«Der Unterricht ist noch viel zu autoritär»

Die Schweizer Schulen seien nicht auf die Arbeitswelt der Zukunft vorbereitet, sagt EPFL-Präsident Patrick Aebischer.

Auch Handarbeit bleibe wichtig, sagt Patrick Aebischer. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Auch Handarbeit bleibe wichtig, sagt Patrick Aebischer. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Viele glauben, dass wir künftig mehr Freizeit haben werden, weil Roboter uns die Arbeit abnehmen. Stimmen Sie zu?
Das hängt davon ab, wie wir Arbeit definieren. Viele haben schon heute Berufe, die ihnen nicht wie Arbeit vorkommen. Mathematiker zum Beispiel oder Künstler. Ausserdem entstehen durch die Digitalisierung neue Bedürfnisse und Herausforderungen, die uns weiter beschäftigen werden. Ich glaube aber auch, dass sich immer mehr Menschen von der Berufswelt, wie wir sie kennen, entfernen, näher bei der Natur leben und sich selber versorgen werden.

Viele befürchten auch, dass mittelständische Jobs künftig von Maschinen erledigt werden und für die Menschen nur hoch oder niedrig qualifizierte Berufe übrig bleiben. Was denken Sie?
Ich mag diese Schwarz-Weiss-Sicht auf die Dinge nicht. Maschinen werden uns repetitive Tätigkeiten abnehmen. Das ist nichts Schlechtes. Was mir hingegen Angst macht, ist die künstliche Intelligenz, die mit der Digitalisierung einhergeht. Ich mag den Gedanken nicht, dass ein System voraussagen kann, was ich gut finde oder was ich als Nächstes tun werde. Ich empfinde das als Eingriff in meine persönliche Freiheit. In der Kontrolle dieser künstlichen Intelligenz liegt die wahre Herausforderung des 21. Jahrhunderts, nicht in der Automatisierung. Und in der Frage, wie wir physische und digitale Interaktion in Zukunft kombinieren werden. Die digitale Interaktion gewinnt an Bedeutung, aber der Mensch wird immer beides brauchen, um glücklich zu sein.

Gerade die EPFL setzt aber immer stärker auf reine digitale Interaktion, indem sie das E-Learning fördert.
Ja, und dahinter stehe ich voll und ganz. Es ist doch grossartig, wenn Menschen in der ganzen Welt unabhängig von ihrem Status Zugang zu Bildung haben. Es geht darum, ein Gleichgewicht zwischen physischer und virtueller Interaktion zu finden. Die Gesellschaft, die das am besten schafft, wird von der Digitalisierung am meisten profitieren.

Haben wir das richtige Schulsystem, um dieses Gleichgewicht herzustellen?
Nein. Unser Schulsystem hat noch nicht einmal realisiert, dass dies seine grösste Aufgabe ist. Der Frontalunterricht, wie wir ihn kennen – mehr als 20 Kinder sitzen in einem Klassenzimmer und lösen dieselben Aufgaben –, ist überholt. Das hat früher Sinn gemacht, als die Wirtschaft Arbeiter mit ganz spezifischen Fähigkeiten brauchte. Nun müssen wir dieses System aber restrukturieren.

Inwiefern?
Kinder sollen nicht mehr Fakten auswendig lernen, sondern den Umgang mit den technischen Tools üben, die ihnen diese Fakten liefern. Das Tablet ist ein gutes Beispiel: Es verschafft uns Zugang zu allen Informationen, die wir brauchen, unabhängig von unserem Standort. Davon profitieren können wir aber nur, wenn wir wissen, wie wir es einsetzen müssen. Auch das Vorlesungssystem an der Universität ist überholt. Die Studenten sollen nicht mehr in Vorlesungssälen sitzen und einem Professor zuhören, sondern sich so früh wie möglich in Gruppen organisieren und gemeinsam an Projekten und Lösungen arbeiten mithilfe aller Tools, die ihnen zur Verfügung stehen.

Schaffen sich Universitäten wie die EPFL so nicht selber ab?
Nein, wir müssen unterscheiden zwischen dem Vermitteln von Wissen und dem Erzeugen von Wissen. Das Erzeugen von Wissen ist teuer, es braucht dazu Labore und Forschungsmittel. Es wird deshalb in Zukunft wenigen starken Schulen vorbehalten sein. Die Schweiz wird wohl nicht mehr zwölf forschende Universitäten haben, sondern einige, die Wissen vermitteln, und wenige, die Wissen erzeugen. Aber es wird weiterhin beides brauchen.

Und was passiert mit der Berufslehre, die in der Schweiz so wichtig ist? Wird sie in der digitalisierten Zukunft überflüssig?
Auf keinen Fall, die Arbeit mit den Händen bleibt wichtig. Die Berufslehre ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Bildung der Zukunft aussehen könnte. Wir haben an der EPFL ein Projekt lanciert, bei dem wir spezielle Lernprogramme für Lehrlinge entwerfen. Wir wollen ihnen dabei helfen, die Technologie in ihren Berufsalltag zu integrieren. Für Zimmermann-Lehrlinge haben wir zum Beispiel ein Computerprogramm entwickelt, mit dem sie das dreidimensionale Zeichnen üben können. Solche Projekte müssen wir auf jeder Bildungsstufe einführen.

Wenn Sie den Schülern von heute drei Fähigkeiten mitgeben könnten, um sie für die Zukunft fit zu machen, welche wären das?
Kreativität, Teamfähigkeit und das Wissen darum, wo Informationen zu finden sind. Das predigen Bildungsexperten schon lange, aber es ist noch nicht in den Schulen angekommen. In Europa ist der Unterricht immer noch viel zu passiv und autoritär, auch in der Schweiz. Das ist ein Problem. Intelligenz ist eines der demokratischsten Güter. Es ist auf die ganze Gesellschaft verteilt. Aber unser Bildungssystem passt die Kinder aneinander an, anstatt ihre je individuellen Fähigkeiten zu fördern. Das System wurde von der technologischen Entwicklung überholt. Das zeigen auch die steigenden Durchfallquoten im ersten Studienjahr. Viele Studenten sind noch nicht bereit für die Universität, wenn sie zu uns kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2015, 09:35 Uhr

Patrick Aebischer

EPFL-Präsident seit 15 Jahren

Der 61-jährige Freiburger leitet die Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) seit mehr als 15 Jahren. Aebischer ist Professor für Neurowissenschaft, Leiter des Lehrstuhls für neurodegenerative Erkrankungen und hat während seiner Karriere drei Start-ups gegründet. Ende 2016 wird er den Posten als EPFL-Präsident abgeben.

Eine lebenslange Lernschlaufe

Stanford will das Hochschulstudium revolutionieren

Die Elitehochschule Stanford erkundet neue Ausbildungswege, um akademisches Lernen und praktische Berufs­erfahrung enger zu verbinden. Ziel ist, die Schule zur ersten Open Loop University des Landes zu machen.

Das bisherige System einer vierjährigen Ausbildung mit klar definierten Fächern und Prüfungen soll einer Lernschlaufe Platz machen. Studenten erhalten beim Eintritt in Stanford ein Anrecht auf Vorlesungen, Kurse und Praktika für insgesamt sechs Jahre. Wie sie diese Ausbildung aufteilen und wann sie sie belegen, ist ihnen freigestellt. Die Absicht ist aber, sie während des Grundstudiums zu mehrfachen Erfahrungen in Berufen zu bewegen und anschliessend dafür zu gewinnen, an der Hochschule gezielt Kenntnislücken zu füllen, die sie im ­Berufsalltag erfahren haben. Davon sollen auch frühere Stanford-Studenten (Alumni) profitieren, wenn sie beispielsweise eine Zweitausbildung wünschen. Die Idealvorstellung ist die einer Hochschule mit 215'000 permanent Studierenden.

Eine Neuerfindung der akademischen Ausbildung sei dringend, sagt ­Sarah Stein Greenberg, Direktorin des Hasso-Plattner-Instituts für Design in Stan­ford. «Die disruptive Kraft des Online­lernens hat uns alle ein wenig aus dem Gleichgewicht geworfen.» Deshalb habe das Institut zum ersten Mal die Hochschule selbst als Studienobjekt behandelt und nach einem «besseren Design» für die Ausbildung gesucht. Die Lernschlaufe ist eine von vier Neuerungen, die infrage kommen. Allen Optionen ist gemeinsam, dass die Schüler nicht mehr strikt nach Fächern und ­Fakultäten studieren, sondern Kurse querbeet zu einem individuellen «Fähigkeitsabschluss» zusammengestellt werden können.

Das Design-Institut wird zu wesentlichen Teilen vom SAP-Mitbegründer Hasso Plattner finanziert. Das bekannteste Produkt ist der Pulse Reader, den die Abschlussklasse 2010 entwickelt hat und der zu den am meisten verkauften Applikationen von Apple gehört.
Walter Niederberger und Marisa Eggli

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