Der Wettstreit um das Handy-Portemonnaie

Apple wird das Handy als Portemonnaie salonfähig machen, sagen Experten. Detailhändler sind zurückhaltend.

Ist das Portemonnaie bald Geschichte? Apple CEO Tim Cook in Kalifornien.

Ist das Portemonnaie bald Geschichte? Apple CEO Tim Cook in Kalifornien. Bild: Stephen Lam/Reuters

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Noch ist das Bezahlen via Smartphone in Schweizer Läden eine Randerscheinung. Schweizer Konsumenten bezahlen am liebsten mit Bargeld, Debit- und Kreditkarten. Doch die Einführung von Apple Pay in diesem Sommer kann das ändern, sagen Experten. «Apple Pay wird der mobilen Bezahlung einen Schub verleihen», sagt Sandro Graf vom Service Lab der ZHAW. Denn neben Apples hohem Marktanteil am hiesigen Handymarkt ist Apple Pay in der Bedienung sehr viel bequemer als andere mobile Systeme wie Twint.

«Es muss keine App geöffnet werden und kein Code eingegeben werden», so Graf, «das Handy wird einfach zur virtuellen Kreditkarte.» Und diese kann an den Kassen benutzt werden, wo kontaktloses Zahlen heute schon möglich ist, das heisst an den meisten Kassen in der Schweiz. Bei Migros und Coop beispielsweise sind alles Kassen mit der entsprechenden Technologie ausgerüstet. Jean-Claude Frick, Digitalexperte von Comparis, ist denn auch sicher: «Apple Pay wird Ende Jahr in der Schweiz dominieren.»

Offene Fragen

Schlechte Nachrichten sind das für die beiden hiesigen Anbieter Twint und Paymit, die vor kurzem fusioniert haben. Sie müssen erst noch einige offene Fragen klären, wie etwa jene über die Gebührenhöhe, bevor sie gemeinsam loslegen können. Kommt dazu, dass es für Twint und Paymit eben zusätzliche Infrastruktur aufseiten der Händler und die Installation einer App bei den Konsumenten braucht.

Ein weiterer Nachteil ist der auf die Schweiz beschränkte Markt. Denn viele hiesige Kreditkartenzahlungen sind heute international. Bei Visa Schweiz beispielsweise ist bereits die Hälfte der Zahlungen grenzüberschreitend. Ein Vorteil für Twint/Paymit sind die Firmen, die im Hintergrund die Fäden ziehen: Das sind unter anderem die grossen Banken.

Angst vor neuen Gebühren

Diese muss Apple Pay vorerst noch für sich gewinnen. Bisher arbeiten erst die Kreditkartenherausgeber Swiss Bankers und Cornèr Bank (Bonuscard und Cornèrcard) mit den Amerikanern zusammen, und diese stehen hinter einem Bruchteil der mehr als 6 Millionen Kreditkarten, die in der Schweiz im Umlauf sind.

Apples Lancierung in der Schweiz wird aber auch von Detailhändlern skeptisch aufgenommen. «Detailhändler und andere Unternehmen, die als Zahlung Kreditkarten akzeptieren, fürchten sich vor neuen Kosten», sagt ein Kenner des Handels, der seinen Namen nicht nennen will. In den USA, wo Apple Pay in Gebrauch ist, sind die Transaktionen über das Smartphone wesentlich teurer als diejenigen mit der Kreditkarte. In Grossbritannien dagegen nicht.

Lieber auf das eigene System setzen

Zur Gebührenstruktur hat Apple keine Angaben gemacht. Frick von Comparis und Graf vom Service Lab der ZHAW erwarten beide, dass Apple zusätzliche Gebühren verlangen wird. Wer diese zu bezahlen habe, sei die Frage. Gemäss Frick könnte Apple auch von den Kreditkartenherausgebern eine Gebühr verlangen.

Bei Herausgebern wie Visa und Mastercard will man nichts davon wissen. Und auch die Detailhändler halten sich zurück mit Aussagen. Bei Coop und Migros heisst es, über die Erfolgschance von Apple Pay könne man sich nicht äussern. Man wolle den Kunden möglichst einfach zu bedienende und günstige Bezahlmöglichkeiten anbieten. «Wir setzen dabei auf unsere Migros-App, mit der jetzt schon alle gängigen Kreditkarten und Migros-Bank-Konten sowie in absehbarer Zeit Postfinance-Karten und Twint als Zahlungsmittel verwendet werden können», ergänzt ein Migros-Sprecher.

Auch Coop, der bereits alle Filialen mit der Twint-Infrastruktur ausgestattet hat, wird eine Interesse daran haben, das Schweizer System zu pushen. Ins Dilemma könnten die Händler gelangen, wenn sie von Apple-Pay-begeisterten Kunden überrollt werden, wie es Experten prognostizieren.

SBB gehen in die Offensive

Anders ist die Lage bei den SBB. Diese äussern sich klar zu Apple Pay. «Ende Jahr werden unsere Kunden an allen umgerüsteten Ticketautomaten Apple Pay benutzen können, an den bedienten Schaltern wird es noch bis Ende 2017 dauern», sagt Beat Burkhalter, Leiter Unternehmensentwicklung. Dann seien die Zahlterminals mit der nötigen NFC-Technologie ausgerüstet. Schon heute wird bei der SBB mit amerikanischen oder englischen Kreditkarten mit ApplePay bezahlt.

«Wir sind auch mit Twint/Paymit im Gespräch», so Burkhalter. Ein entsprechendes Pilotprojekt läuft beim Ticketautomaten im Bahnhof Bern. Entschieden sei aber noch nichts. Eine Vorahnung gibt aber die Aussage: «Unser Ziel ist es, für unsere Kunden einfache und kostengünstige Bezahl-Systeme anzubieten.»

Das Rennen zwischen Apple Pay und Twint/Paymit dürfte spannend werden, zumal es eine Frage der Zeit ist, bis Google und Samsung ihre Bezahllösungen auch in der Schweiz lancieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2016, 20:25 Uhr

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