Die Städte müssen Airbnb dringend zähmen

Mittlerweile vermieten vor allem Profis Ferienwohnungen über Plattformen wie Airbnb. Das verändert den Lebensraum in den Grossstädten. Es ist Zeit für ein Umdenken.

Kampf gegen die Gentrifizierung: Demonstranten in New York prangern die Auswirkungen von Airbnb auf die Mietpreise an. Archivbild: Keystone

Kampf gegen die Gentrifizierung: Demonstranten in New York prangern die Auswirkungen von Airbnb auf die Mietpreise an. Archivbild: Keystone

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Die Selbstdarstellung von Airbnb klingt so idealistisch, dass es an Kitsch grenzt. Man verfolge die Mission, eine Welt zu schaffen, in der sich Menschen überall zu Hause fühlen, behaupten die Macher der Internet-Plattform für Ferienwohnungen. Es mutet romantisch an, als reise man zu Freunden: Über das Unternehmen findet der Reisende in New York, Paris oder Berlin Kontakt zu Einheimischen, die ein Zimmer anbieten oder ihr Apartment. Man trifft sich zur Schlüsselübergabe, der Gastgeber hat noch Tipps zu den Läden nebenan. Er freut sich, sein Zuhause netten Leuten zu überlassen und etwas zu verdienen.

Richtig an alledem ist vor allem, dass Airbnb seit seiner Gründung 2008 ein weltweites Netz aufgebaut hat, in 191 Ländern, in 65 000 Städten, ein Weltunternehmen mit gewaltigem Umsatz. Der Rest ist eine Legende, hinter der sich ein grosses Geschäft verbirgt, das längst für viele Städte dramatische Folgen hat. Dort werden Wohnungen an Touristen vermietet, die - vor allem in Innenstädten - den Einheimischen fehlen. Das ist ein weltumspannendes Problem in Berlin wie in Barcelona, New York oder Paris.

Die Legende von der globalen, höchst persönlichen Gastfreundschaft ist ähnlich grotesk wie die Behauptung, dass die Betreiber von Facebook aus lauter Menschenliebe einen weltumspannenden Freundeskreis unterhalten. Inzwischen ist es offenbar nur noch eine Seltenheit, dass einzelne Gastgeber ein Zimmer in ihrem Zuhause anbieten. Ein grosser Teil der Wohnungen wird, wie jetzt eine Datenrecherche unter Beteiligung mehrere europäischer Zeitungen zeigte, von Profis vermietet.

Nur noch Touristen-Kulissen

Hier werden Wohnungen allein zu dem Zweck unterhalten, sie lukrativ für jeweils einige Tage an Gäste zu vermieten. Damit lässt sich viel Geld machen - Einnahmen, die mit einer Vermietung nie zu erreichen wären. Diese Wohnungen fehlen gerade in den Metropolen, wo es auf dem Mietmarkt immer enger zugeht. Einheimische fühlen sich verdrängt. Die Quartiere verändern sich, ganze Strassenzüge verkommen zu von Kneipen und Restaurants geprägten Kulissen für Touristen.

Längst versuchen überall auf der Welt Städte dagegenzuhalten. New York geht entschieden gegen illegale Anbieter vor. Viele Metropolen haben Regeln eingeführt, mit denen sie etwa die Zeit innerhalb eines Jahres begrenzen, die ein Apartment vermietet werden darf. In der für Touristen teuren Schweiz sind die Auswirkungen des Airbnb-Booms noch nicht so spürbar wie zum Beispiel in Deutschlands Hauptstadt. Berlin hat deswegen ein Verbot für die private Vermietung von nicht-genehmigter Ferienwohnungen verhängt, die auch zu einer heiklen Konkurrenz für manche Hotels geworden ist. Berlin ermuntert seine Bürger, illegale Vermietungen zu melden. Es drohen drastische Strafen.

Städte sind im Recht

Auch die Bürger sollten ein Interesse daran haben, Lebensraum zu schützen Die Anbieter und die Betreiber von Internet-Plattformen wie Airbnb beklagen, dass arg in ihre Freiheit eingegriffen werde. Man klammert sich an die Legende von den Gastgebern, die ja nur ein wenig hinzuverdienen wollen. Es gibt gewiss Fälle, für die das zutrifft. Im Kern aber belegen die jüngsten Erkenntnisse über die Vermieter, dass die Städte mit gutem Recht gegen diese Szene vorgehen.

Es ist die Aufgabe der Politik, das Gesicht ihrer Innenstädte zu entwickeln und zu prägen. Ferienwohnungen können dazu gehören. Wer sie betreiben und vermieten will, der soll und darf das tun, wo immer es genehmigt wird. Aber in keiner Stadt können die Bürger ein Interesse daran haben, dass aus ihren meist zentralen und oft schönsten Quartieren unter der Hand Feriensiedlungen werden. Denn wo sollten da noch die Einheimischen herzlich Gäste bei sich zu Hause willkommen heissen?

Erstellt: 04.08.2017, 20:52 Uhr

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