Doping an der Wallstreet: Firmen pumpen Aktien künstlich auf

Mit Milliardensummen kaufen US-Konzerne ihre eigenen Aktien zurück. Das könnte dereinst für Turbulenzen sorgen. Nun wollen Demokraten dagegen vorgehen.

Egal, wie man das Kursdoping wirtschaftlich bewertet – für die US-Börsen ist es ein wesentlicher Faktor. Foto: Keystone

Egal, wie man das Kursdoping wirtschaftlich bewertet – für die US-Börsen ist es ein wesentlicher Faktor. Foto: Keystone

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Luca Maestri sieht nicht aus wie ein Mann, der Doping nötig hätte. Der Finanzchef des Technologiekonzerns Apple mit den grauen Haaren kommt oft im Hemd daher, unter dem sich ein kleiner Bauchansatz spannt. Seinen Bizeps oder Trizeps künstlich aufgepumpt zu haben? Das würde Maestri wohl niemand vorwerfen.

Und doch sagen Anlageexperten, dass Maestri zumindest mit finanziellen Dopingmethoden bestens vertraut sei. Denn kein Unternehmen hat in den vergangenen Jahren für so viel Geld eigene Aktien zurückgekauft wie Apple – und damit die Kurse auf magische Weise aufgepumpt.

Viele Unternehmen von A wie Apple über B wie Bank of America bis C wie Cisco haben derzeit grossen Appetit ausgerechnet auf ihre eigenen Aktien. Zahlen der Investmentbank Goldman Sachs zeigen Erschreckendes: Der grösste Treiber der Kursrally in diesem Jahr sind nicht Pensionskassen, Fondsgesellschaften oder Privatleute. Nein, zum grössten Anschubfaktor für die US-Börsen haben sich die Unternehmen selbst gemausert. Im vergangenen Jahr haben die US-Konzerne im Aktienindex S&P 500 für 806 Milliarden Dollar eigene Aktien zurückgekauft – und ihre Einkaufstour in diesem Jahr fortgesetzt.

Das ist aktuell besonders interessant: Denn zu Wochenbeginn hat der Dow Jones sogar die Marke von 28’000 Punkten übertroffen. Doch im kommenden Jahr, warnen Banker, könnten viele Unternehmen auf Entzug setzen. Und auch US-Politiker sagen den Aktienrückkäufen nun den Kampf an.

So funktioniert das Kursdoping

Steht der US-Aktienmarkt auf wackeligem Fundament? Wer das abschätzen will, muss verstehen, wie das Eigenkursdoping der Unternehmen wirkt. Wenn Firmen eigene Aktien zurückkaufen, dann verringert sich die Zahl ihrer Aktien an der Börse. Das Angebot an Aktien wird also knapper, was die Preise treibt.

In einem zweiten Schritt sorgen die Aktienrückkäufe jedoch für einen weiteren Kurseffekt, denn nach Aktienrückkäufen wirken die Wertpapiere automatisch hübscher. Wenn weniger Aktien im Umlauf sind, dann verteilt sich der gesamte Gewinn eines Unternehmens nun schliesslich auf weniger Aktien.

Das Ergebnis: Obwohl der gesamte Gewinn unter dem Strich gleich geblieben ist, fällt der Gewinn pro Aktie höher aus. Und genau auf diese Kennzahl schauen viele Aktienanalysten, vor allem in den USA. Die Unternehmen veranstalten für die Anleger also eine Art optische Täuschung. «Das ist am Ende Kurskosmetik», sagt Aktienmarktstratege Philipp Immenkötter vom Research Institute des deutschen Fondshauses Flossbach von Storch.

Dass die Aktienrückkäufe zur wohl wichtigsten Säule des Aktienaufschwungs werden konnten, hat wie so vieles an den US-Börsen derzeit mit nur einem Mann zu tun: Präsident Donald Trump hat den Unternehmen mit seiner Steuerreform 2017 viel Geld beschert, schliesslich sanken die Unternehmenssteuern plötzlich von 35 auf 21 Prozent.

Das Ergebnis: Plötzlich sassen viele Unternehmen auf einem Berg an Geld und hatten ein Luxusproblem. Was sollten sie mit den Milliarden anfangen? «Eine steuerinspirierte Rekordkauftour», so nennt Kapitalmarktstratege Howard Silverblatt von S&P Dow Jones Indices die Rückkäufe.

Demokraten wollen einen Riegel vorschieben

Kritiker sagen: Statt das Geld in kluge Köpfe, höhere Löhne oder neue Maschinen zu investieren, haben viele Unternehmen eben eigene Aktien zurückgekauft. In den USA wettern einflussreiche Demokraten seit geraumer Zeit gegen die Praxis der Konzerne, allen voran Chuck Schumer und Bernie Sanders. Also der demokratische Fraktionsführer im US-Senat und das Gesicht der Linken unter den Demokraten. Ihre Idee: Wenn die Unternehmen eigene Aktien zurückkaufen wollen, dann sollen sie im gleichen Atemzug auch ihren Angestellten einen höheren Lohn zahlen müssen.

Auch Experte Immenkötter kritisiert den Rückkaufboom: «Ich kann mir schwer vorstellen, dass Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung nicht wissen, wie sie das Geld besser verwenden könnten.»

Befürworter der Praxis entgegnen jedoch: In Jahren besonders hoher Aktienrückkäufe lasse sich nicht nachweisen, dass Unternehmen weniger in Maschinen oder Fabriken investiert hätten. Und vielleicht ist es am Ende sogar besser, wenn Unternehmen die eigenen Aktien zurückkaufen – statt mit dem Geld andere Unternehmen aufzukaufen und sich mit heiklen Übernahmen zu übernehmen.

Ohne Kurskosmetik wird es gefährlicher

Egal, wie man das Kursdoping wirtschaftlich bewertet – für die US-Börsen ist es ein wesentlicher Faktor. Im kommenden Jahr dürften die Rückkäufe Prognosen von Goldman Sachs zufolge um fünf Prozent abnehmen, viele Unternehmen werden ihr Geld zusammenhalten.

Was passiert, wenn die Rückkäufer fehlen, lässt sich schon heute beobachten. In den Wochen bevor Unternehmen ihre Quartalszahlen vorstellen, müssen sie auf die Kurskosmetik verzichten. Das Ergebnis: Die Kursausschläge werden wilder. Die Rückkäufe sind also nicht nur Kursdoping – sondern Beruhigungspille zugleich.

Erstellt: 20.11.2019, 13:53 Uhr

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