Keine nachhaltige Therapie gegen hohe Medikamentenpreise

Zwar sind die Ausgaben für Arzneimittel 2018 so wenig gestiegen wie seit Anfang des Jahrzehnts nicht mehr. Doch das dürfte nur eine kurze Atempause sein.

Ein Politikum: Die Kosten für Medikamente machen rund ein Viertel der Ausgaben in der obligatorischen Krankenversicherung aus. Foto: Keystone

Ein Politikum: Die Kosten für Medikamente machen rund ein Viertel der Ausgaben in der obligatorischen Krankenversicherung aus. Foto: Keystone

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Erstmals seit langem gibt es eine gute Nachricht zu den Kosten für Medikamente: Sie sind in der obligatorischen Krankenversicherung im vergangenen Jahr nur um 0,8 Prozent gestiegen. Das sei der «geringste jährliche prozentuale Zuwachs seit 2010», heisst es im neusten Arzneimittelreport, den die Krankenkasse Helsana diese Woche veröffentlicht hat. Im Jahr zuvor lag das Plus noch bei 6,5 Prozent.

Doch das ist nur eine Atempause und keine Trendwende. «Im laufenden Jahr werden die Ausgaben nach unseren Prognosen wieder mit einer Rate von rund 6 Prozent steigen», sagt Mathias Früh, Leiter Pharma- und Medizintechnik bei Helsana.

Für das geringe Ausgabenwachstum im Vorjahr gebe es eine einfache Erklärung: 2017 hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Überprüfung der Medikamentenpreise wieder aufgenommen – und bei vielen Mitteln Preissenkungen verfügt. Besonders ins Gewicht fiel, dass 2017 die grossen Kostentreiber dran kamen, das sind Immunsuppressiva und Krebsmedikamente.

225 Millionen Franken eingespart

Die erste Preissenkungsrunde brachte laut dem BAG Einsparungen von 225 Millionen Franken. Für die Jahre 2018 und 2019 werden weitere Einsparungen von je 100 Millionen Franken erwartet. Laut Helsana ist das Auslaufen des Patentschutzes einiger Originalpräparate ein weiterer Grund für das geringe Plus bei den Arzneimittelausgaben.

«Gerade bei sehr teuren Medikamenten führt bereits eine kleine Steigerung der Menge zu einer Belastung des Systems.»Mathias Früh, Leiter Pharma- und Medizintechnik Helsana

Doch schon in diesem Jahr dürfte der dämpfende Effekt der Preissenkungen durch zusätzliche Medikamentenverschreibungen wieder überkompensiert werden. Helsana-Experte Früh erläutert diesen Punkt am Beispiel des Krebsmedikaments Revlimid: Zwar sei der Preis des Mittels um 20 Prozent gefallen, doch durch zusätzliche Verkäufe seien die Ausgaben unter dem Strich um 60 Prozent gestiegen. «Gerade bei sehr teuren Medikamenten führt bereits eine kleine Steigerung der Menge zu einer Belastung des Systems», sagt Früh. Revlimid schlage mit Kosten von 40’000 Franken pro Patient und Jahr zu Buche.

Prämientreiber Medikamentenkosten

Die Kosten für Arzneimittel sind in der obligatorischen Krankenversicherung für rund 25 Prozent der Gesamtausgaben verantwortlich. Sie sind damit der drittgrösste Ausgabenblock. Noch mehr Geld geben die Kassen nur für Spitalaufenthalte und Arztbehandlungen aus. Daher sind steigende Medikamentenausgaben ein wichtiger Treiber für die Krankenkassenprämien.

Obwohl es für teure Mittel bereits günstigere Alternativen gibt, werden sie kaum genutzt.

Was die Helsana-Experten besonders ärgert: Obwohl es für teure Mittel wie das Rheuma-Medikament Remicade günstigere Alternativen gibt, die sogenannten Biosimilars, werden sie kaum genutzt. Biosimilars sind Nachahmerprodukte von biotechnisch hergestellten Wirkstoffen, die in der Wirkung weitgehend identisch mit dem Original sind. Seit 2015 gibt es für Remicade Biosimilars auf dem Markt. Dennoch ist das Originalmedikament immer noch das Präparat mit den viertgrössten Gesamtkosten. 2018 gaben die Kassen allein für Remicade 115 Millionen Franken aus. «Hier bleiben Einsparpotenziale im dreistelligen Millionenbereich ungenutzt», so Früh.

Die geringe Marktdurchdringung von Biosimilars erklären die Helsana-Experten damit, dass Ärzte und Apotheken keinen Anreiz hätten, auf die günstigen Alternativen umzusteigen. Ein Problem dabei bestehe in den Vertriebsmargen, die abhängig vom Verkaufspreis sind. Daher plädiert Helsana für fixe Margen und ein Referenzpreissystem, bei dem nur das günstige Mittel vergütet wird.

Bund will Kosten in den Griff kriegen

Der Langfristtrend bei den Medikamentenausgaben ist besorgniserregend: So stiegen die Arzneimittelausgaben seit 2010 um 46 Prozent. Zum Vergleich: Die Gesamtkosten im Gesundheitswesen legten in diesem Zeitraum um knapp 27 Prozent zu. Immunsuppressiva wie das Antirheumamittel Humira von Abbvie sowie Krebsmittel sind weiterhin diejenigen Medikamentengruppen, die bei den Kassen am meisten zu Buche schlagen. Beide Medikamentengruppen sind für rund die Hälfte des Kostenanstiegs seit 2010 verantwortlich.

Das Bundesamt für Gesundheit sieht Handlungsbedarf. «Es wird geprüft, welche weiteren Massnahmen und rechtlichen Regelungen getroffen werden müssen, um die Kosten besser stabilisieren zu können», sagt ein Sprecher. Er nennt allerdings keine Details.

Erstellt: 22.11.2019, 14:12 Uhr

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