«Die Scheidung des Chefs ist eine Gefahr fürs Unternehmen»

Stanford-Professor David Larcker erklärt, welche Folgen es für Amazon haben kann, dass Jeff Bezos sich von seiner Frau trennt.

Steht ganz oben auf der Liste der Chefs, die am schwersten zu ersetzen wären: Jeff Bezos. Bild: Reuters

Steht ganz oben auf der Liste der Chefs, die am schwersten zu ersetzen wären: Jeff Bezos. Bild: Reuters

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«Lustig, wie eine Arbeit, die wir vor fünf Jahren aus Spass geschrieben haben, plötzlich so ein Interesse hervorruft», sagt David Larcker zur Begrüssung in einem sonnigen Innenhof der Stanford-Universität. 2013 veröffentlichte der heute 69-jährige Wirtschaftswissenschaftler eine Untersuchung über die Auswirkungen, welche die Scheidung eines Unternehmenseigentümers auf ein Unternehmen und die Aktionäre haben kann. Seit die Nachricht von der Scheidung von Amazon-Gründer Jeff Bezos in der Welt ist, wollen plötzlich alle mit Larcker darüber sprechen: Verwaltungsratsmitglieder, Journalisten, Politiker.

Warum die ganze Aufregung? Jeff Bezos' Scheidung ist doch seine Privatsache.
Ganz sicher gibt es da ein privates Element. Deswegen geht es mir zu weit, wenn jetzt gefordert wird, die Aktionäre über Bezos' Ehevertrag zu informieren. Aber auf jeden Fall muss der Verwaltungsrat über diese Dinge genau Bescheid wissen. Denn wenn irgendetwas im Privatleben eines Chefs das Unternehmen beeinflusst, dann ist das eben keine reine Privatsache mehr. Und die Scheidung des Chefs ist eine Gefahr fürs Unternehmen.

Wie könnte Bezos' Scheidung denn Amazon beeinflussen?
Die offensichtlichste Gefahr ist, dass Anteile an Amazon in Hände geraten, die den Kurs des Unternehmens verändern. Jeff Bezos hält 16 Prozent der Anteile. Nun wissen wir nicht, welche Verabredungen es zwischen den Eheleuten gibt, aber stellen wir uns einmal vor, 8 Prozent der Amazon-Aktien würden an MacKenzie Bezos gehen. Verlangt sie dann einen Platz im Verwaltungsrat? Hat sie andere Vorstellungen über die Strategie als Jeff? Was, wenn die beiden sich streiten und den Kampf am Ende im Verwaltungsrat austragen?

Einige Beobachter trauen es MacKenzie Bezos zu, dass sie die Löhne bei Amazon kräftig erhöhen würde.
Es gab solche Fälle schon. Der Casinobesitzer Steve Wynn und seine Frau zum Beispiel kämpften nach ihrer Scheidung erbittert um die Macht im Verwaltungsrat. Oder stellen Sie sich den Extremfall vor: MacKenzie verkauft die Aktien, oder Jeff tut es, um seine Frau auszuzahlen. Wenn die Anteile bei einem Investor landen, wird der die Amazon-Strategie sicher beeinflussen wollen. Also ja, eine Scheidung ist Privatsache, aber ihre Auswirkungen können enorm sein für das Unternehmen und seine Aktionäre.

«Schwer vorstellbar, dass es einen Unterschied macht, ob er nun 160 Milliarden Dollar oder 80 Milliarden besitzt.»

Eine Scheidung ist ja ohnehin schon schwer, aber wohl noch um ein Vielfaches schwieriger, wenn so viel dranhängt?
Genau. Wir haben deshalb auch die emotionalen Auswirkungen einer Scheidung untersucht. Es gibt Hinweise darauf, dass Chefs nach ihrer Scheidung weniger produktiv sind, weniger konzentriert. Auch wenn die Datenlage sehr schwierig ist: Wahrscheinlich kündigen mehr Chefs ihren Job nach einer Scheidung als unter normalen Umständen.

Amazon ohne Bezos? Das glauben wohl nur wenige.
Ich will jetzt nicht sagen, dass Jeff Bezos das tun wird oder dass ich irgendeinen Hinweis darauf hätte. Aber vergessen wir nicht: Amazon ist wie kaum ein anderes Unternehmen um seinen Chef herumgebaut. Es ist auf seine Persönlichkeit, seine Ideen angewiesen. Kollegen von mir haben einmal untersucht, welcher Chef am schwersten zu ersetzen wäre. Die Antwort lautete: Jeff Bezos. Wenn das stimmt, ist es natürlich eine Gefahr für das Unternehmen, wenn Bezos sich nun plötzlich entscheiden sollte, einen ganz anderen Weg in seinem Leben zu nehmen.

Das ist bei Bezos allerdings schwer vorstellbar. Er gilt ja als geradezu besessen von Amazon.
Das stimmt, aber alles, worüber wir hier reden, trifft ja auch auf andere, normale Chefs zu. Übrigens geht von der Scheidung eines Chefs noch eine andere Gefahr aus, auch wenn diese wahrscheinlich auch nicht auf Bezos zutrifft.

Und zwar?
Scheidungen gehen ja oft mit einem erheblichen Vermögensverlust einher. Das kann die Risikobereitschaft des Chefs beeinflussen. Stellen wir uns vor, er verliert sein Haus oder einen Teil seines Barvermögens. Dann haben die Aktien am Unternehmen nach der Scheidung ein grösseres Gewicht in seinem Vermögen als zuvor. Möglicherweise will er dieses verbliebene Vermögen schützen und handelt konservativer, nimmt weniger interessante Projekte in Angriff. Das ist aber nicht im Sinne des Unternehmens und der Aktionäre. Bei Bezos ist es wohl etwas anders. Schwer vorstellbar, dass es einen Unterschied macht, ob er nun 160 Milliarden Dollar oder 80 Milliarden besitzt.

«Wir hatten noch nie so viele Gründer an der Spitze der grössten Unternehmen.»

Okay, wenn man es zu Ende denkt, heisst das also: Das Gefühlsleben des Chefs muss offengelegt werden, weil es die Interessen der Aktionäre berühren könnte.
Tja, es gibt grosse Diskussionen über diese Dinge. In der Theorie stimmt das. Die Aktionäre müssen über alles in Kenntnis gesetzt werden, was den Wert ihrer Aktien berühren könnte. Also nicht nur über Scheidungen und Eheverträge, sondern auch über Erkrankungen, seelische Krisen, lange Urlaube, gefährliche Hobbys, einfach alles. Aber in der Praxis muss man natürlich Grenzen ziehen. Manches ist einfach privat. Wir müssen diskutieren, wo diese Grenze liegt.

Warum haben wir das nicht längst getan, wenn Scheidungen wirklich so grosse Gefahren für Unternehmen und Aktionäre bergen?
Tatsächlich ist kaum ein Verwaltungsrat auf so etwas vorbereitet, niemand hat Erfahrung damit. Vielleicht, weil es bislang eher selten vorkam. Aber wir hatten noch nie so viele Gründer mit grossen Aktienpaketen an der Spitze der grössten Unternehmen. Denken Sie an Facebook, Google, Tesla. Der Wert dieser Unternehmen hängt eng von einzelnen Personen ab. Und der eine oder andere wird sich wohl noch scheiden lassen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.02.2019, 10:13 Uhr

David Larcker, 69, lehrt an der Stanford-Universität. (Bild: pd)

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