«Die Prämien werden um 4 bis 5 Prozent steigen»

Santésuisse-Direktorin Verena Nold sieht den Grund für den Anstieg in der stark steigenden Zahl neuer Ärzte. Aber auch die Prämienzahler selber trügen zum Kostenschub bei.

«Wir sehen, dass die Kosten der Arztpraxen gestiegen sind. Dies hat mit einer deutlichen Zunahme der Ärzte zu tun», sagt Verena Nold, Direktorin von Santésuisse.

«Wir sehen, dass die Kosten der Arztpraxen gestiegen sind. Dies hat mit einer deutlichen Zunahme der Ärzte zu tun», sagt Verena Nold, Direktorin von Santésuisse. Bild: Peter Schneider/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Krankenkassenverband Santésuisse hat heute über die neuste Entwicklung der Gesundheitskosten informiert. Die Organisation hat berechnet, dass die Kosten in der Grundversicherung in der ersten Jahreshälfte um 4,3 Prozent gestiegen sind. Laut den aktuellsten ausgewerteten Daten werde sich der Aufwärtstrend der Gesundheitskosten fortsetzen. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet nimmt Santésuisse-Direktorin Verena Nold Stellung.

Sie haben berechnet, dass die Kosten in der Grundversicherung im ersten Halbjahr um über 4 Prozent gestiegen sind. Werden die Krankenkassenprämien im gleichen Ausmass steigen?
Der Kostenanstieg in der Grundversicherung spiegelt sich in etwa in der Entwicklung der Krankenkassenprämien. Wir rechnen deshalb damit, dass die Prämien für das nächste Jahr zwischen 4 und 5 Prozent steigen werden. Dies ist allerdings ein gesamtschweizerischer Durchschnittswert, die Unterschiede in den einzelnen Kantonen sind gross. Basel-Stadt und Genf haben deutlich höhere Prämien als etwa die Innerschweiz.

Einen klassischen Stadt-Land-Graben gibt es allerdings nicht. Zürich etwa befindet sich nahe beim Schweizer Durchschnitt. Weshalb?
Zürich hat seine Spitallandschaft in den vergangenen Jahren bereinigt und eine vorbildliche Spitalplanung an die Hand genommen. Schliesslich sind die Spitäler mit rund 40 Prozent der grösste Kostenblock in der Grundversicherung.

Was sind die grössten Treiber des Kostenwachstums von 4 Prozent?
Wir sehen, dass die Kosten der Arztpraxen gestiegen sind. Dies hat mit einer deutlichen Zunahme der Ärzte zu tun. Deren Zahl hat zwischen 2011 und 2015 um 19 Prozent zugenommen, bei den Spezialärzten betrug der Anstieg sogar mehr als 26 Prozent.

Ihre Analyse zeigt, dass auch die Gruppenpraxen ein Kostentreiber sind. Dabei sollten die Gruppenpraxen doch in der Summe günstiger sein.
Eine Gruppenpraxis alleine sorgt noch nicht für tiefere Gesundheitskosten. Wenn mehrere Ärzte eine Gruppenpraxis gründen, aber nach wie vor die gleichen Tarife verrechnen, wird dies für den Prämienzahler nicht günstiger. Erst wenn die Versicherten über sogenannte HMO- und Managed-Care-Modelle dazu gezwungen werden, zuerst zu ihrer Gruppenpraxis zu gehen, um danach allenfalls an einen Spezialisten überwiesen zu werden, wirkt dies kostendämpfend. Gruppenpraxen alleine sind erst mal ein gutes Geschäft für die beteiligten Ärzte, weil sie so ihre eigenen Kosten senken können.

Gestiegen sind aber auch die Kosten im ambulanten Bereich der Spitäler. Weshalb?
Wir sehen, dass viele Patienten auch wegen Bagatellfällen wie Kopf- oder Bauchschmerzen in den Notfall eines Spitals gehen. Dieser ist während 24 Stunden an sieben Tagen verfügbar, was natürlich bequemer ist als erst einen Termin beim Hausarzt zu vereinbaren. Die Kosten für eine Behandlung im Spital sind aber schlicht teurer als beim Hausarzt, was die Kosten steigert.

Muss man die Leute darauf sensibilisieren, vermehrt zum Hausarzt zu gehen?
Ja, das muss man tun. Ein Mittel dazu wäre, die Franchise und den Selbstbehalt der Kostenentwicklung anzupassen. Wenn sie nur die 300 Franken und zusätzlich 10 Prozent der Behandlungskosten bezahlen müssen, dann bezieht man auch mehr Leistungen. Deshalb fordern wir, die Kostenbeteiligen zu erhöhen. So werden sich die Patienten eher überlegen, ob sie in den Notfall gehen.

Nun steigen auch die Medikamentenkosten wieder, nachdem sie sich zuletzt stabilisiert haben. Was sind hier die Gründe?
Die Pharmaindustrie hat mit einem Rekurs vor Bundesgericht erreicht, dass das zuständige Bundesamt für Gesundheit die Preisfestsetzungsregeln für die Medikamente überarbeiten musste. Das hatte zur Folge, dass weder im vergangenen noch in diesem Jahr die Preise überprüft, sprich gesenkt wurden. Die Pharmaindustrie profitiert noch immer von einem Wechselkurs von 1.26 Franken pro Euro. Hinzu kommt, dass die Preise der Generika doppelt so hoch sind wie im Ausland. Hier besteht ebenfalls Handlungsbedarf.

Hätte man vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) nicht erwarten können, schneller voranzugehen.
Wir hätten uns rascher neue Vorschläge zur Preisfestsetzung gewünscht. Zudem besteht das BAG weiterhin darauf, pro Jahr nur jeweils die Preise eines Drittels aller Medikamente zu senken. Für uns ist das unverständlich. Wir fordern, dass jedes Jahr sämtliche Arzneimittel überprüft werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2016, 14:40 Uhr

Artikel zum Thema

Prämien maximal 10 Prozent des Lohns? Ständerat dagegen

Die kleine Kammer will keine staatliche Obergrenze bei den Krankenkassenprämien einführen. Die Gründe. Mehr...

Fast jeder Dritte ist gegen die Versicherungspflicht

Die Grundversicherung bei der Krankenkasse ist obligatorisch. Dagegen regt sich laut einer Studie Widerstand. Grund dürften die hohen Prämien sein. Mehr...

Ambulante Behandlungen treiben Prämien in die Höhe

Um 5,4 Prozent sollen die Krankenkassenprämien im nächsten Jahr ansteigen, prognostiziert die KOF. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Mit unserem Vergleichsdienst finden Sie die geeignete Krankenkasse.
Jetzt vergleichen.

Paid Post

Erotik zu dritt

Es ist eine der heissesten Fantasien: die Erotik zu dritt. Wo man als Single oder Paar den passenden Partnern für den flotten Dreier findet? Am besten über eine Plattform wie The Casual Lounge.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Von Mitstreitern umkreist: Die «Rainbow Warrior» von Greenpeace bei einer Protestaktion gegen ein Kohleprojekt im Golf von Thailand. (21. Mai 2018)
(Bild: Arnaud Vittet/EPA) Mehr...