Die Migros überwacht Kunden – wie, will sie nicht verraten

22 Diebstähle an verschiedenen Kassen, über Monate verteilt. Dass die Migros sie einer Kundin zuordnen kann, wirft juristische Fragen auf.

Wer das Self-Scanning bei der Migros nutzt, willigt ein, dass seine Einkaufs-, Personen- und Stichprobendaten gespeichert werden. Foto: Branko de Lang (Keystone) 

Wer das Self-Scanning bei der Migros nutzt, willigt ein, dass seine Einkaufs-, Personen- und Stichprobendaten gespeichert werden. Foto: Branko de Lang (Keystone) 

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Sie gibt es offen zu: «Wenn ich in der Migros an der Self-Check-out-Kasse bezahlen muss, bezahle ich nicht alles.» Das erzählt eine Migros-Kundin, die anonym bleiben möchte. Die Filiale, in der sie ihre Einkäufe tätigt, sei klein und das Personal an den Kassen mittlerweile so weit abgebaut, dass oft nur eine Kasse besetzt sei. Dort bilde sich dann eine lange Schlange. Aus Zeitgründen benutze sie den Self-Check-out. Obwohl sie dem neuen Bezahlsystem wenig abgewinnen kann. Dass die Migros den gesamten Bezahlvorgang an den Kunden abdelegiert, findet sie nicht richtig. «Dafür, dass ich die Arbeit des Migros-Personals gratis übernehme, gewähre ich mir einen Rabatt beim Einkauf», sagt sie.

Laut der Migros soll es seit der Einführung von Self-Check-out-Kassen nicht mehr Diebstähle geben. Zuletzt wurde der Fall einer 16-Jährigen bekannt, die in Bern in verschiedenen Migros-Filialen über einen Zeitraum von über einem halben Jahr insgesamt 22 Artikel im Wert von 285 Franken an der Self-Check-out-Kasse nicht bezahlte. Die Beschuldigte habe an den Subito-Zahlterminals die Ware erfasst und danach einzelne oder mehrere Artikel wieder storniert. Fünf der Diebstähle seien gefilmt worden.

Die Händler schweigen – aus Sicherheitsgründen

Wie die Migros in der Lage war, alle Diebstähle, die an verschiedenen Bezahlterminals über einen Zeitraum von über sechs Monaten begangen wurden, einer bestimmten Person zuzuordnen, wirft Fragen auf. Auf Anfrage heisst es bei der Migros, man könne aus Gründen der Sicherheit hier nicht ins Detail gehen. «Grundsätzlich sind in Filialen verschiedene Sicherheits- und Kontrollinstanzen eingerichtet. Dazu gehören Kameras oder Security-Personal. Je nach Filiale.»

Auch Coop setzt auf den Self-Check-out. Doch wie genau der Detailhändler die Bezahlterminals überwacht, will auch er nicht preisgeben. Aus Sicherheitsgründen würden keine sicherheitsrelevanten Sachverhalte öffentlich kommuniziert, heisst es auf Anfrage dieser Zeitung.

Wenn ein Kunde etwas nicht gescannt habe, glaube man bei der Migros grundsätzlich an ein Versehen. «Wir bitten dann diese Person, nachträglich gleich noch den besagten Artikel zu scannen und zu bezahlen», heisst es bei der Migros weiter. Dass sich der Detailhändler im Fall der 16-Jährigen so viel Zeit liess, bis er Anzeige erstattete, sei aussergewöhnlich, aber dennoch rechtmässig, sagt Christopher Geth, Strafrechtsprofessor an der Universität Bern. Sobald der Täter ausgemacht sei, habe der Geschädigte für jede einzelne Tat eine Frist von drei Monaten, um Anzeige zu erstatten. Dabei müsse die Migros der von ihr beschuldigten Person nicht mitteilen, dass sie bei der Polizei Anzeige erstatte, so Geth.

Die Frage, ob es Diebstahl ist, wenn ein Kunde ein Produkt an einer Self-Check-out-Kasse wissentlich nicht scannt und bezahlt, ist aus seiner Sicht klar: «Solange der Kunde die Ware in der Hand hält und sich in der Filiale oder im Kassenbereich aufhält, bleibt das Produkt in Gewahrsam des Inhabers, also der Migros», sagt er. Sobald der Kunde den Laden ohne zu bezahlen verlasse, werde dieser Gewahrsam gebrochen, und es liege ein Diebstahl vor.

«Solange sich die Ware in der Filiale befindet und nicht bezahlt wurde, ist sie Eigentum der Migros.»Felix Bommer, Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich.

Dass am Ende des Bezahlvorgangs auf dem Bildschirm die Frage auftauche, ob man auch alles bezahlt habe, sei eine Absicherung für die Migros, sagt Felix Bommer, Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich. Wer «Ja» anklicke und bewusst ein Produkt nicht bezahlt habe, begehe aus rechtlicher Sicht einen Diebstahl. «Solange sich die Ware in der Filiale befindet und nicht bezahlt wurde, ist sie Eigentum der Migros», sagt Bommer.

Mit der Nutzung des Self-Check-outs oder des Self-Scannings stimmt der Kunde den allgemeinen Geschäftsbedingungen zu. Dort steht unter anderem, dass er sich darüber im Klaren sei, dass er sämtliche Artikel zu bezahlen habe. Speziell beim Self-Scanning der Migros, das über die Cumulus-Karte läuft, werden Einkaufsdaten, Personendaten und Stichprobendaten gespeichert. Auch willigt der Kunde ein, sich in «unregelmässigen Zeitabständen einer Stichprobe durch das Servicepersonal zu unterziehen». Beim Verdacht auf Missbrauch oder Diebstahl muss sich der Kunde gegenüber dem Personal ausweisen, auch seine Personalien können aufgenommen werden.

Erstellt: 17.01.2020, 20:11 Uhr

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