SBB-Sparbillette: Viele Passagiere sind benachteiligt

Ermässigte Tickets sind in Zürich und in der Ostschweiz Mangelware. Der Preisüberwacher interveniert.

Wer im Tarifverbund fährt, profitiert nicht von Sparbilletten: Bahnhof Winterthur. Foto: Michele Limina

Wer im Tarifverbund fährt, profitiert nicht von Sparbilletten: Bahnhof Winterthur. Foto: Michele Limina

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Günstiger geht es nicht: 13.20 Franken kostet die Bahnfahrt von Genf nach Zürich, wenn man ein Sparbillett kauft. Pro Kilometer bezahlt man gerade einmal viereinhalb Rappen. Zum Vergleich: Der normale Halbtax-Tarif auf dieser Strecke liegt bei 44 Franken – gut 15 Rappen pro Kilometer. Die Einsparung beträgt 70 Prozent. Genau das, womit die SBB in ihrer aktuellen Kampagne werben.

Wer eine Fahrplanabfrage macht, stellt sofort fest: Derzeit sind besonders viele Spartickets erhältlich. Auf manchen Strecken muss man die Normaltarife geradezu suchen. Der Grund: Die Transportunternehmen feiern mit einer Herbstaktion das zehnjährige Jubiläum der Sparbillette. Sie wollen das Angebot weiter ausbauen: Bald soll man zum Sparpreis von der zweiten in die erste Klasse wechseln können. Und Ende Jahr sollen Sparbillette für Kleingruppen eingeführt werden.

Lange galt bei den Bahnen die eiserne Regel, dass die Distanz den Preis bestimmt. Jeder Kilometer war gleich viel wert. Mit der grossen Anzahl Spartickets wird dieser Grundsatz, der bereits mit Preiserhöhungen für stark ausgelastete Strecken angetastet wurde, ausgehebelt. In der Regel kommt man wegen der Rabattaktion heute günstig von A nach B – ausser, wenn man zeitlich nicht flexibel ist, das Billett am Schalter löst oder schlicht am falschen Ort wohnt.

Keine Vergünstigungen gibt es für Fahrten innerhalb eines Tarifverbunds. In der Ostschweiz, wo der Z-Pass und der Tarifverbund Ostwind die Tariflandschaft prägen, sind kaum vergünstigte Tickets erhältlich. Wer von Zürich nach Winterthur, Glarus, Wil oder Schaffhausen fährt, hat das Nachsehen. In verbundslosen Gebieten wie dem Wallis hingegen werden viele Sparbillette angeboten.

Selbst innerhalb eines Kantons gibt es Ungleichheiten. Von Bern nach Thun kann man mit bis zu 70 Prozent Preisnachlass rechnen. Für die Reisenden von Bern nach Biel gibt es hingegen keine Sparbillette, weil sie in einem einzigen Tarifverbund reisen. Allerdings wird die Ungleichbehandlung bald beseitigt: Da der Tarifverbund Berner Oberland ab dem Fahrplanwechsel zu «Libero» gehört, bezahlt man auf der Strecke Bern–Thun bald den Normaltarif.

Preisüberwacher kritisiert Ungleichbehandlung

Mit den Rabatten erstatten die SBB den Kundinnen und Kunden Geld zurück, wenn sie im Personenverkehr zu viel verdient haben. So hat es der Preisüberwacher mit dem nationalen Bahnunternehmen vereinbart. Dass die im aktuellen Jahr sehr hohe Rückerstattung über Rabatte – anders als bei einer allgemeinen Preissenkung – nicht allen Reisenden gleichermassen zugute komme, sei stossend, findet Beat Niederhauser, der Stellvertreter des Preisüberwachers. «Es zeigt sich immer mehr, dass das Instrument der Sparbillette an Grenzen stösst», sagt er. Gerade wegen der nicht flächendeckenden Kaufmöglichkeiten. «Die Verbünde haben bislang wenig Interesse gezeigt, Sparbillette auch für Fernverkehrsverbindungen innerhalb der Verbundgebiete zuzulassen.» Der Preisüber­wacher hat im Mai in einem Rundschreiben auf das Problem hingewiesen. Die Reaktionen seien «äusserst zurückhaltend» gewesen. «Nichtsdestotrotz bleiben wir im Gespräch und setzen uns für eine Ausweitung des Angebots ein. Bis es so weit ist, ergibt es Sinn, ein Sparbillett von Zürich nach St. Gallen zu kaufen, auch wenn man nur nach Wil fahren will.»

Der Knackpunkt ist, dass das Tarifsystem des Fernverkehrs mit jenem des subventionierten Regionalverkehrs verhängt ist. Der ­Regionalverkehr baue das Angebot noch immer aus, ohne dass Effizienzgewinne erzielt oder an die Reisenden weitergegeben würden, kritisiert Niederhauser. Die Subventionen pro gefahrenem Kilometer seien in den vergangenen Jahren zurückgegangen. «Die Kundinnen und Kunden haben folglich immer mehr selber bezahlt. Die resultierenden Tarife sind für den Fernverkehr schon seit längerem eigentlich zu hoch.» Solange an der Tarifschraube gedreht werden kann, seien kaum Anreize für Effizienzsteigerungen vorhanden. «Das Kostenbewusstsein muss geschärft werden» fordert Niederhauser. «An Tarifsenkungen führt kein Weg vorbei.»

Die Bundesbahnen seien im Gespräch mit den Tarifverbünden, sagt David Blatter, Leiter Preisgestaltung bei der SBB. Er ist ein grosser Verfechter der Sparbillette. «Sie haben viele Vorteile. Mit ihnen motivieren wir Kundinnen und Kunden, statt in einem stark ausgelasteten in einem schwach besetzten Zug zu reisen. Wir bringen Autofahrer auf die Schiene. Und wir wirken dem Image des teuren öffentlichen Verkehrs entgegen.»

Nicht zuletzt wollen sich die SBB mit günstigen Tarifen gegen die Betreiber von Fernbussen zur Wehr setzen – der neuen, aber noch verschwindend kleinen und wenig erfolgreichen Konkurrenz auf der Strasse. Generelle Preissenkungen seien schwierig umzusetzen, sagt Blatter, da alle Transportunternehmen zustimmen müssen. Mit Spartickets könnten die SBB dynamisch handeln – wie die anderen Unternehmen des öffentlichen Verkehrs auch, die Sparangebote nach eigenem Gutdünken freischalten können.

David Blatter legt die Zahlen auf den Tisch: In diesem Jahr sollen insgesamt 7 Millionen vergünstigte Fahrten verkauft werden. Der Rabatt soll 120 Millionen Franken betragen. Über das Jahr gesehen, ist jedes vierte verkaufte Einzel­billett ein Sparangebot. Ein Sparbillett ist im Schnitt 46 Prozent günstiger als der Normaltarif. Am Sonntag, 17. November, wurden laut den SBB 44 367 vergünstigte Billette für Fahrten in den nächsten zwei Monaten abgesetzt – ein Tagesrekord.

Wer früh kauft, bleibt allenfalls auf dem Sparbillett sitzen

Bislang habe es kaum Rückmeldungen von Generalabo-Besitzern gegeben, die sich geprellt fühlen, sagt Blatter. Und es würden auch nicht merklich weniger GA verkauft. «Um die bestehenden Kunden nicht zu verärgern, bieten wir Sparbillette nur in kleinen Mengen und nur für Züge an, in denen es voraussichtlich sehr viele freie Sitzplätze gibt.»

Für Streckenabschnitte, auf denen der Zug zu mehr als 60 Prozent ausgelastet ist, werden keine Rabatte gewährt. Zudem sind Sparbillette stets an Bedingungen geknüpft: Man darf damit ausschliesslich im betreffenden Zug reisen. Und sie können nur beim Kauf eines Normalbilletts für dieselbe Strecke gegen die hohe Bearbeitungsgebühr von 10 Franken zurückgegeben werden. Wer frühzeitig kauft, die Reise aber nicht antreten kann, bleibt auf dem Sparbillett sitzen.

Der Eindruck, dass es viele Rabatte gibt, trügt nicht: Die SBB bieten derzeit für zwei von drei Verbindungen Sparbillette feil. Auf Strecken wie Genf–Zürich hat man ein vergünstigtes Angebot fast auf sicher. Das zeigen die Halbtax-­Ticketpreise, die das Tamedia-­Datenteam in den letzten zweieinhalb Monaten täglich erhoben hat. Eine Reise von Zürich nach Bern mit Sparbillett in der zweiten Klasse kostet für Halbtax-Abonnenten gemäss diesen Daten mindestens 7.80 Franken. Der normale Halbtax-Preis liegt bei 25.50 Franken. Von Basel nach Zürich reist man für mindestens 5.20 Franken statt 17 Franken, von Chur nach Zürich für mindestens 6.20 statt 20.50 Franken.

Zum Zug kommen vorab Frühbucher. Wer kauft, sobald die Angebote zwei Monate vor der Reise aufgeschaltet werden, ergattert die höchsten Rabatte. Danach erhöhen sich die Preise. Im Gegensatz zu Fluggesellschaften schalten die Bahnunternehmen auf weiterhin schlecht ausgelasteten Verbindungen keine Zusatzkontingente frei. Einzig bei Aktionen wie jener zur Gay Pride oder zur Klimademo sowie für Sonderzüge zu Grossveranstaltungen werden neue Sparangebote in den Handel gebracht.

Während des Tests stieg der Preis bis zum Tag vor der Abfahrt nur selten auf den Normaltarif. Dass selbst Spätbucher zu günstigen Tarifen kommen, ist aber wohl dem im Zug der Werbeaktion stark erhöhten Sparticket-Kontingent geschuldet.

Auf den letzten Drücker zu kaufen, rechnet sich indes nicht: Die Sparbillette werden teurer, je näher der Abfahrtszeitpunkt rückt. Und die Menge vergünstigter Tickets nimmt am letzten Tag erfahrungsgemäss ab. Eine Stunde vor Abfahrt nehmen die Verkehrsunternehmen die restlichen Sparbillette aus dem Shop. Wer auf der Bahnhof-Rolltreppe per Smartphone ein Ticket löst, zahlt den Normalpreis. Und wer am Automaten oder am Schalter eines kauft sowieso: Spartickets werden lediglich über die digitalen Verkaufs­kanäle abgesetzt. «Am Schalter möchten wir möglichst wenige normale Einzeltickets verkaufen», erklärt David Blatter. «Dort liegt der Fokus auf Beratungen für komplizierte Reisen.» Spartickets würden deshalb «ausschliesslich über Verkaufskanäle vermarktet, die für uns günstig sind». Damit werden die attraktiven Angebote aber den Kundengruppen vorenthalten, die weniger technikaffin sind – etwa den Senioren. «Die Sparangebote werden von allen Kundengruppen genutzt», kontert Reto Lüscher, der bei den SBB für die sogenannten dynamischen Preise verantwortlich ist. «Die Senioren kaufen sogar überdurchschnittlich viele Spartickets.» Ein Grund dafür ist, dass die Senioren oft flexibel sind.

Der Zeitpunkt der Reise ist entscheidend für den Fahrpreis, wie die Datenanalyse zeigt. Während man in den Hauptpendlerzeiten durchschnittlich rund 75 Prozent des Normalpreises bezahlt, kostet die Fahrt kurz nach dem Mittag nur noch gut 50 Prozent. Hohe Rabatte gibts auch auf Verbindungen zwischen 20 Uhr und Mitternacht. Wer einen schlecht ausgelasteten Zug wählt, spart im Durchschnitt mehr als ein Drittel des Ticketpreises. Es kann sich also lohnen, statt im Intercity im Regio-Express zu reisen – allerdings nur, wenn die Verbindung aus dem Tarifverbund hinausführt.

2 Millionen Reisende stiegen vom Auto auf die Bahn um

Die Sparangebote sind in der Westschweiz sehr beliebt, wie die Zahlen der SBB für 2019 zeigen. So wurden im ersten Halbjahr 149 056 ermässigte Fahrten zwischen Lausanne und Genf-Flug­hafen verkauft. Dahinter folgen die Verbindungen zwischen Basel und Zürich mit 92 675 sowie zwischen Bern und Zürich mit 53 319 verkauften Sparbilletten.

Die SBB bevorzugten keine ­Linien, sagt Reto Lüscher. Die Sparbillett-Kontingente würden von Bahnhof zu Bahnhof automatisiert vergeben. Der Preis eines Tickets werde anhand der Rabatte für die Teilstrecken berechnet. Ausschlaggebend für die Höhe des Rabatts sei einzig die erwartete Auslastung des Zugs. Entsprechend sind auf der am frühen Morgen überlasteten Direktverbindung von Bern nach Zürich kaum Spartickets zu bekommen. Sehr gute Chancen hat hingegen selbst zu Pendlerzeiten, wer aus Zürich wegmuss. Denn die Züge, die die Pendler in die Stadt führen, fahren oft halb leer zurück.

«Im laufenden Jahr stiegen wegen der Spartickets rund 1 Million Personen von einer stark frequentierten auf eine schwach ausgelastete Verbindung um», sagt Lüscher. Solche Fahrten dauern oft etwas länger. So rechnet es sich etwa, wenn man zwischen Bern und ­Zürich den Umweg über Olten in Kauf nimmt, statt über die Neubaustrecke zu donnern. «Ein Viertel der Käuferinnen und Käufer eines Spartickets sind bei tieferen Preisen zu solchen Zugeständnissen bereit», sagt Lüscher.

Gemäss seinen Schätzungen konnten dank der Spartickets in 2?Millionen Fällen Leute zum Wechsel von der Strasse auf die Schiene motiviert werden. «Ein Drittel der Sparbillett-Kunden hätten die Fahrt ohne Rabatt nicht angetreten. Im letzten Jahr verkauften wir auf diese Weise 1,8 Millionen zusätzliche Billette.»

Sparen kann oft auch, wer einmal Umsteigen in Kauf nimmt. Das gilt insbesondere für die Verbindung Zürich–Bern: Im Durchschnitt kostet die Direktfahrt 15.25 Franken, jene mit Umsteigen hingegen nur 12.90. Wer ein Sparbillett für eine Direktverbindung während der Pendlerzeiten am Folgetag ergattern will, ist bloss bei 35 Prozent der Versuche erfolgreich. Mit einmal Umsteigen hat man hingegen ein Sparangebot fast auf sicher.

Mitarbeit: Philipp Felber-Eisele



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Erstellt: 30.11.2019, 20:32 Uhr

Automatisierte Abfragen

Die Daten wurden zwischen dem 11. September und dem 24. November erhoben. Dazu rief ein von einem Computerskript gesteuerter Browser täglich die SBB-Website auf, um die Preise für Fahrten in 1, 3, 7, 14, 30 und 60 Tagen abzurufen. Entstanden ist ein Datensatz mit gut 180'000 Preisen für 120 000 Fahrten zwischen dem 12. September und dem 20. Januar 2020. Die detaillierte Datenauswertung ist unter Github.com/­tamedia-ddj zu finden. (mbb)

Zehn Jahre Rabattitis

Das erste Sparbillett wurde vor zehn Jahren verkauft. Die SBB wollten damals ausprobieren, ob sich die aus dem Flugverkehr bekannten dynamischen Preise auch auf der Schiene bewähren. Zunächst wurden die ­Tickets vorab von Touristinnen und Touristen stark genutzt. Ein Grund dafür ist, dass sie meist keine Ermässigungskarte besitzen, was Bahnfahrten für sie teuer macht. Im Ausland kennt man zudem vielerorts das zuggebundene Fahren. In den ersten Jahren schalteten die Transportunternehmen, die sich allmählich der Sparidee anschlossen, eine kleine Zahl vergünstigter Tickets frei. Vor fünf Jahren wurde das Kontingent deutlich aufgestockt, auf mehr als 1,5 Millionen Billette. Das ist dem Preisüberwacher zu verdanken: Er hatte ausgehandelt, dass die damalige Preiserhöhung mit Sparbilletten den Kunden zurückerstattet werden muss. 2017 führten die SBB die Spartageskarten ein. Nächstes Jahr sollen Spar-
klassenwechsel und Sparbillette für Gruppen hinzukommen. (mbb)

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