufträgen in der jüngsten Zeit wurden Staatsbahnen zu Kunden von Peter Spuhlers Stadler Rail. Auch hier könnte Doris Leuthard künftig eine Rolle spielen. Dürfte sie doch auch Beziehungen in Verkehrsministerien auf der ganzen Welt haben.

Stadler macht denn auch einen Grossteil seiner Geschäfte im Ausland. Auch deshalb «braucht Stadler einen Verwaltungsrat, der einen entsprechenden Beitrag leisten kann», sagt eine Stadler-Sprecherin, «sei dies durch die berufliche oder die politische Erfahrung und die damit verbundene Beurteilung von geopolitischen Fragen.»

Verwaltungsrat wieder komplett

Mit Leuthard komplettiert Spuhler seinen Verwaltungsrat wieder. Dies, nachdem mit Werner Müller ein Mitglied des Gremiums in diesem Jahr verstorben ist. Leuthard wird für ihre Dienste rund 110’000 Franken erhalten, wie eine Stadler-Sprecherin sagt.

Neben Friedrich Merz, Christoph Franz, Leuthard und Egger-Jenzer sitzen noch vier Männer im Verwaltungsrat von Stadler. Wirtschaftsanwalt Hans-Peter Schwald und Kurt Rüegg sind beides langjährige Begleiter und Vertrauenspersonen von Peter Spuhler. Zudem mit Fred Kindle ein weiterer klingender Name der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Er war zwischen 2005 und 2008 Chef von ABB und vorher in der gleichen Position bei Sulzer. Der polnische Geschäftsmann Wojciech Kostrzewa ergänzt mit seinen Beziehungen in Osteuropa den Rat.

Lesen Sie im Kommentar von Bundeshausredaktor Markus Brotschi, warum dieses Mandat aus politischer Sicht heikel ist.

Erstellt: 21.11.2019, 18:11 Uhr

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