Der Rebell gegen die Eurozone

Der IWF veröffentlichte unter Chefökonom Olivier Blanchard eine Studie, die besagt, dass Griechenland ohne Schuldenerlass keine Chance habe.

IWF-Chefökonom Olivier Blanchard brach schon viele Tabus.

IWF-Chefökonom Olivier Blanchard brach schon viele Tabus. Bild: Rolex Dela Pena/Keystone

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Der Beweis für den Erfolg einer Kühnheit ist, dass sie niemand mehr als Kühnheit wahrnimmt. Sondern als Selbstverständlichkeit.

Doch selten ging das so rasant wie im Fall von Olivier Blanchard, dem Chefökonomen des IWF. Am Mittwoch veröffentlichte dieser eine Studie: Die griechischen Schulden seien untragbar, ohne Schuldenerlass habe das Land keine Chance.

Die ersten Reaktionen sprachen von «Tabubruch» und «Kriegserklärung an Deutschland». Denn der IWF vertrat damit den Hauptpunkt, den die griechische Regierung in den Verhandlungen mit der Eurozone sechs Monate vertreten hatte: Das Land ist bankrott und braucht einen Schuldenschnitt. Eine Analyse, auf die die Gegenseite nie einging. Die Verhandlungen endeten dann am Montag mit einer vollständigen griechischen Kapitulation: fremde Aufsicht, harte Sparprogramme, auf keinen Fall ein Schuldenschnitt.

Drei Tage später klang es so: Der EZB-Chef Mario Draghi nannte die Analyse des IWF «unbestritten». Und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte: «Niemand weiss, wie es ohne Schuldenschnitt gehen soll.» Nur sei ein solcher in der Eurozone «aus rechtlichen Gründen unmöglich». Deshalb sei der Exit Griechenlands aus dem Euro auch «die beste Lösung».

Diese Episode war der Schluss- wie Höhepunkt in Blanchards Karriere. Der Franzose war sein Leben lang Wirtschaftsprofessor in den USA gewesen, bevor ihn Dominique Strauss-Kahn zum IWF-Chefstrategen berief. Er begann im September 2008, Tage vor dem Lehman-Crash.

In den wüsten Jahren danach hatte Blanchard immer wieder mit Kühnheiten Schlagzeilen gemacht. Ursprünglich war der IWF der Rammbock für orthodoxe Liberalisierung gewesen. Nun, in der Krise, änderte der Fonds seine Ideen radikaler als fast alle sonstigen Institutionen. So plädierte der IWF für Konjunkturspritzen, höhere Inflation und lieferte die Zahlen, die bewiesen, dass das Wachstum in Europas Staaten proportional zum Budgetabbau sank. Dass also Austerität eine Wirtschaft in der Krise ruinierte und nicht, wie offiziell behauptet, sie zum Laufen brachte.

Das war mutig. Nur, wie im Fall Griechenland, blieben die Papiere des IWF blosses Störgeräusch. Am Anfang der Verhandlungen wäre die IWF-Studie tatsächlich eine Bombe gewesen, aber der Fonds zündete sie erst nach Griechenlands Kapitulation. Er fuhr durch die ganze Krise hindurch einen Zickzackkurs zwischen Rebellion und Nichtrebellion zur Eurozonen-Politik.

Das erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass der IWF seit 2010 vom Schwellenland-Kreditgeber zum wichtigsten Gläubiger maroder Staaten der Eurozone wurde. Und er will sein Geld zurück. Deshalb kann er die teuren Austeritätsexperimente seiner Gläubigerkollegen weder richtig dulden, noch richtig bekämpfen.

Für Blanchard ist das Spiel zu Ende. Er wird im September zurücktreten.

Erstellt: 17.07.2015, 11:17 Uhr

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