Die Verzweiflungstat von Alpiq könnte Nachahmer finden

Der Stromkonzern ist in einer desolaten Lage, nun verkauft er fast die Hälfte seiner Stauseen. Doch nicht nur Alpiq zieht solche Massnahmen in Betracht.

Ohne Rückhalt: Die Alpiq will ihre Stauseen loswerden. Foto: Keystone

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Von «einer Lawine», einem «Verkauf des Tafelsilbers» war die Rede, nachdem der Stromkonzern Alpiq gestern mit den Jahreszahlen den Verkauf von 49 Prozent seiner Wasserkraftwerke bekannt gegeben hatte. Kein Wunder, ist der Schreck so gross: Die Schweiz ist stolz auf ihre Wasserkraft, auf die vielen Stauseen und Pumpspeicherkraftwerke, die das Landschaftsbild prägen. Und nun will Alpiq just diese stolzen Anlagen inländischen und ausländischen Investoren zur Verfügung stellen.

Das Problem: Die Wasserkraft gilt zwar als zukunftsträchtig, weil sich mit ihr nachhaltig und weitgehend CO2-frei Strom produzieren und speichern lässt. Doch da die Strompreise derart tief sind, können die meisten Anlagen zurzeit nicht kostendeckend produzieren. Die Gestehungskosten für Wasserkraft liegen laut Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin bei 6,5 Rappen pro Kilowattstunde, der Marktpreis hingegen bei 2,8 Rappen. Gleichzeitig schreibt Alpiq seit Jahren Verluste – allein im letzten Jahr waren es 830 Millionen Franken – und trägt trotz intensiver Sparmassnahmen noch immer eine Schuldenlast von 1,3 Millionen Franken mit sich herum. Es sei deshalb zu erwarten gewesen, dass der Konzern sich von weiteren Vermögenswerten trennen werde, sagt Sven Bucher, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. Erstaunt sei er aber über die Grössenordnung der Devestition.

Infografik: Die grössten WasserkraftanlagenGrafik vergrössern

Laut Felix Nipkow ist der radikale Schritt ein weiterer Beweis für die desolate Lage, in der sich Alpiq befindet. «Die finanzielle Not ist offensichtlich so gross, dass der Konzern nun alles zu Geld macht, was noch werthaltig ist», sagt der Projektleiter bei der Schweizerischen Energiestiftung SES. Laut dem gestern veröffentlichten Jahresbericht von Alpiq stammten 2015 rund 50 Prozent des im Inland produzierten Stroms aus Wasserkraft, die restlichen 50 Prozent grösstenteils aus Atomkraft.

«AKW lassen sich schlecht verkaufen, die Wasserkraftanlagen hingegen schon, deswegen nun dieser Schritt», sagt Nipkow. Trotzdem sei die Massnahme kurzsichtig und aus der Not geboren. «Die Strompreise werden sich in nächster ­Zukunft zwar kaum erholen. Doch längerfristig ist die Wasserkraft ein Geschäftsfeld mit guten Aussichten.» Alpiq wisse darum, weshalb sie auch die Mehrheit von 51 Prozent bei sich behalten wolle.

Wasserkraft hat gute Progrnosen

Dass die Wasserkraft an Bedeutung gewinnen wird, glauben nicht nur ihre Verfechter, sondern auch die Energieanalysten der UBS. Bis 2050 werde ihr Anteil am Schweizer Stromerzeugungsmix von heute 57 Prozent auf 66 Prozent ansteigen, prognostizierten sie in einer kürzlich publizierten Studie. Die Investitionskosten seien zwar sehr hoch, doch die Wasserkraft sei die nachhaltigste der erneuerbaren Energien.

Alpiq steht nun aber offenbar unter derart grossem Druck, dass das Unternehmen nicht mehr länger auf bessere Zeiten warten kann. Mit den aus den Portfolioverkäufen zufliessenden Mitteln will sie Schulden abbauen und damit die Zinslast reduzieren. Offen ist, wer die Anteile erwerben könnte. Laut Alpiq kommen in- und ausländische Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont infrage. Zudem sollen sich auch Energieversorger mit Endkunden im nicht liberalisierten Schweizer Markt beteiligen können.

Dass diese Interesse an den Anteilen haben könnten, kann sich auch ZKB-Analyst Bucher vorstellen. Wer Strom an Endkunden verkauft, darf nämlich die Gestehungskosten geltend machen. Auch Konsortien von Playern aus der Branche und Finanzinvestoren seien mögliche Investoren. Laut Stefan Krummenacher, Partner beim Beratungsunternehmen Enerprice, könnten sich zudem ausländische Investoren für die Anteile interessieren.

Repower prüft ähnliches Modell

Stellt sich die Frage, wie es um die Pläne der anderen Konzerne steht, die in grossem Umfang in der Wasserkraft engagiert sind. Bei der Berner BKW etwa macht sie gut 34 Prozent des Erzeugungsportfolios aus. Felix Nipkow von der SES schätzt allerdings, dass die BKW weniger stark in Bedrängnis ist, weil sie einen Teil des Stroms direkt an die Endkunden verkauft und deshalb den höheren Gestehungspreis verlangen darf. Bei der Axpo stammen 24 Prozent der produzierten Energie aus Wasserkraft. Im Nachhaltigkeitsbericht bezeichnet der Stromriese diese als «immer noch zentral im Portfolio». Erst im Dezember hat er in Linth-Limmern ein riesiges Pumpspeicherkraftwerk zum ersten Mal ans Netz angeschlossen.

Bei der Repower AG beträgt der Anteil der Wasserkraft ganze 65 Prozent. Auch die Bündner Energiegruppe kämpft mit finanziellen Problemen und hat deshalb im letzten Dezember eine Umstrukturierung bekannt gegeben. Unter anderem steht der Verkauf eines Gaskraftwerks in Italien zur Diskussion. Ausserdem wird laut dem Sprecher Werner Steinmann ein Modell geprüft, das in eine ähnliche Richtung wie jenes von Alpiq geht. «Wir überlegen uns, beim Umbau des Kraftwerks bei Morteratsch in Graubünden externe Investoren beizuziehen. Eine definitive Entscheidung ist aber noch nicht gefallen.» Auch bei Repower ist man jedenfalls überzeugt, dass die Wasserkraft sich dereinst wieder lohnen wird: «Wenn der Bund die Energiestrategie 2050 wie geplant umsetzen will, ist er auf unsere bestehenden und auch auf neue Anlagen angewiesen.»

Erstellt: 07.03.2016, 22:49 Uhr

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