Er startete in Googles Garage als «Mitarbeiter Nummer 7»

Urs Hölzle ist Googles dienstältester Mitarbeiter. Was die Schweiz vom Silicon Valley lernen sollte, erklärt der Baselbieter im Interview.

«In Kalifornien haben wir immer schönes Wetter, was in der Schweiz nicht der Fall ist»: Urs Hölzle an einer Pressekonferenz in San Francisco. (Archiv)

«In Kalifornien haben wir immer schönes Wetter, was in der Schweiz nicht der Fall ist»: Urs Hölzle an einer Pressekonferenz in San Francisco. (Archiv)

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Urs Hölzle, ich muss sie jetzt einfach sehen, Ihre roten Socken.
(Krempelt die Hosen hoch.) Hier!

Tatsächlich tragen Sie welche, das ist also kein Witz. Wieso pflegen Sie dieses Markenzeichen?
Für mich ist es ein kleiner Protest gegen die Farblosigkeit. Trüge ich graue Socken, würde mich niemand darauf ansprechen. Rote Socken hatte ich schon in ETH-Zeiten an, einfach weil mir die Primärfarbe Rot gefällt.

Sie haben 1999 bei den Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin in einer kalifornischen Garage angeheuert und als «Mitarbeiter Nummer 7» angefangen. Mit welchem Ziel?
Ich hatte keine Ahnung vom Suchdienst, den die Gründer entwickelten, konnte aber etwas anderes beitragen. Man muss sich vorstellen, dass ein Computer vor zwanzig Jahren langsamer war, als es ein Handy heute ist. Die Internetsuche, die Google anbieten wollte, brauchte eine riesige Rechnerkapazität. Und damals gab es keinen Computer, der gross genug gewesen wäre, diese Leistung zu erbringen. Da kam ich ins Spiel: Ich half, die Datenmengen zu verarbeiten, indem ich viele kleine Rechner zu einem erschwinglichen Preis zusammenschaltete. Das war die ersten drei, vier Jahre meine Aufgabe.

Hier hat Urs Hölzle angefangen: Die kalifornische Garage, die als erstes Büro von Google diente. Foto: Keystone

Die Kosten waren gleichwohl gigantisch.
Wir hatten im Juni 1999 von zwei Investoren 25 Millionen Dollar bekommen. Das reichte, um das Unternehmen aufzubauen und 2005 an die Börse zu führen. Durch die doch eher bescheidenen Mittel waren wir gezwungen, die besten und effizientesten Lösungen zu finden.

Susans Garage auf Google Street View

Not macht erfinderisch.
So ist es. Nicht klotzen zu können, war eigentlich die optimale Ausgangslage.

Was war in den Anfängen Ihre Vision, Ihre Leidenschaft?
Es hat mich immer interessiert, Computer und Systeme schneller zu machen. Das ist faszinierend, weil es in der Informatik ständig Anpassungen braucht, damit sie mit der Weiterentwicklung der Technik Schritt halten kann.

Haben Sie sich damals ausmalen können, wie gigantisch der Einfluss von Google auf die Welt sein würde?
Nein, nicht im Geringsten. Von der Nützlichkeit der Suchmaschine waren wir überzeugt. Aber wir haben unterschätzt, was es bedeutet, wenn jedes Jahr noch mehr Menschen das Internet benützen. Und niemand konnte voraussehen, dass 2008 internetfähige Smartphones dazukommen würden.

Heute sind Sie dienstältester Mitarbeiter und nach den Gründern die Nummer drei sowie Chef der Datenzentren und der technischen Infrastruktur von Google. Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?
Ich fahre von meinem Haus in Palo Alto in Kalifornien mit dem Velo zwanzig Kilometer zur Arbeit im Silicon Valley, mein tägliches Fitnessprogramm. Um halb zehn gehts los mit dem ersten Meeting, meist per Videokonferenz. Einen grossen Teil des Tages brauchen wir dafür, anstehende Probleme zu analysieren und Lösungen in die Wege zu leiten. Wobei es nie darum geht, herauszufinden, wer den Fehler gemacht hat, sondern ihn in Zukunft zu verhindern.

«Die Sicherheit beschäftigt uns derzeit stark, vor allem die Abwehr von Hackern.»

Können Sie in einfachen Worten ein konkretes Problem schildern?
Die Sicherheit beschäftigt uns derzeit stark, sowohl jene des Endbenutzers wie auch die unserer eigenen Anlage. Dabei geht es vor allem um die Abwehr von Hackern. Wir haben Sicherungen entwickelt - Chips und Titan Security Keys -, die laufend sicherstellen, dass wir und unsere Nutzer auf der richtigen Software arbeiten und sensible Daten von den Nutzern oder deren Firma nicht in fremde Hände geraten.

Dank Ihnen als Götti und Förderer ist Google Schweiz seit 2004 das grösste Entwicklungszentrum ausserhalb der USA. Eine Heimweh-Wahl?
Nein. Zürich war einfach der Standort in Europa, der am attraktivsten war: die Nähe der ETH und die gute wirtschaftliche Umgebung waren wichtige Faktoren. Und wir konnten mit den lokalen Behörden sprechen und feststellen, dass wir hoch qualifizierte Fachkräfte aus der Schweiz und aus aller Welt anstellen werden können.

Hat sich der Standort Zürich bewährt?
Sehr. Deshalb sind wir auch dran, in der Schweiz weiter zu investieren, sodass Google hierzulande weiterwachsen kann. Das hat nicht mit einer Verfügung der Chefs oder von mir als Schweizer zu tun, sondern ist der Entwicklung und dem organischen Wachstum bei Google Schweiz zuzuschreiben. Google Maps, Youtube, Google Assistant werden hauptsächlich in Zürich betreut und weiterentwickelt. Demnächst kommt ein grosses Cloud-Datenzentrum dazu.


Bildstrecke: Der Google-Standort Sihlpost Zürich


Sie beklagen, es gebe zu wenige Informatiker in der Schweiz und der Anteil der Frauen sei mit zehn bis vierzehn Prozent viel zu gering.
So ist es. Es ist bekannt, dass die ETH und weitere Schweizer Hochschulen aufgrund des zu geringen Studieninteresses zu wenig Informatiker ausbilden können. Würden wir alle Studienabgänger anstellen, deckten diese nur etwa zwanzig Prozent unseres Bedarfs. Was das Frauenmanko betrifft, hat sich die Situation in den USA in den letzten zehn Jahren drastisch verändert: An der Stanford-Universität war in den letzten zwei Jahren bei Frauen die Informatik der beliebteste Studiengang.

«Mädchen hatten lange ein falsches Bild des Informatikers.»

Womit hat das zu tun?
Es war lange so, dass Mädchen zwischen zehn und zwölf ein falsches Bild des Informatikers hatten. Ein Bild, das durch Spielfilme und Medien leider immer noch verbreitet wird: ein ungewaschener Nerd, der nächtens im dunklen Zimmer mit Cola, Chips und Pizzaschachtel vor dem Computer hockt. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Der Informatikberuf ist äusserst vielfältig und sehr sozial, man arbeitet praktisch immer in Teams. Und davon fühlen sich in den USA immer mehr Frauen angesprochen.

Und wieso haperts in der Schweiz?
Mich stört, dass man in der Schweiz nicht davon profitiert, was in Amerika passiert. Deshalb möchten wir fördern, was wir in den USA bereits tun: zusammen mit Schulen und Instituten das verzerrte Berufsbild des Informatikers korrigieren und aufzeigen, was in diesem Job wirklich gefragt ist: Informatik ist nicht in erster Linie Programmieren, sondern in einem Team zusammen Aufgaben angehen.

Ein Beispiel, wie Sie in der Schweiz dabei vorgehen?
Im November etwa beteiligt sich Google am Nationalen Zukunftstag mit einer Veranstaltung für Mädchen im Alter von zehn bis zwölf, die einen Einblick erhalten, was für magische Dinge mit Hilfe der Informatik gemacht werden können. Google Schweiz unterstützt zudem den Zürcher Informatiktag für 200 Schülerinnen und Schüler und deren Eltern im Google-Büro.

Engagiert sich für die Schweiz: Urs Hölzle an der Eröffnung der Google-Büros in der alten Sihlpost in Zürich Anfang 2017. Foto: Keystone

Gerade mal fünf Informatiklehrlinge beschäftigt Google Schweiz seit 2017. Sind das nicht zu wenige?
Von Jahr zu Jahr sind es mehr, mittlerweile sind es über zehn, darunter auch ein paar weibliche Lernende. Doch wir brauchen hauptsächlich Informatiker mit Hochschulbildung. An Absolventen der Lehrlingsausbildung Systemtechniker und Applikationsentwickler haben wir einen gewissen, aber nicht sehr grossen Bedarf.

Google ist in der Schweiz eine Zusammenarbeit mit Pro Juventute eingegangen, um die digitale Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Was bedeutet Medienkompetenz für Sie?
Medienkompetenz bedeutet für mich dasselbe wie vor dreissig Jahren: kritisch zu sein. Wer etwas liest, soll sich überlegen: Soll ich das glauben? Was muss ich hinterfragen? Die Fülle der Inhalte macht heutzutage das ständige Überprüfen der Informationen schwierig, auf der andern Seite stehen sehr viel mehr Quellen für Recherchen zur Verfügung. Meine Erfahrung ist, dass Kinder mit der Fülle der Informationen sehr gut umgehen können und schnell erkennen, was echt ist, was gefakt.

Sind es eher die Eltern, die nicht mitkommen?
Tendenziell ist es so, dass sich besonders ältere Personen schwerer tun mit digitalen Medien als Digital Natives, die spielerisch mit den Themen und Tools aufwachsen.

Google bearbeitet 65'000 Suchanfragen pro Sekunde. Eine unglaubliche Datenmenge, die uns lesbar macht. Was wissen Sie alles über mich?
Ich selbst weiss gar nichts. Ihre Anfragen werden nicht von Menschen gelesen, nur von Maschinen verarbeitet. Wir schützen mit vielen internen Sicherheitsmassnahmen Information vor unbefugtem Zugriff. Zudem kann jeder Nutzer den eigenen Suchverlauf bei Google einsehen und löschen.

«Wir übergeben unseren Nutzern die Kontrolle über das, was sie oder er sehen will.»

Google zeigt den Benutzern, wie sie ihre Datenspur löschen können?
Ja. Wir sind derzeit die einzige Firma, die das konsequent macht. Diesen Sommer haben wir die Anleitung zum Löschen der persönlichen History auf «Google-Konto» neu lanciert. Wir möchten, dass Sie als Nutzer von Google die Kontrolle haben und jede und jeder ihre oder seinen Suchverlauf löschen kann.

Lösche ich die Spur, können Sie keine personalisierte Werbung mehr schalten und verdienen weniger Geld. Ein Problem?
Wir bieten jedem Nutzer auf der Seite «Einstellungen für Werbung» die Möglichkeit, personalisierte Werbung anzupassen oder gar auszuschalten. Wir übergeben unseren Nutzern somit die Kontrolle über das, was sie oder er sehen will, obwohl uns das wahrscheinlich etwas kostet.

Grosse Rechner, wie sie Google benötigt, verschlingen Unmengen an Strom. Sie sind WWF-Vorstandsmitglied in den USA und Förderer grüner Energiequellen. Was machen Sie konkret beim Energieverbrauch?
Google ist schon seit elf Jahren klimaneutral, und seit vergangenem Jahr kaufen wir gleich viel Solar- und Windenergie, wie wir weltweit verbrauchen. Deshalb investieren wir auch in Anlagen, die erneuerbare Energie erzeugen.

«Von Anfang an hat mir gefallen, dass man sich schnell zu Hause fühlt»

Sie leben seit rund dreissig Jahren in den USA. Haben Sie manchmal Heimweh nach der Schweiz?
Jein. In Kalifornien haben wir immer schönes Wetter, was in der Schweiz nicht der Fall ist. Was mich freut: Heute ist es dank der Technik einfacher, Kontakte zu meiner Heimat zu pflegen und etwa meine Mutter Gertrud, die in Liestal lebt, regelmässig anzurufen.

Was mögen Sie am technologischen Nabel der Welt, dem Silicon Valley?
Von Anfang an hat mir gefallen, dass man sich schnell zu Hause fühlt, weil praktisch jeder im Silicon Valley aus einem anderen Land kommt. Die US-Amerikaner sind mit etwa zwanzig Prozent eine Minderheit.

Was könnte die Schweiz vom Silicon Valley lernen?
Die Schweiz macht vieles gut, die Ausbildung ist hervorragend, die Weltoffenheit ist gegeben, die Wirtschaft floriert. Deshalb funktioniert Google Schweiz auch so gut. Doch eine Mentalität fehlt hierzulande: Wenn etwas schiefläuft, ist das ein Tolggen im Reinheft. Im Silicon Valley geht man anders mit Fehlern um: Man weiss, dass sie Teil der Arbeit und letztlich eine Chance sind.

Erstellt: 26.10.2018, 14:29 Uhr

Findiger Techniker



Urs Hölzle, 54, studierte an der ETH in Zürich und an der Stanford University (USA) Informatik. Er war als Professor an der University of California, Santa Barbara, tätig, bevor er als «Mitarbeiter Nummer 7» bei Google angestellt wurde. Dort arbeitet er als Senior Vice President für technische Infrastruktur. Hölzle lebt mit seiner Frau Geeske in Palo Alto, Kalifornien.

2500 Mitarbeiter in der Schweiz

Google beschäftigt weltweit 80'110 Personen, davon ein Drittel Frauen. 65'000 Anfragen bearbeitet das Internetunternehmen pro Sekunde und damit 73,4 Prozent aller Suchanfragen weltweit. Google Schweiz, 2004 im Zürcher Hürlimann-Areal gegründet, ist das wichtigste Entwicklungszentrum ausserhalb der USA. 2500 Personen aus 85 Nationen arbeiten derzeit hier. Mit zwei weiteren Standorten in Zürich kann Google Schweiz bis in einigen Jahren potenziell 5000 Personen beschäftigen.

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