Die irrwitzige Reise eines Buches durch Europa

Immer mehr Schweizer Buchhändler bestellen in Deutschland. Das ist billiger – trotz absurd weiter Wege.

Beim Einkaufspreis zählt jeder Rappen: Bücher in einer Schweizer Buchhandlung. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Beim Einkaufspreis zählt jeder Rappen: Bücher in einer Schweizer Buchhandlung. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Es ist ein beeindruckendes Schweizer Schicksal aus dem 20. Jahrhundert. Im Buch «Über London und Neuseeland nach Eggiwil» wird das Leben eines Laufentaler Arbeitermädchens nacherzählt, das nach dem frühen Tod seiner Eltern in einem Kinderheim aufwächst, später als Dienstmädchen verdingt wird, als Frau auswandert, in England heiratet, ans andere Ende der Welt zieht und in hohem Alter ins völlig fremde Emmental zurückkehrt.

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Fast so bewegt wie die Geschichte selbst ist die Reise des Buches der Schweizer Autorin Simone Müller aus dem Schweizer Verlag Hier und Jetzt in Schweizer Buchhandlungen. Sie führt Tausende Kilometer kreuz und quer durch Europa und manchmal auch hin und zurück über die Grenze. Es ist eine Reise, wie sie auch viele andere Bücher kleinerer Schweizer Verlage zunehmend antreten. Ein Buch wird beispielsweise in Norddeutschland gedruckt, von dort in ein Schweizer Auslieferungszentrum transportiert, danach wieder an einen Grosshändler in Ostdeutschland geliefert, bevor es schliesslich von dort ­zurück in die Schweiz reist und auf dem Ladentisch landet.

Am billigsten Ort bestellen

Diese Entwicklung nahm vor neun Jahren ihren Lauf. Damals begann im Schweizer Buchhandel eine neue Ära. Die Preisbindung, die allen Verkäufern fixe Preise vorschrieb, wurde im Mai 2007 abgeschafft. Seither herrscht freier Wettbewerb. Das heisst für die Buchhändler, dass die Kalkulation absolut zentral geworden ist. Und der Einkaufspreis ist dabei eine wichtige Variable. «Viele Buchhändler bestellen dort, wo sie die besten Konditionen bekommen», sagt ein Kenner der Branche. Dabei ­gewinnt immer öfter der Grosshändler in Deutschland und nicht einer in der Schweiz. Denn im nördlichen Nach­barland sind Bücher viel billiger. Der schwache Euro verstärkt diesen Vorteil.

Ein repräsentatives Beispiel zeigt, wie gross die Differenz zwischen der Schweiz und Deutschland sein kann. Der empfohlene Ladenpreis des Schweizer Romans «Hinter dem Bahnhof» von Arno Camenisch beträgt in der Schweiz 25 Franken. Darauf erhält der Buchhändler vielleicht 35 Prozent Rabatt, er zahlt also im Einkauf im Inland 16.25 Franken. In Deutschland steht das gleiche Buch aber für 17 Euro im Verkauf. Auch wenn der Schweizer Buchhändler beim Grosshändler in Deutschland nur 25 Prozent Rabatt bekommt, zahlt er am Ende nur 13.90 Franken – oder fast 15 Prozent weniger. Branchenkenner gehen von durchschnittlich 20 bis 25 Prozent Kostenvorteil aus. Und länger dauert die Bestellung auch nicht. Wer bis zum Mittag in Deutschland bestellt, hat die Bücher am nächsten Morgen bei sich im Laden – geliefert vom ­Camion des Grosshändlers.

Der finanzielle Anreiz wirkt. «Wir beobachten immer häufiger, dass Schweizer Buchhändler unsere Bücher in Deutschland ordern», sagt Ruth Geiger, Pressesprecherin des Diogenes-Verlags. Auch Madlaina Bundi, Verlegerin des Verlags Hier und Jetzt, kennt das Phänomen. «Manche Schweizer Buchhändler bestellen mittlerweile unsere Bücher auch in Deutschland. Das heisst, wir ­liefern sie nach Deutschland, und sie kommen dann wieder zurück in eine Schweizer Buchhandlung.»

Konkurrenzfähig bleiben

Es sind nicht nur grosse Buchhändler, die auf die Karte Deutschland setzen. Auch immer mehr kleine Läden haben den lukrativen Umweg entdeckt. Dar­über geredet wird aber bei allen nicht gerne. Einer, der dazu steht, ist Marktführer Orell Füssli Thalia. Man wähle den Lieferanten je nach Verfügbarkeit, Schnelligkeit und Preis. «Die Ausweitung auf Bezugspartner in Deutschland erlaubt uns, die Kräfte zu bündeln, effizienter zu arbeiten und wettbewerbs­fähig zu bleiben», sagt Firmensprecher ­Alfredo Schilirò. Es gehe darum, überhaupt noch als Schweizer Anbieter der starken internationalen Konkurrenz in der Schweiz entgegentreten zu können. Zahlen nennt Orell Füssli Thalia nicht. Lüthy Balmer Stocker kauft ebenfalls in Deutschland ein, aber nur ergänzend. «Wir beziehen 90 Prozent unserer ­Bücher über Schweizer Lieferanten», erklärt Geschäftsführerin Simone Lüthy. Ex Libris will zum Thema keine Stellung nehmen, genauso wenig wie der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband.

«Wir beobachten immer häufiger, dass Schweizer Buchhändler unsere Bücher in Deutschland ordern.»Ruth Geiger, Sprecherin Diogenes-Verlag

Auf der anderen Seite steht das Buchzentrum, der grösste Dienstleister für den Schweizer Buchhandel, bei dem die hiesigen Buchhandlungen traditionell einkauften. Man spüre diesen Trend schon länger, sagt Geschäftsführer David Ryf, vor allem vonseiten der grossen Filialketten. Dennoch bezeichnet er die Lage beim Buchzentrum als «stabil». Auf die Konkurrenz reagiere man mit «Dienstleistungen in hoher Qualität zu attraktiven Konditionen».

Es lohnt sich denn für schweizerische Buchhändler auch nicht, jedes Werk in Deutschland zu beschaffen. Je nach Preissetzung und Rabattstufen kann das Resultat unterschiedlich ausfallen. «Man entscheidet bei jedem Buch jeden Tag einzeln, wo man bestellt», sagt ein Buchhändler. Wie oft dabei auf den Umweg über Deutschland gesetzt wird, lässt sich nicht eruieren. Denn Verlage können nicht wirklich sagen, wie viele der Bücher, die sie nach Deutschland exportieren, am Ende wieder im Inland landen. Der Zürcher Verlag Kein & Aber wagt aber zumindest eine Schätzung. «Wir ­gehen von circa 25 Prozent aus», sagt Sprecherin Anja Kretschmann.

Verlage reagieren

Die Verlagshäuser reagieren auf den Trend unterschiedlich. Bei Hier und Jetzt versucht man die Logistik zu optimieren. «Bei Büchern mit höherer Auflage schicken wir manchmal einen Teil der Auflage direkt ab Druckerei an die deutsche Auslieferung», sagt Verlegerin Bundi. Bei kleinen Auflagen lohne sich das nicht. «Ein separater Transport von zehn Büchern ab Druckerei wäre ökologisch unsinnig und teuer. In diesem Fall werden die Bücher mit Hunderten weiterer Bücher auch von anderen Verlagen von der Schweizer Auslieferung nach Deutschland gebracht. Ziel sind möglichst wenige Transporte mit jeweils möglichst vielen Büchern.»

Der Zürcher Rotpunkt-Verlag geht einen anderen Weg. «Wir versuchen den Anreiz für Bestellungen in Deutschland zu verringern», sagt Sprecherin Daniela Koch. Man habe daher die Europreise ­erhöht und die Frankenpreise gesenkt. Die Festlegung sei aber schwierig. «Das ist jedes Mal ein Drahtseilakt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2016, 20:29 Uhr

Amazon

Ein weiter Umweg über Polen

Nicht nur Buchhändler bestellen immer öfter im Ausland, sondern auch die Privatkunden. Die Schweiz ist für den Handelsriesen Amazon ein wichtiger Markt. Vergangenes Jahr setzte er hierzulande rund 350 Millionen Franken um, wie die Beratungsfirma Carpa­thia schätzt. Bücher sind dabei eines der wichtigsten Produkte. Um die Kunden bedienen zu können, betreibt der amerikanische Konzern heute in ganz Europa Logistikzentren, seit Herbst 2014 auch in Polen. Dort sind die Löhne rund zwei Drittel tiefer als etwa in Deutschland und Streiks seltener. Die Zentrale in Posen besitzt eine Fläche von 95 000 Quadratmetern und beschäftigt rund 2000 Mitarbeitende. Von dort aus werden auch Schweizer Bestellungen versendet. So landen mitunter auch Bücher über das Amazon-Vertriebszentrum in der westpolnischen Stadt in Schweizer Briefkästen (siehe Grafik). «Als Buchhändler und Verleger wundere ich mich immer wieder über die wirtschaftlich und ökologisch widersinnigen Umwege, die ein über Amazon bestelltes, deutschsprachiges Buch nimmt, bis es beim Schweizer Kunden ist», sagt Matthias Haupt vom Berner Haupt-Verlag. «Aber Endverbraucher sollten hier sensibilisierter einkaufen.» Amazon reagierte auf Anfrage des «Tages-­Anzeigers» nicht. (se)

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