Ausländische Fachkräfte machen Firmen nervös

Die strengen Kontrollen beunruhigen Unternehmen, die Mitarbeiter aus dem Ausland in die Schweiz holen. Das zeigt der interne Leitfaden einer Zürcher Bank.

Ausländische Fachkräfte sind begehrt – doch ihre Anstellung nicht immer unproblematisch: Ein Teilnehmer am WEF in Davos. (21. Januar 2015)

Ausländische Fachkräfte sind begehrt – doch ihre Anstellung nicht immer unproblematisch: Ein Teilnehmer am WEF in Davos. (21. Januar 2015) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Vier Seiten umfasst das Dokument. Ihm angefügt ist ein komplexes Formular. Es ist ein neuer Leitfaden, den Abteilungsleiter einer Zürcher Bank berücksichtigen müssen, wenn sie Mitarbeiter von ausländischen Niederlassungen für Arbeitseinsätze in die Schweiz holen. Sie haben sich an ihn zu halten, auch wenn der Einsatz nur wenige Tage dauert und egal, ob die Arbeitskraft aus der EU oder einem Drittstaat, wie etwa Indien, einreist. Das Dokument wurde vor kurzem im Unternehmen verteilt und liegt Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor.

Es verdeutlicht, wie gross die Angst bei Schweizer Firmen ist, beim Zuzug von Arbeitskräften etwas falsch zu machen. Mit dem Merkblatt wähnt sich die Bank auf der sicheren Seite. «Der neue Prozess gewährleistet die strikte Einhaltung des Schweizer Einwanderungsgesetzes, welche aufgrund dessen strenger Umsetzung sowie der verstärkten Kontrolle essenziell ist», heisst es gleich zu Beginn des Schreibens. Das Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) bestätigt, bei den Bewilligungen von Drittstaaten-Kontingenten strengere Kriterien anzulegen. Dies, weil dem Kanton seit 2015 weniger Kontingente zur Verfügung stehen.

Unzufriedenheit bei den Firmen

Ausserdem schaut das AWA bei Bewilligungen genauer hin. Es steht derzeit im Austausch mit Unternehmen, die besonders viele IT-Experten benötigen: «In Zusammenarbeit mit den Unternehmen beobachten wir die Situation der IT-Fachkräfte, unter anderem im Bereich der Entsendungen solcher Fachkräfte in die Schweiz.» Die IT-Industrie und die Finanzbranche benötigen besonders viele dieser gefragten Fachkräfte. Sie in die Schweiz zu holen, könnte nun schwieriger werden. Firmen aus der Versicherungsbranche, der Finanz- und der IT-Industrie stören sich an der aktuellen Situation, doch das sagen sie nur hinter vorgehaltener Hand.

Offiziell tönt es anders: Dank modernen Kommunikationstechnologien sei es oft gar nicht mehr nötig, dass ein Mitarbeiter in die Schweiz komme, so die Pressestellen von multinationalen Unter­nehmen. Oder: Wir sind im Austausch mit den Behörden und halten uns an die geltenden Vorschriften.

Die Firmen sind kurzfristig auf die richtigen Mitarbeiter angewiesen. Diese finden sie zwar oft im eigenen Unternehmen, aber eben nicht in der Schweiz, sondern bei einer Niederlassung im Ausland. Es sei schon immer ein riesiger bürokratischer Aufwand gewesen, wenn ausländische Konzernmitarbeiter in die Schweiz geholt werden sollten, doch nun sei er noch grösser, sagt ein Branchenkenner, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will.

Spielraum ausgenutzt

Es ist verständlich, dass sich die Firmen nicht öffentlich äussern. Das politische Umfeld ist nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative für die Firmen heikel. Die Diskussion um die Drittstaaten-Kontingente etwa birgt Zündstoff. Von der Wirtschaft wurde letztes Jahr die Erhöhung der 6500 Aufenthaltsbewilligungen gefordert. Der Bund ging nicht darauf ein. Er reagierte damit auf die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) im Februar 2014. Auch für Zuwanderer aus EU-/Efta-Staaten sollen bald Höchstzahlen gelten: Der Bund will die MEI hier mit einer einseitigen Schutzklausel umsetzen.

«Firmen versuchen seit längerem, jede Möglichkeit auszuschöpfen, um an Know-how zu kommen», sagt Philipp Zeller von dem auf Mitarbeiterfindung spezialisierten Unternehmen Jacando. Die Rekrutierung von Mitarbeitenden sei bei Personalabteilungen in unterschiedlichen Branchen von grösster Bedeutung. Doch müssen sie dabei mit der Gesetzeslage, der Verfügbarkeit von Spezialisten und der Struktur des Konzerns umgehen können. Ein schwieriger Spagat. So heisst es beim Technologiekonzern ABB: Die bestehenden Rahmenbedingungen könnten teilweise Einsätze zu Trainingszwecken oder die Zusammenarbeit im Rahmen eines Exportprojekts erschweren. Für ABB in der Schweiz sei es zentral, dass auch in Zukunft ein möglichst ungehinderter Zugang zum europäischen Markt bestehe.

Für Daniella Lützelschwab, Leiterin des Ressorts Arbeitsmarkt beim Arbeitgeberverband, hat der bürokratische Aufwand negative Konsequenzen: «Die Folgen davon bekommen nicht nur die betroffenen Mitarbeiter zu spüren, sondern auch die Angestellten in der Schweiz. Denn Hochqualifizierte kommen oft für Projektarbeiten in die Schweiz. Können sie nicht mehr einreisen, behindert oder verhindert das ganze Projekte und dadurch auch die Schweizer Angestellten, die daran arbeiten.» Andererseits wollen Firmen trotz der Einschränkung an Fachkräfte kommen und sind offenbar bereit, gewisse Risiken einzugehen. Viele Abteilungsleiter hätten früher nach jedem Strohhalm gegriffen, um eine wichtige Lücke im Team zu füllen – auch wenn das Vorgehen nicht immer ganz gesetzeskonform war, sagt ein ehemaliger Personalmanager. Mit dieser laxen Haltung ist nun offenbar Schluss. Die Behörden schauen genauer hin.

Warnung für Chefs

Für den Ex-Manager ist das interne Bankdokument mit so exakten Weisungen daher auch als eine Vorsichtsmassnahme des Unternehmens zu verstehen, um intern vor zweifelhaften Praktiken zu warnen: «Es ist für die Verantwortlichen ein Zeichen, dass es Regeln gibt, an die sie sich halten müssen, auch wenn sie dringend Experten brauchen.» Einige Unternehmen hätten in den letzten Jahren aus dem Vollen geschöpft. Sie hätten sich relativ rasch im Ausland bedient und dafür die eine oder andere Lücke im System ausgenutzt: «Firmen haben einzelne Mitarbeiter verspätet oder zum Teil ungenau angemeldet», so der ehemalige Personalchef.

Heute ist die Situation anders: Die Ämter kontrollieren stärker, und Firmen wollen keine Fehler begehen. Tun sie es doch, drohen ihnen happige Strafen. Im Dokument der Bank ist die Rede von Einreiseverboten für die betreffenden Mitarbeiter von ausländischen Standorten und schmerzhaften Bussen. Zudem könnten sie auf einer sogenannten schwarzen Liste des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) landen. Eine Schmach für einen bekannten Grosskonzern. Denn dort finden sich heute mehrheitlich Kleinbetriebe, die sich grobe Verstösse gegen die Arbeitsgesetze zuschulden kommen liessen.

Daher zieht diese Bank in ihrem internen Dokument einen übervorsichtigen Schluss: «Für alle Geschäftsreisen in die Schweiz muss per sofort eine offizielle Arbeitsbewilligung eingeholt werden.» Nur für Schulungen gilt eine Ausnahme. So radikal sind andere angefragte Unternehmen nicht. Eine Sprecherin des Pharmakonzerns Roche sagt: «Für Geschäftsreisende ausländischer Filialen, die sich zur Teilnahme an Meetings kurzfristig in der Schweiz aufhalten, muss nach wie vor keine Arbeitsbewilligung beantragt werden.»

Erstellt: 31.03.2016, 06:34 Uhr

Kontingente und Co.

Diese Regeln gelten

Dienstleistungserbringer aus der EU/Efta (entsandte Arbeitnehmer oder Selbstständige) brauchen keine Aufenthaltsbewilligung, sofern sie weniger als 90 Tage pro Kalenderjahr in der Schweiz arbeiten. Allerdings besteht für sie eine gesetzliche Meldepflicht. Ihr Einsatz muss bis spätestens 8 Tage vor Beginn angemeldet werden. Dauert der Einsatz länger als 90 Tage, brauchen die Dienstleistungserbringer eine Arbeitsbewilligung. Für diese Bewilligungen legt der Bundesrat jedes Jahr Kontingente fest. 2016 werden höchstens 2000 Bewilligungen für Kurzaufenthalter (bis zu einem Jahr) und 250 Bewilligungen für Aufenthalter (länger als ein Jahr) vergeben.

EU-Bürger, die bei einem Schweizer Arbeitgeber eine Stelle antreten, benötigen bei einer Tätigkeit von bis zu drei Monaten ebenfalls keine Bewilligung. Auch für sie gilt allerdings die Meldepflicht. Erst für längere Arbeitsverträge wird eine Bewilligung fällig.

Für Arbeitskräfte ausserhalb der EU/Efta, also aus Drittstaaten, gelten wiederum jährliche Kontingente. 2016 können insgesamt 6500 Spezialisten aus Drittstaaten rekrutiert werden (4000 Kurzaufenthalter, 2500 Aufenthalter). Die Erwerbstätigkeit von Drittstaatlern untersteht ab dem ersten Tag der Bewilligungspflicht. (fko)

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