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Die Superreichen sind auf der Überholspur

Die soziale Kluft in den USA wird immer grösser: Vermögende zweigen mehr Einkommensgewinne ab, Lastwagenfahrer gehören nicht mehr zum Mittelstand.

Walter Niederberger, San Francisco
Feine Gesellschaft: Reichtum bleibt einem immer kleineren Teil der Amerikaner vorbehalten. Foto: Mark Peterson (Redux Laif)
Feine Gesellschaft: Reichtum bleibt einem immer kleineren Teil der Amerikaner vorbehalten. Foto: Mark Peterson (Redux Laif)

Trucking war im Amerika der Nachkriegsjahre ein anständig bezahlter Beruf. Lastwagenfahrer verdienten 30 bis 32 Dollar pro Stunde, gehörten zum Mittelstand und konnten eine Familie ernähren. Sie hatten Anteil an den breit verteilten Einkommensgewinnen des Landes. Das Gleichgewicht ist seit den 1980er-Jahren gestört: Das steigende Volkseinkommen fliesst nur noch einer kleinen Minderheit von Reichen und Superreichen zu.

Die Grafik zeigt, wie stark die Einkommensschere in den letzten Jahren aufgegangen ist. Sie basiert auf Untersuchungen der Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman. Die aktuelle Entwicklung gleicht einem Eishockey-Stock; eine Kurve, die auch in der Klimawissenschaft bekannt ist und dort den beschleunigten Temperaturanstieg abbildet. Gleich wie die Erderwärmung ist auch die steigende Ungleichheit der Einkommensverteilung nicht vorgegeben, sondern politischen und gesellschaftlichen Entscheiden zuzuschreiben.

Das Schicksal der Lastwagenfahrer liefert dafür einige Hinweise. Ein Trucker verdient heute im Schnitt 43 600 Dollar pro Jahr. Das ist teuerungsbereinigt ein Drittel weniger als noch 1980. Dafür arbeitet er oder sie – 7 Prozent der amerikanischen Lastwagenchauffeure sind Frauen – Schichten von elf Stunden. Steckt er oder sie im Stau fest, zählt das als Arbeitszeit, und der nächste Auftrag verzögert sich. Der Stress ist so gross, dass die meisten Neueinsteiger bereits nach zwei oder drei Monaten aufhören. Die Wechsel sind sogar höher als in Fast-Food-Restaurants. Im Fernverkehr etwa müssen 80 Prozent der Truckerstellen Jahr für Jahr neu besetzt werden.

Plötzlich Tieflohnarbeiter

Anderseits aber bot der Beruf Schulabgängern ohne höheren Abschluss die Chance, sich in den Mittelstand hochzuarbeiten und eine Familie zu ernähren. Das war möglich, weil sie mit ihren Einkommen am wachsenden Vermögenskuchen teilhatten. Ärmere Haushalte und der Mittelstand machten höhere Einkommensgewinne als die Reichen. Vor 1980 verdienten sie jährlich im Schnitt 2 Prozent mehr, und dies nach Abzug der Steuern und der Inflation. Mit diesem Zugewinn verdoppelte sich das Haushaltseinkommen alle 34 Jahre.

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Das ist nicht mehr der Fall. Lastwagenfahrer sind auf die Stufe der Tieflohnarbeiter zurückgefallen. Doch dafür kann weder die Automatisierung noch die Globalisierung verantwortlich gemacht werden. Lastwagen werden bislang nicht von Robotern gefahren, und der Transport kann nicht in Tieflohnländer verlagert werden. Was den Abstieg erklärt, sind politische Entscheide. So hat die Politik zum Beispiel die Anforderungen für die Überstundenarbeit so aufgeweicht, dass die Überzeit heute um mehr als die Hälfte tiefer entschädigt werden muss als 1975. Für Tieflohnarbeiter fällt ins Gewicht, dass der gesetzliche Minimallohn nur verzögert an die höheren Kosten angeglichen wird, zum letzten Mal vor acht Jahren. Der Anteil des Einkommens, der diesen Arbeitern zugutekommt, ist deshalb stark gesunken.

Hinzu kommt die Entmachtung der Gewerkschaften. 1983 waren noch 38 Prozent der Fahrer schwerer Lastwagen organisiert, letztes Jahr warten es noch 13 Prozent. Sie sind keine Ausnahme. Die meisten Arbeiter in den USA haben heute keine organisierte Verhandlungsmacht mehr.

«Wir sind Wegwerf-Leute»

Dafür haben die Vermögenden mehr und mehr Einkommensgewinne abgezweigt. Dabei ist gar eine neue Kluft zwischen dem oberen Mittelstand und den Reichen und Superreichen aufgegangen. Nur rund 2 Prozent der Haushalte beanspruchen heute so viele Wohlstandsgewinne wie der Mittelstand und ärmeren Haushalte vor 1980. Dieses Gefälle indessen ist für die Regierung Trump kein Grund zu handeln. Im Gegenteil: Trump wollte die Krankenversicherung für 22 Millionen Amerikaner rückgängig machen und plant eine Steuersenkung, die gezielt auf die Reichen zugeschnitten ist. Wie seine Wähler reagieren werden, denen er einen Ausweg versprach, bleibt die grosse, offene Frage.

Greg Simmons, einem 54-jährigen Trucker aus Florida, bleibt nur noch eine bittere Erkenntnis. «Niemand kümmert sich um uns», sagte er kürzlich der «New York Times». «Wir sind Wegwerf-Leute. Alle brauchen uns, aber niemand will uns.»

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