Ackermann geisselt Bankenbranche

An der KOF-Jubiläumsfeier war die Finanz- und Wirtschaftskrise das beherrschende Thema.

Hoher Besuch: Ex-Zurich-Konzernchef Joe Ackermann, Nationalbankpräsident Thomas Jordan und Bundesrat Johann
Schneider-Ammann (v. l.) sprachen an der Jubiläumsfeier der Konjunkturforschungsstelle KOF in Zürich.

Hoher Besuch: Ex-Zurich-Konzernchef Joe Ackermann, Nationalbankpräsident Thomas Jordan und Bundesrat Johann Schneider-Ammann (v. l.) sprachen an der Jubiläumsfeier der Konjunkturforschungsstelle KOF in Zürich. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Der einzige Mann am gestrigen Abend, der kein Unternehmer oder Ökonom ist, lieferte das treffendste Bild: «Ein Schmetterling schlägt in Brasilien mit den Flügeln und in Texas entsteht dadurch ein Tornado», sagte Christoph Schär, Klimaforscher der ETH Zürich. Es war eine Diskussionsrunde anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH und Schär brachte die Krux mit den Prognosen – ein Hauptbetätigungsfeld der KOF – auf den Punkt. Hans Hess, Swissmem-Präsident und Diskussionsteilnehmer, drückte es trivialer aus: «Die Realität ist komplex und die Zukunft kann nicht vorausgesagt werden.» Und dennoch müsse man es versuchen, Standortbestimmungen vorzunehmen und Ausblicke auf mögliche zukünftige Szenarien zu geben, so wie es die KOF gestern erneut tat. Darin waren sich die Gäste, darunter Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Nationalbank­präsident Thomas Jordan und Josef Ackermann, ehemaliger Präsident der Zurich Versicherung, einig.

Doch vor allem der Letztere konnte davon berichten, wie gefährlich es ist, wenn man mit seinen Modellen und Prognosen falschliegt. Der Ex-Chef der Deutschen Bank ging hart mit der Branche und deren «zu kurzfristigen und kurzsichtigen» Modellen ins Gericht – ein mea culpa sozusagen. Noch drei Wochen vor Ausbruch der Krise dachte man in der Branche, so Ackermann, «es geht genauso weiter». Vom Glauben, die Risiken im Markt seien breit gestreut und beherrschbar, fiel man rasch ab angesichts rapide fallender Preise, schnell austrocknender Liquidität und geringer Kapitalstärke der Banken. Man habe das Risiko der Subprime-Hypotheken total ignoriert, so Ackermann. «Wir sind klüger geworden.»

Vertrauensverlust beim Volk

Dennoch sei man sechs Jahre danach immer noch im Krisenmodus, und da war Ackermann wieder ganz Banker, als er die Behandlung seiner Ex-Branche durch die Politik kritisierte. Ziellos sei die Regulierung bisher, die Probleme nicht gelöst, die neuen Kapitalvorschriften verschiedenster Stellen seien unklar und widersprächen sich teilweise. «Grosse Banken sind noch grösser geworden», sagte der langjährige Vorsitzende der grössten deutschen Bank. Dazu seien viele Institute immer noch unterkapitalisiert und die Krisenländer Europas darben an ihren strukturellen Problemen – für sie fehle ein Marshallplan. Diese Unsicherheit führe zu einem Vertrauensverlust des Volkes in die liberale Wirtschaftsordnung der Schweiz und so zu einer 1:12-Initiative, die es zu bekämpfen gelte, so Ackermann.

Im Krisenmodus befindet sich auch immer noch die Schweizer Nationalbank (SNB). Ihr Präsident Thomas Jordan warnte jedoch davor, die Zentralbanker als Zauberer zu sehen und zu hohe Erwartungen in sie zu setzen. Die SNB könne nur die Symptome der Krise bekämpfen, Reformen müsste die Politik anpacken. Der Frankenmindestkurs von 1.20 Euro, den die SNB im Sommer 2011 eingeführt hat, ist solch ein Werkzeug, an dem festgehalten werde, so Jordan, weil die Zeiten noch zu unsicher seien und bei jetziger Aufhebung immer noch eine Deflationsspirale drohen könnte. Auch wenn, wie der KOF-­Direktor früher am Tage zeigte, der Franken sich weiter abgewertet hatte und damit sich seinem fairen Wert annähert, machte Jordan keine Anstalten, in kurzer Frist etwas am Mindestkurs ändern zu wollen.

Wirtschaftsminister Johann Schneider-­Ammann begrüsste in seinem Votum den Kurs der SNB, auch wenn «die Diskussion um die Aufhebung aufflammen wird». Ökonomie ist nun mal keine exakte Wissenschaft, stimmte der Bundesrat in den Chor der Mahner ein. Blindes Vertrauen in Zahlen sei trügerisch. Dennoch oder gerade deswegen brauche es heute mehr denn je fundierte und unabhängige Analysen, so Schneider-Ammann, wobei sich damit der Kreis zur Jubilarin KOF am gestrigen Tag wieder schloss.

Erstellt: 24.09.2013, 08:53 Uhr

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