Der globale Virenjäger

Der Mediziner Peter Piot kämpfte gegen die erste Ebola-Epidemie in Afrika und später jahrelang gegen die Weltseuche Aids. Beides Killerviren, die dem Belgier alles abverlangten.

Es machte Peter Piot traurig, so viele Menschen während der Epidemie sterben zu sehen. Foto: Leon Neal (AFP)

Es machte Peter Piot traurig, so viele Menschen während der Epidemie sterben zu sehen. Foto: Leon Neal (AFP)

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Im September 1976 lieferte ein Pilot der Sabena Airlines höchst persönlich eine leuchtend blaue Thermosflasche an der Réception des Instituts für Tropische Medizin in Antwerpen ab. Ihr Inhalt: mit Eiswürfeln gekühlte Blutproben einer belgischen Nonne, die auf mysteriöse Weise in dem Dorf Yambuku, im damaligen Zaire, erkrankte. Und eine handgeschriebene Notiz des behandelnden Arztes, der um dringende Hilfe bei der Diagnose bat. War es vielleicht doch Gelbfieber?

«Wir wussten nicht, um welchen Erreger es sich handeln könnte», sagt Peter Piot, der gemeinsam mit Kollegen das ungewöhnliche, aus Afrika kommende biologische Gefahrengut in Antwerpen entgegennahm. Geschweige denn, wie gefährlich dieser sein könnte. Aus Unkenntnis forschten sie in ihrem Sicherheitslabor der Risikostufe 2 einfach weiter wie bisher — ohne Vollschutzanzug mit eigener Sauerstoffversorgung, sondern lediglich mit Latex-Handschuhen, weissem Laborkittel und bei Unterdruck. «Heute wäre dies gänzlich unvorstellbar», sagt der jetzige Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Doch so sei es damals gelaufen. In Zusammenarbeit mit Forschern des Hochsicherheitslabors in Atlanta haben sie den neuartigen Erreger schliesslich entdeckt – ein faden­förmiges Virus, das sie später Ebola nannten. Es ist äusserst gefährlich, da es viele der Infizierten bei hohem Fieber innerlich verbluten lässt.

Ausgerechnet das Missionskrankenhaus wirkte als Kata­lysator der Seuche.

Der Ausbruch der Krankheit bei Yambuku war die erste bekannt gewordene Epidemie von Ebola. Und Peter Piot war einer der Ersten, der sich freiwillig meldete, um in der Seuchenzone umgeben von Regenwald anhand von Blutproben sowie Gesprächen mit Betroffenen herauszufinden, wie es dazu überhaupt kommen konnte. Sein Fazit: Ausgerechnet das Missionskrankenhaus wirkte als Kata­lysator der Seuche. Denn dort gaben die Nonnen schwangeren Frauen Vitaminspritzen, ohne vorher die Nadeln auszutauschen oder zu sterilisieren. Ähnlich wie bei der aktuellen Ebola-Epidemie habe sich der Erreger damals unter anderem aber auch durch die traditionellen Bestattungsrituale verbreitet, sagt Piot bei unserem Treffen in Basel in einer ruhigen Ecke hinter weissen Stellwänden auf dem 9. Europäischen Kongress zu Tropenmedizin und globaler Gesundheit, bei dem 1992 Teilnehmer aus 101 Ländern zusammenkamen.

Abenteuer Afrika

Hat er sich in Yambuku nicht gefürchtet, selbst krank zu werden? Nein, sagt Piot entschlossen. Er sei erst 27 Jahre alt gewesen und habe diesen Gedanken vermutlich verdrängt. Als junger Forscher und Mediziner habe er dabei sein wollen, wo etwas passiere, sich auf dieses Abenteuer einlassen, habe in erster Linie aber den betroffenen Menschen helfen wollen. Leider hat er dort auch viele Menschen auf tragische Art und Weise sterben sehen, was ihn sehr traurig und nachdenklich gemacht hat. Von den insgesamt 318 Patienten verlief die Krankheit bei 280 tödlich. Dies sei aber kein Vergleich zur aktuellen Epidemie in Westafrika, bei der es bereits mehr als 11'000 Tote gebe. Dass diese so schlimm wird, hat der belgische Seuchen-Experte am Anfang nicht gedacht.

Die Horrorvorstellung, dass die Ebola-Seuche womöglich auch die turbulente Hauptstadt Kinshasa treffen könnte.

Erst im Juni 2014 erkannte Piot aufgrund der alarmierenden Mitteilungen von Médecins Sans Frontières, dass die Epidemie tatsächlich völlig anders verlief als alle bisherigen. Daraufhin hat Piot im amerikanischen Nachrichtensender CNN umgehend gefordert, dass man in den betroffenen Ländern sofort den Ausnahmezustand ausrufen soll und eine Art militärische Kontrolle für Quarantänestationen einrichten muss, damit sich das Virus nicht weiter verbreitet. «Bei diesen vehementen Worten habe ich mich selbst zuerst nicht wiedererkannt», sagt der 66-jährige Belgier. Schliesslich sei er ein Flame und neige nicht zu Übertreibungen. Bedauerlicherweise habe die Weltgesundheitsorganisation erst viel zu spät reagiert und sich aktiv eingeschaltet.

In seiner Karriere hat der Infektionsmediziner nicht nur Ebola den Kampf angesagt, sondern vor allem auch Aids. Ausgerechnet eine weitere Reise nach Zaire, das sich heute Demokratische Republik Kongo nennt, war erneut ein Schlüsselerlebnis, das sein Leben veränderte. Als er 1983 wieder in das Land flog, um dort ein Forschungsprojekt über HIV-Infektionen zu entwickeln, plagte ihn auf einmal ein Albtraum vom ersten Aufenthalt. Die Horrorvorstellung, dass die Ebola-Seuche womöglich auch die turbulente Hauptstadt Kinshasa treffen könnte. Zum Glück passierte dies 1976 nicht – doch ein paar Jahre später war das HI-Virus dort.

Hat er damals bereits geahnt, dass dieses Virus einst Millionen Menschen töten wird? Er habe gewusst, sagt Piot mit ruhiger Stimme, dass, wenn der Erreger einmal die grossen Städte erreiche, dieser zu einer der schlimmsten Epidemien weltweit führe und die Bekämpfung zu einer der grössten Herausforderungen werde, für die er all seine Energien benötige. «Besonders erschütternd war», sagt er, «festzustellen, dass HIV-Positive dort stigmatisiert und gesellschaftlich geächtet wurden. Ähnlich wie zuvor bei der Ebola-Epidemie.» Zwischen den beiden Seuchen gebe es einige Parallelen.

Als erster Vorsitzender des Aidsprogramms der Vereinten Nationen (Unaids) war Piot von 1995 bis 2008 politisch aktiv, um zusammen mit Aidsgruppen und Aktivisten global etwas zu bewegen und zu verändern. Unermüdlich hat er seine Botschaften verkündet und kam mit führenden Politikern wie Kofi Annan, Fidel Castro oder Nelson Mandela zusammen. Er hat aber auch Druck auf die Pharmaunternehmen ausgeübt und gleichzeitig Milliarden Dollar mit Fund­raising aufgetrieben. Denn auch arme Menschen in Entwicklungsländern, wo mehr als 90 Prozent der HIV-Infizierten leben, sollten die lebensrettenden Medikamente erhalten. Mit Erfolg: Während dort zur Jahrtausendwende nur 200'000 HIV-Positive Zugang zu diesen Arzneien hatten, erhalten mittlerweile gemäss dem aktuellen Unaids-Bericht weltweit 15 Millionen Menschen den Cocktail aus Tabletten, der das HI-Virus langfristig in Schach hält.

Tintin, sein Idol von früher

Der Professor mit dem gepflegten Dreitagebart, dunklem Anzug, weissem Hemd und Brille, der während seiner Tätigkeit bei der UNO von 1992 bis 2008 in Genf lebte, scheint trotz des Trubels in der Konferenzhalle und dem bereits verspäteten nächsten Gesprächstermin die Ruhe in Person zu sein. Ein gefragter Experte in Zeiten von Ebola und Aids. Als Direktor des Londoner Instituts of Hygiene und Tropical Medicine reist Piot, ähnlich wie sein aus Kindheitszeiten verehrter Comic-Held Tintin, nach wie vor viel durch die Welt. Nun allerdings von London aus, wo er mit seiner Frau, der Anthropologin Heidi Larson, seit 2009 wohnt.

In die Schweiz kommt Piot in Zukunft wieder häufiger, da er seit diesem Sommer Mitglied des Stiftungsrats der Novartis-Stiftung ist. Sein Herz schlage jedoch vor allem für Afrika, sagt er verschmitzt. Das Afrikavirus habe ihn damals offenbar infiziert.

Erstellt: 25.09.2015, 17:31 Uhr

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