«Für seinen Mallorca-Flug ist jeder selbst verantwortlich»

Dietrich Brockhagen ist Chef von Atmosfair. Privat ist er noch nie geflogen. Und über Kritik an Greta Thunberg ärgert er sich richtig.

Mit Kompensationszahlungen von Fluggästen finanziert Atmosfair Klimaschutzprojekte. Foto: fStop/Getty Images

Mit Kompensationszahlungen von Fluggästen finanziert Atmosfair Klimaschutzprojekte. Foto: fStop/Getty Images

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Können Sie den Begriff «moderner Ablasshandel» noch hören?
Den habe ich schon zu oft gehört. 2017 wollten wir zum Reformationstag twittern: «500 Jahre Ablasshandel, Atmosfair gratuliert.» Haben wir dann doch gelassen.

Aber was sagen Sie zu dem Begriff?
Wollen Sie die Standardantwort hören?

Unbedingt.
Der echte Ablasshandel hat nur Druck und Angst erzeugt. Bei uns nicht, die Leute unterstützen ja Sinnvolles. Das ist der Hauptunterschied: Das Geld kommt in Ruanda oder Nepal an – und verschwindet nicht in der Tasche des Priesters.

Beide Modelle funktionieren aber nur über das schlechte Gewissen.
Ja, und? Studien zu dem Thema sagen, dass Menschen nicht zusätzlich fliegen, nur weil sie kompensieren. Also hilft Kompensation dem Klima, auch wenn gar nicht fliegen besser wäre. Und wenn ich mit meinem Flug 5 Tonnen CO2 verursache und diejenigen, deren Hütte weggeschwemmt wird, pro Jahr nur 0,1 Tonnen, ist ein schlechtes Gewissen angemessen – wenn ich nicht gerade auf dem Weg zu einem humanitären Einsatz bin.

Aber was genau passiert, wenn man diese 5 Tonnen Kohlendioxid bei Atmosfair kompensiert?
Von dem Geld finanzieren wir Projekte, die in anderen Teilen der Welt dafür sorgen, dass weniger CO2 ausgestossen wird. Die Kompensationszahlung entspricht den Kosten für die entsprechende Technologie vor Ort, etwa wenn wir kleine Biogasanlagen für Bauernfamilien in Nepal bauen. Wichtig dabei ist: Wir sind selbst in den Projekten aktiv und bekommen später von der UNO die CO2-Minderungen bescheinigt. Wir kaufen keine CO2-Zertifikate.

Warum nicht?
Wir trauen den Regelungen nicht. Aus der Praxis wissen wir, dass auch die besten CO2-Standards Lücken haben.

Worin genau besteht der Unterschied zwischen dem Handel mit Zertifikaten und dem, was Sie machen?
Ein Händler kauft ein CO2-Zertifikat vielleicht von einem Zwischenhändler, der kann zwei Schritte weg sein von dem, der das Projekt betreibt. Er ist nicht vor Ort. Wenn wir Fotovoltaik-Panels für die ländliche Elektrifizierung von Dörfern in Afrika kaufen, können wir sagen, was wir mit dem Geld gemacht haben. Die Standards prüfen aber nicht, wie viel Geld beispielsweise wirklich in einem Projekt ankommt.

Zum Beispiel, ob eine Anlage für Biobrennstoffe ohnehin gebaut worden wäre?
Genau. Von 2 Millionen Euro, die unser Biomassekraftwerk in Indien gekostet hat, haben wir 1,8 Millionen Euro gezahlt und unterstützen es wie bei einem Einspeisetarif pro Kilowattstunde, weil der indische Tarif nicht ausreicht. Wir können ziemlich sicher sein, dass das ohne uns nicht liefe. Andere würden vielleicht in einem ähnlichen Projekt nur 100'000 Euro geben – aber sie kriegen die gleiche Menge Kompensation. Klar, die CO2-Minderungen sind da, das andere Kraftwerk läuft auch. Aber das täte es wahrscheinlich sowieso!

Viele Mitbewerber haben niedrigere Preise als Atmosfair. Woran erkennt man eine realistische Summe?
Die hängt auch von der eingesetzten Technologie ab. Aber wenn eine Tonne CO2 in der Kompensation deutlich weniger als 20 Euro kostet, sollte man sich erklären lassen, wozu der Beitrag verwendet wird. Man bekommt vielleicht ein Zertifikat dafür, aber das kann wertlos sein. Und die Passagiere denken bei solchen Preisen nicht um, dass Fliegen durch die Umweltkosten eigentlich teuer ist.

Wer kompensiert bei Ihnen am häufigsten? Firmen oder Einzelpersonen?
Vor zwei Jahren war das Verhältnis noch ziemlich genau 50:50. Inzwischen sind es zu etwa 80 Prozent Privatpersonen, die haben viel stärker zugenommen.

Was sagen Sie jemandem, der argumentiert, Kompensation bringe nichts, solange in China 180 Flughäfen gebaut werden?
Dass das Quatsch ist.

Quatsch, den man oft hört.
Aber ich muss doch verantworten, was ich verändern kann. Flughäfen in China kann ich nicht beeinflussen. Für seinen Mallorca-Flug ist jeder selbst verantwortlich.

Wie oft fliegen Sie selbst?
Privat bin ich noch nie geflogen. Als Umweltaktivist war das unvorstellbar, in so ein Ding einzusteigen. Das erste Mal überhaupt bin ich für Atmosfair geflogen, 2010 nach Nigeria, glaube ich.

War anscheinend nicht so beeindruckend.
Doch, weil ich mich an Bord richtig unwohl gefühlt habe. Auch heute mache ich beruflich in Europa alles mit dem Zug, aber nach Afrika oder Asien fliege ich aus Zeitgründen. Aber ich kriege immer noch keinen Bissen runter. Flugreisen sind für mich kein Erlebnis. Bahnreisen schon. Die nach Kyoto zur Klimakonferenz zum Beispiel.

Dafür gabs nicht so viel Aufmerksamkeit wie für Greta Thunbergs Segeltrip.
Über die Kritik daran habe ich mich ziemlich geärgert. Fragen wie «Was will uns Greta damit sagen?» sind typisch: Wir suchen Haare vor allem in fremden Suppen. Bloss weil sich in Zeiten von Instagram niemand mehr vorstellen kann, eine Sache allein aus Überzeugung zu tun.

Wie stehen Sie zur globalen Klimabewegung der «Fridays for Future»?
Ich finde das super und gehe auch mal mit. Mir gefällt, dass sie lösungsorientiert sind: Früher war es bei Studenten eher Kapitalismuskritik, ganz schön theoretisch und viel Marx. Wichtig, aber heute ist es gezielter.

Glauben Sie, wir schaffen es, den Temperaturanstieg auf 2 Grad Celsius zu begrenzen?
Dazu muss ich nicht optimistisch sein. Dass wir es können, ist keine Frage.

Aber werden wir es?
Ich würde sagen: 50:50.

Erstellt: 13.11.2019, 22:56 Uhr

Der Physiker gründete 2004 Atmosfair, davor arbeitete er im Berliner Umweltministerium. Foto: PD

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