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Die misstrauischen Chinesen

Die Chinesen trauen ihren eigenen Produkten nicht. Um ihre Binnenwirtschaft in Schwung zu bringen, brauchen sie deshalb strenge Gesetze und tüchtige Beamte.

Die chinesische Regierung will den Konsum ankurbeln: Passantin vor einem Einkaufszentrum in Peking. Foto: Keystone
Die chinesische Regierung will den Konsum ankurbeln: Passantin vor einem Einkaufszentrum in Peking. Foto: Keystone

Das Rückgrat jeder entwickelten Volkswirtschaft ist die Binnenwirtschaft. In der Schweiz liegt der Anteil des heimischen Konsums bei rund 60, in den USA gar nahe bei 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). In China hingegen macht die Binnenwirtschaft nicht einmal 40 BIP-Prozente aus. Deshalb droht das Land, in der «Falle der mittleren Einkommen» zu versinken. Wenn es nicht gelingt, die Chinesen dazu zu bewegen, mehr zu konsumieren und so das einheimische Gewerbe zu stärken, dann wird die Wirtschaft stagnieren.

Warum konsumieren die Chinesen nicht? Die Antwort hat kürzlich Edward Wong in der «New York Times» gegeben: Weil sie den einheimischen Produkten nicht trauen. Die chinesischen Autos sind qualitätsmässig noch meilenweit von der deutschen und der japanischen Konkurrenz entfernt. Wegen vergifteter Milch sterben Babys, Gammelfleischskandal und gefälschte Medikamente sind an der Tagesordnung. Reiche Chinesen reisen in die Schweiz, um sicherzustellen, dass ihre Rolex oder Patek Philippe nicht gefälscht sind. Für Joe Nocera, Wirtschaftskolumnist bei der «New York Times», ist somit klar, was die Folgen sein müssen: «Weil Mauscheleien fest in den chinesischen Geschäftspraktiken verankert sind, muss die Regierung mit harten Regulierungen eingreifen und die Gesetze auch durchsetzen.»

Peking-Ente ist eine chinesische Spezialität, beim Geschäften andere über den Tisch ziehen ist eine weltweite Tradition. Wer einen Dummen findet, der nützt dies aus. Um Konsumenten davor zu schützen, müssen Märkte reguliert und überwacht werden. Das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Wer jetzt in den Sommerferien exotische Länder bereist hat, wird die Stimmung auf den malerischen Märkten genossen haben. Die wenigsten werden sich jedoch dort mit Fisch oder Fleisch eingedeckt haben. Zu hart ist Montezumas Rache.

China muss vom Westen lernen

Gewerbevorschriften und Gesundheitsbehörde, eine Justiz und eine Presse, die darüber wacht, dass Hygiene und faire Geschäftspraktiken auch eingehalten werden, sind daher keine bösartigen staatlichen Schikanen. Genau dies wollen uns Ultraliberale immer wieder glauben machen. Umwelt- und Konsumentenschutz sei überflüssig und der Wirtschaft schädlich, argumentieren sie. Wer schlechte Produkte verkaufe, finde keine Käufer. Deshalb sorge der Markt automatisch für Ordnung und bestrafe unredliche Geschäftsleute.

Historisch gesehen ist dies Unsinn. Gesetze und Behörden entstanden stets nach gravierenden Skandalen. Berühmt ist das Beispiel der US-Gesundheitsbehörde, die geschaffen wurde, nachdem Upton Sinclair im Roman «Der Dschungel» die ekelhaften Zustände in den Schlachthöfen von Chicago geschildert hatte. Den ehrlichen Geschäftsmann, der aus Eigeninteresse dafür sorgt, dass nur beste Qualität in Umlauf kommt, gibt es höchstens in den Romanen von Ayn Rand. In der Wirklichkeit hingegen werden Schwachstellen der Behörden sofort ausgenützt, wie die regelmässig wiederkehrenden Lebensmittelskandale zeigen.

Eine ironische Wendung des Schicksals will es, dass ausgerechnet das kommunistische China vom kapitalistischen Westen lernen muss, wie man eine effiziente Kontrolle des Marktes ein- und durchsetzen kann. Das wäre doch ein Grund für die Liberalen, sich endlich mit der Erkenntnis abzufinden, dass die Marktwirtschaft dann am besten gedeiht, wenn sie von tüchtigen Beamten überwacht wird.

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