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Der Start-up-Feuerwehrmann

Früher löschte er im Irak Brände nach Selbstmordattacken – heute bringt der Amerikaner Roderick Warren aus seinem Wohnzimmer in Adliswil Jungunternehmer zusammen.

Roderick Warren suchte nach dem Grauen des Irakkriegs in der Schweiz einen Neuanfang. Foto: Urs Jaudas
Roderick Warren suchte nach dem Grauen des Irakkriegs in der Schweiz einen Neuanfang. Foto: Urs Jaudas

Die Explosion, die Roderick Warren am 19. Januar 2004 aus dem Schlaf reisst, ist heftiger als alles Bisherige. Dabei ist sich der Militär-Feuerwehrmann Einiges gewohnt. Seit einem halben Jahr baut der heute 40-Jährige für den Ölfelddienstleister Halliburton im Auftrag der US-Armee in Bagdad eine Feuerwehrmannschaft auf. Die Arbeit des Trupps kommt einer Sisyphusaufgabe gleich; beinahe im Tagesrhythmus erschüttern Anschläge die irakische Hauptstadt.

Warren trommelt also sein dreissigköpfiges Team zusammen. In seinem gelben Dodge Durango rast er ans andere Ende der drei Kilometer breiten Grünen Zone, in der die US-Truppen seit der Vertreibung von Saddam Hussein ein paar Monate zuvor ihr Hauptquartier eingerichtet haben. Was er sieht, erinnert ihn an die Hölle.

Noch bevor er im Trümmergebiet die Wagentür hinter sich geschlossen hat, ist er mittendrin. Als Erstes tritt er auf einen abgesprengten Arm. Der Selbstmordattentäter hat 500 Kilogramm Sprengstoff auf einem Markt hochgehen lassen und 60 Menschen mit in den Tod gerissen. Warrens Aufgabe ist es, die aufflammenden Feuer in der Umgebung zu löschen, Verletzte in Sicherheit zu bringen und den Abtransport der Leichenteile zu koordinieren.

Dieser Wintermorgen in Bagdad begleitet den ehemaligen Feuerwehrmann bis heute. «Vielleicht habe ich damals endgültig begriffen, dass selbst aus komplettem Chaos etwas Neues entstehen kann», sagt Warren. Er sitzt im Wohnzimmer seiner 4½-Zimmer-Wohnung in Adliswil ZH, die er mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern, 4 und 8 Jahre alt, teilt.

Hier am grossen Familientisch arbeitet Warren täglich rund 12 Stunden. Nicht mehr daran, Trümmergebiete aufzuräumen. Doch sein Ziel ist nicht weniger ambitioniert: Er will jedes einzelne Jungunternehmen weltweit kartografieren – auf seiner Plattform Startup-Blink. «Ich will einen virtuellen Ort bauen, an dem kluge Menschen aus Chaos Sinn machen», sagt Warren.

Schon 63'000 Start-ups weltweit

Über 63'000 Start-ups hat Warren schon beisammen. 300 kommen aus der Schweiz. «Insgesamt gehe ich hierzulande von rund 1000 Start-ups aus», sagt Warren. Am meisten Neuzugänge hat er – kaum überraschend – aus dem kalifornischen Silicon Valley, dem Start-up-Mekka, dicht gefolgt von Berlin und London. Aus diesen Städten kommen täglich Dutzende hinzu. Die Daten stammen aus Handelsregistern oder lokalen, offenen Datenbanken wie Startup.ch. Jungunternehmen können sich auf Start-­up-Blink zudem selber registrieren. Solche Einträge werden vor der Publikation geprüft: Gibt es die Unternehmen wirklich? Sind es eigenständige Firmen oder nur Produkte?

Boom bei Finanztechnologien

Am meisten Bewegung beobachtet ­Warren im Fintechbereich. Fintech steht für Finanztechnologien. Für Unternehmen also, die neue Online-Bezahllösung entwickeln, an neuen Aktienhandels-Apps oder Banking-Technologien arbeiten. «London vibriert am heftigsten», sagt Warren. In der britischen Hauptstadt sind auf Startup-Blink 135 Fintechfirmen eingetragen. Unternehmen mit Namen wie: The Currency Cloud, die den Devisenhandel vereinfachen will; oder Lovestocks – eine App, die intelligente Aktienkäufe mit weniger als drei Berührungen auf dem Smartphone verspricht.

«In der Schweiz dominieren Start-ups im Bereich E-Commerce», sagt Warren. Insgesamt 35 sind registriert. Zum Beispiel Mila, eine Zürcher Onlineplattform, auf der Nutzer Dienste anbieten, wie etwa Rasenmähen in der Nachbarschaft. Oder Suitart, eine Technologie, um sich online massgeschneiderte Anzüge zusammenzustellen.

Warren sitzt zwar in der Schweiz, aber Startup-Blink ist eine globale Internetfirma. Mitgründer ist der Israeli Eli David, der mit Lingolearn eine Online-Sprachschule aufgebaut hat. Programmiert wird der Dienst in Rumänien. Und die Stundenlöhner, die die Start-up-Einträge prüfen, sitzen überall auf der Welt.

Doch wie kommt ein Feuerwehrmann der US-Armee überhaupt dazu, in der Schweiz eine Plattform für Internet-Start-ups zu bauen?

Nach der Explosion der 500-Kilogramm-Bombe im Irak brauchte Warren eine Auszeit und reiste zu seiner Freundin in die Schweiz, die er einst am Zürcher Flughafen auf dem Heimflug nach Washington D.C. kennen gelernt hatte. Und er kehrte nicht ins Kriegsgebiet zurück. «In der Schweiz begriff ich, wie aufgewühlt und zerrissen ich innerlich war», erklärt Warren, «ich brauchte einen Neuanfang.»

Noch kein rentables Geschäft

Warren heiratete und brachte sich im ­Internet selber das Programmieren bei. «Ich wollte verstehen, wie Computer funktionieren.» Gleichzeitig bewarb er sich für alle möglichen IT-nahen Stellen. Bei Banken und Versicherungen. «Ich schrieb 500 Bewerbungen. Qualifiziert war ich für keinen dieser Jobs.» Umso überraschter war er, als sich der Zürcher Ableger der US-Firma Sun Microsystems bei ihm meldete. Sie brauchten jemanden, der ihre Server wartete. Er nahm den Job.

Nebenbei begann Warren eigene Start-ups zu gründen: Ein Musiklabel, dessen Aufnahmestudio in der Region von Zürich am ersten Tag überschwemmt wurde; eine Online-Pokersite; eine Videotechnologie, mit der Online-Autoverkäufer Kurzfilme ihrer Occasionen und Neuwagen drehen konnten. Alles floppte. Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sich das mit Startup-Blink ändern wird. Die Gründer haben bisher keinen Rappen verdient. Und knapp 100'000 Franken investiert.

Trotzdem hat Warren seinen Server-Management-Job zurückgesteckt, um mehr Zeit in Startup-Blink zu investieren. Wenn die Anzahl Jungunternehmen auf seiner Site weiter so zunehme, glaubt er, könnte er bald vorhersagen, welche Onlinebranche als Nächstes explodiert. Ein Früherkennungssystem für Investoren oder Grosskonzerne also? «Das wäre viel wert!», glaubt Warren. Jedenfalls sei im Moment sekundär, ob Startup-Blink Geld abwerfe oder nicht. Es gehe darum, zu wachsen.

Es ist eine Einstellung, auf die man bei vielen Jungunternehmern trifft und die oft nach Zwangsoptimismus klingt. Nur nicht bei Roderick Warren, dem früheren Feuerwehrmann, der nach Selbstmordanschlägen Brände gelöscht und Leichenteile zusammengetragen hat. Bei Roderick klingt es nicht nach Floskel, sondern ist Überzeugung.

www.startupblink.com

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