«Da ist doch etwas faul»

«K-Tipp»-Verleger René Schuhmacher kritisiert die von Bundesbern geplante Kürzung der Renten. Der Status quo sei besser als eine Reform.

«Da ist doch etwas faul»: «K-Tipp»-Verleger René Schuhmacher wehrt sich gegen die Rentenreform. Foto: Marc Wetli (13 Photo)

«Da ist doch etwas faul»: «K-Tipp»-Verleger René Schuhmacher wehrt sich gegen die Rentenreform. Foto: Marc Wetli (13 Photo)

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Der «Blick» nannte Sie kürzlich einen «mächtigen Gegner» von Bundesrat Alain Berset in der Abstimmung zur Altersreform 2020...
Ich verstehe mich weder als Gegner noch Anhänger von Politikern. Als Stimmberechtigter interessiert mich der Inhalt von Abstimmungsvorlagen. Als Anwalt musste ich mich ausführlich mit der Altersvorsorge befassen. Nach der Lektüre der 60 Seiten Gesetzestext dieser Vorlage bin ich zum Schluss gekommen: Diese Altersreform ist ein Riesenmurks.

Sie haben Erfahrung. Das Volk lehnte damals 2010 die letzte Reform der 2. Säule ab. Die Abstimmung kam nur zustande, weil Sie das Referendum ergriffen hatten. Das muss Sie gefreut haben.
Es freute mich in der Tat, dass die Renten der Versicherten im Obligatorium der zweiten Säule nicht gekürzt wurden.

Was treibt Sie an?
Der «K-Tipp» vertritt die Interessen der Versicherten. Das gilt für die Privat- wie Sozialversicherungen. 1992 gaben wir den ersten Ratgeber der Schweiz zur Pensionskasse heraus. Er ist unser meistverkaufter Ratgeber, zurzeit liegt die 18. Auflage vor. Die 2. Säule interessiert die Leute, nur ist sie sehr schwer zu verstehen. Kaum jemand sieht durch. Wir helfen dabei.

Video: Die Altersreform endlich verstehen

Es ist eine der wichtigsten Abstimmungen der letzten Jahre. Worum es geht, erklärt Inlandredaktor Markus Brotschi im Video.

Nennen Sie ein Beispiel?
Was heisst obligatorisch, was heisst überobligatorisch in der 2. Säule? Fragen Sie das jemanden auf der Strasse. Der wird sie komisch anschauen. In der beruflichen Vorsorge besteht viel Aufklärungsbedarf. Das sehe ich auch als Anwalt bei der Beratung meiner Klienten. Der «K-Tipp» vergleicht Kosten und Leistungen und sagt, wie Reformen in der AHV und der 2. Säule die Leute persönlich betreffen.

2010 wurde Ihr Referendum von den Linksparteien und Gewerkschaften unterstützt. Diesmal wird Ihr Referendum von den Bürgerlichen und Arbeitgebern beklatscht. Stört Sie das nicht?
Die politischen Parteien paktieren öfter ohne Rücksicht auf ihre Wähler. Ich hoffe, dass sich die Stimmbürger nicht von dieser Taktiererei beeindrucken lassen und sich für den Inhalt der Vorlage interessieren.

Der Arbeitgeberverband zitiert Ihre Zeitschriften «K-Tipp», «Saldo» im Argumentarium gegen die Reform...
Jeder darf aus unseren Zeitschriften zitieren. Wir hatten keinen Kontakt mit politischen Akteuren, wir verbreiten keine Parteiparolen, sondern informieren über Vor- und Nachteile.

«Natürlich schlafen die Verantwortlichen einer Pensionskasse besser, wenn sie ein gutes Polster haben.»

Wie viele Unterschriften haben Sie zum Referendum beigetragen?
Geschätzte zehn Prozent.

Was stört am meisten an der Reform? Sie sagen die Reserven der 2. Säule seien riesig, eine Kürzung der Renten, wie sie die Reform vorschlägt, unnötig. Woher nehmen Sie die Gewissheit?
Bereits 2010, im Vorfeld der Abstimmung, sagte das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), die Pensionskassenrenten seien viel zu hoch. Die Kassen würden deshalb pro Jahr 600 Millionen Franken verlieren, man müsse die Renten dringend um 6 Prozent senken. Wäre das wahr gewesen, hätten die Reserven inzwischen sinken müssen. Doch das Volk lehnte die Reform ab, und das Gegenteil ist eingetreten: Die Reserven der Pensionskassen sind insgesamt stark gestiegen – auf rund 116 Milliarden. Und dennoch sagt der Bundesrat wieder, man müsse die Altersrenten senken. Da ist doch etwas faul.

Um wie viel sind sie gestiegen?
Von den 116 Milliarden im Jahr 2015 entfielen 85,9 Milliarden auf die Pensionskassen und 30,5 Milliarden auf die Versicherungen. Ende 2010 betrugen die Reserven der Pensionskassen noch 47 Milliarden. Die entsprechende Zahl für die Versicherungen ist nicht bekannt, weil sie erst seit 2015 gegenüber der Finma offengelegt werden muss. So wissen wir es nicht genau. Die Reserven bei den Pensionskassen sind jedenfalls stärker gestiegen als das Vermögen, prozentual um 82 Prozent statt 28 Prozent.

Diese Reserven heissen offiziell Schwankungsreserven. Sie sind ein Puffer und nötig, um das Auf und Ab der Wertpapierwerte an der Börse aufzufangen, in die die Pensionskassen investiert sind.
Die Reserven sind ein Vermögen, das weder Rentnern noch erwerbstätigen Versicherten gutgeschrieben ist. Es gehört der Pensionskasse. Wer den Arbeitgeber wechselt, darf seinen Anteil an den Reserven nicht mitnehmen, obwohl die Zinsen seines Altersguthabens dazu beigetragen haben.

Es besteht Konsens, dass je mehr Reserven eine Pensionskasse hat, umso besser sie in rentierende Anlagen investieren kann wie Aktien. Ohne diesen Puffer können Pensionskassen nicht anlegen und müssten saniert werden. Um wie viel könnte man sie reduzieren?
Natürlich schlafen die Verantwortlichen einer Pensionskasse, die Stiftungsräte besser, wenn sie ein gutes Polster haben. Doch für die Versicherten ist es wichtig, dass die einbezahlten Sparbeiträge rentieren und ihnen die Erträge auf dem einbezahlten Geld gutgeschrieben werden. Sie haben kein Interesse daran, dass eine Pensionskasse ein übergrosses Polster hat.

Ist es ein maximales oder optimales Polster? 116 Milliarden Reserven entsprechen ungefähr 12 Prozent der Alterskapitalien. Experten sagen, 10 bis 20 Prozent Reserve sei ein optimales Polster.
Pensionskassen hatten lange Zeit weniger als 10 Prozent Reserven und sind damit gut gefahren.

Sie sagen, dass nicht nur die Reserven gross seien, sondern auch die versteckten Reserven. Im «Saldo» stand: «Die Pensionskassen unterschätzen die Aktiven.» Zum Beispiel sind Immobilien unterbewertet. Ist das keine kluge Strategie?
Schweizer Immobilien sind eine gute Anlage. Sie sollten realistisch bewertet werden. Wenn sie zum Erstellungs- oder Kaufpreis bilanziert werden, entstehen mit der Zeit stille Reserven. Diese stillen Reserven kumulieren sich. Viele Pensionskassen haben auch stille Reserven beispielsweise bei den Rückstellungen für tiefe Renditeerwartungen des Rentnerkapitals und bei den Rückstellungen für steigende Lebenserwartung. Dazu kommen noch die ausgewiesenen Schwankungsreserven zur Absicherung der Wertschriftenanlagen. Den Kassen geht es so gut wie noch nie. Deshalb sehen wir keine Dringlichkeit, im heutigen Zeitpunkt die Renten zu senken.

Wie hoch sind die versteckten Reserven?
Wir kennen die Zahlen nicht, weil sie ja versteckt sind. Nur ein Beispiel: Wenn Rentnerguthaben im Schnitt mit 3,5 Prozent rentieren, die Kassen jährlich aber mit nur mit 2,5 Prozent rechnen, liegt darin eine versteckte Reserve. In der Summe aller Pensionskassen dürften die versteckten Reserven mehrere Dutzend Milliarden Franken hoch sein. Einen Hinweis geben uns die transparent gemachten Bewertungsreserven der in der 2. Säule tätigen Lebensversicherer: Sie betrugen 2015 18,6 Milliarden Franken.

«In der Summe aller Pensionskassen dürften die versteckten Reserven mehrere Dutzend Milliarden Franken hoch sein.»

Bestreiten Sie, dass Leute länger leben und deshalb Rückstellungen gemacht werden müssen?
Die Lebenserwartung der 65-jährigen Frauen stagniert seit 2010, die der Männern steigt nur noch sehr langsam. Im Jahr 2015 fiel sie bei beiden Geschlechtern im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Jahre. Viele Pensionskassen aber gehen von einer grösseren Lebenserwartung aus als bisher statistisch festgestellt wurde. Das bewirkt Rückstellungen, die unnötig hoch sind. Wie viel dies in Franken ausmacht, wissen wir nicht, weil in der Schweiz 1700 Pensionskassen existieren und jede ihre eigenen Annahmen macht.

Kassen mit vielen Rentnern haben mehr Probleme als andere.
Das stimmt nicht generell. Es gibt heute Pensionskassen, die nur noch Rentner haben – wie etwa die der ehemaligen Swissair-Gruppe. Sie konnte in den letzten Jahren mehrmals mehr als 12 Monatsrenten pro Jahr auszahlen. Mit anderen Worten: Diese Kasse hat zwar eine sogenannt ungünstige Altersstruktur, aber zu viel Geld. Sodass sie mehr auszahlen kann als vertraglich versprochen. Warum? Wohl dank guter Rendite und grosszügigen Rückstellungen.

Experten sagten in Ihrem Juristenmagazin «Plädoyer», am sinnvollsten wäre eine einzige Pensionskasse für die Schweiz. Ist das Ihr Vorschlag?
Eine einzige Pensionskasse könnte jedes Jahr Milliarden an Verwaltungskosten sparen und das Geld besser anlegen. Ich kann mich deshalb den Experten anschliessen, wenn sie sagen, dass es viel günstiger wäre, alles Geld in einen Fonds zu tun, wie das etwa Norwegen macht. Der dortige Staatsfonds hat zehnmal tiefere Vermögensverwaltungskosten und erwirtschaftet höhere Erträge als hiesige Pensionskassen.

Eine Art AHV-Fonds der 2. Säule?
Genau. Zumindest wäre es klug, die Vermögensverwaltung zu poolen. In einem zweiten Schritt könnte man auch die Versichertenadministration zentralisieren. Die Verwaltung von 4 Millionen Versicherten in 1700 Pensionskassen kostet viel mehr als in zehn oder hundert Pensionskassen.

Sie kritisieren, mit der Vorlage werde der obligatorische und überobligatorische Teil der 2. Säule weiter vermischt. Warum?
Das Parlament handelt etwas schizophren. Es erhöht die Beiträge in der obligatorischen Versicherung, gewährleistet aber nicht, dass die garantierten Renten im Obligatorium auch höher ausfallen. Durch die Vermischung von obligatorischen und überobligatorischen Guthaben können die Pensionskassen die Renten künftig insgesamt noch weiter senken als heute.

«Der Status quo ist besser als eine Reform.»

Was ist, wenn das Volk Nein sagt?
Der Status quo ist besser als eine Reform. Als Erstes sollte der grösste Konstruktionsfehler der 2. Säule behoben werden. Man müsste endlich die obligatorische und die freiwillige Zusatzversicherung trennen – wie bei der Krankenkasse. Dann weiss man, was jede Versicherung kostet, und was sie leistet. Im freiwilligen überobligatorischen Bereich bekämen die Versicherten dann endlich Klarheit darüber, welche Sparbeiträge zu welcher Rente führen – wie bei einer Lebensversicherung.

Die Reform betrifft auch die AHV und will mit höheren Beiträgen und einer höheren Mehrwertsteuer mehr Erträge generieren. Ignorieren Sie diesen Aspekt?
Ein grosser Fehler der Reform Berset ist die Vermischung von AHV und Pensionskasse. Das sind zwei grundverschiedene Sachen. Bei der Pensionskasse sparen die Leute für ihr eigenes Altersguthaben. Die AHV hingegen kassiert Prämien für die Auszahlung der heutigen Renten. Auch der AHV geht es heute aber so gut wie noch nie: Sie hat trotz der Zahlung der laufenden Renten ein Kapital von 45 Milliarden Franken geäufnet.

Im AHV-Fonds liegen etwa 30 Milliarden Franken, nicht 45 Milliarden. Dies entspricht ungefähr einer Jahresausgabe der AHV-Renten – ungefähr so viel, wie das Gesetz verlangt.
Laut dem Bundesamt für Sozialversicherung betrug das AHV-Kapital Ende 2016 44,6 Milliarden Franken. Das sind wohl die Aktiven aller knapp 100 AHV-Kassen plus der AHV-Fonds.

Schlagen Sie vor, die AHV-Reserven zu reduzieren?
Tatsache ist, dass die Generation der Babyboomer mit ihren AHV-Beiträgen in den letzten 30 Jahren den AHV-Fonds geäufnet hat. Heute haben wir die komfortable Situation, dass genug Geld auf der Seite liegt. Wenn jetzt diese Generation schrittweise in Rente geht, wird sich der AHV-Fonds langsam leeren. Laut den Schätzungen des BSV liegen im Jahr 2030 noch 5,8 Milliarden Franken in diesem Fonds, wenn das Volk am 24. September Nein sagt.

Das ist in 13 Jahren, also sehr bald...
Die Schätzungen des BSV basieren auf verschiedenen Annahmen. Wir können durchaus noch einige Jahre warten und schauen, wie sich der AHV-Fonds tatsächlich entwickelt. Das Parlament sollte fähig sein, eine allenfalls nötige AHV-Sanierung innert zwei Jahren zu beschliessen. Meines Erachtens muss erst gehandelt werden, wenn der Fonds zur Neige gehen sollte, beispielsweise bei einem Vermögen von 10 Milliarden Franken.

Die letzten zwei Jahre zeigten, dass mehr AHV-Renten bezahlt werden als an AHV-Abzügen eingenommen wird. 2015 betrug das Defizit eine halbe Milliarde, letztes Jahr 0,7 Milliarden. Eine Zunahme des Defizits auf minus 2,5 Milliarden jährlich bis 2027 scheint plausibel. So entleert sich der AHV-Fonds schnell.
Das scheint mir nicht plausibel. Im Jahr 2016 stieg das AHV-Kapital um 438 Millionen Franken. Zwar stimmt, dass 2016 rund 0,7 Milliarden zu wenig an AHV-Lohnbeiträgen eingenommen wurde, um die laufenden AHV-Renten auszuzahlen. Doch im gleichen Jahr verdiente der Fonds 1,1 Milliarden Franken mit seinen Anlagen. Per Saldo war das AHV-Kapital Ende Jahr also höher als Anfang Jahr. Die künftige Entwicklung ist von vielen verschieden Faktoren abhängig, darunter der Einwanderung, der Lohnentwicklung, der Arbeitslosenrate, der Produktivität etc. Heute kann niemand verlässlich sagen, wie viel Geld in dreizehn Jahren im AHV-Fonds liegt. Es ist Augenwischerei, wenn heute der Bundesrat und die Befürworter der Reform auf Panik machen.

Malt das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) als Verfasser der Schätzungen schwarz?
Das BSV hat schon immer schwarzgemalt. Seine Schätzungen waren bisher zu pessimistisch. Beispiel: 1995 erwartete es für das Jahr 2010 einen Verlust von 3,7 Milliarden Franken in der AHV-Jahresrechnung. Tatsächlich resultierte ein Überschuss von 1,9 Milliarden.

Erstellt: 31.08.2017, 21:08 Uhr

René Schuhmacher

Schon zwei Referenden ergriffen

René Schuhmacher (64) ist in Kreuzlingen TG aufgewachsen und hat in Zürich Rechtswissenschaften studiert. Anschliessend war er 5 Jahre als Journalist tätig. Seit 1983 arbeitet er als Rechtsanwalt. Daneben ist er Verleger der Konsumentenzeitschriften «Saldo», «K-Tipp» und des Westschweizer Pendants «Bon à savoir» sowie des Juristenmagazins «Plädoyer». Er hat bereits 2008 das Referendum gegen die letzte Reform der 2. Säule ergriffen, die eine Rentensenkung vorsah. Das Volk lehnte sie damals mit 73 Prozent Nein-Anteil ab. Als Folge wird nun über die Altersreform 2020 abgestimmt. (val)

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