Serie

«Auch als Unwissende lebten die Londoner Banker nicht schlecht»

Barbara Stcherbatcheff zum Zweiten: Die Londoner Ex-Bankerin und Buchautorin zeichnet den Skandal um «Liborgate» exklusiv für Tagesanzeiger.ch/Newsnet in einer dreiteiligen Serie nach.

Was ich nicht weiss, macht micht nicht heiss: Banker im Finanzdistrikt von London.

Was ich nicht weiss, macht micht nicht heiss: Banker im Finanzdistrikt von London. Bild: Keystone

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Barclays hat also ihre Fehler während der Finanzkrise zugegeben. Um die eigene Schwäche zu verbergen, meldete die Bank der British Bankers Association (BBA) systematisch zu tiefe Zinsen.

Im Rückblick klingt das alles wenig überraschend. Zumindest für Händler, die während dieser Zeit im Zinsderivatgeschäft arbeiteten. Die Liborzinsen, die wir im Spätsommer 2008 beobachteten, waren überhaupt nicht repräsentativ für die Turbulenzen, von denen die Finanzmärkte damals geschüttelt wurden.

Heute fragt man, warum der Betrug nicht früher aufgeflogen ist. Wahrscheinlich spielt die Komplexität der Materie eine Rolle: Liborzinsen sind nicht gerade das, worüber Durchschnittsbürger, Politiker oder Journalisten zweimal nachdenken – sofern sie überhaupt wissen, wovon die Rede ist.

Als würde man dem Zeiger auf der Uhr nicht vertrauen

Unserer Agentur in Mayfair verriet der Ticker jeweils um 11.45 Uhr, was Sache ist. Gespannt warteten wir auf die Reuters-Nachricht mit den Liborsätzen für verschiedene Währungen und Laufzeiten. Die Zinsen gaben uns Aufschluss darüber, zu welchen Konditionen sich die Banken gegenseitig mit unbesicherter Liquidität versorgten.

In der Finanzwelt besitzt der Libor einen enormen Stellenwert. Nachgelagerte Finanzprodukte im Wert von 350 Billionen Dollar hängen von diesem Zins ab. Das ist über 20-mal das Bruttoinlandprodukt der Vereinigten Staaten. Dem Libor nicht zu vertrauen, heisst, dem Zeiger auf deiner Armbanduhr nicht zu vertrauen. Doch im Sommer 2008 begannen wir, genau dies zu tun.

Das Gefühl für den Wert der Risiken ging verloren

Zu diesem Zeitpunkt schossen die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufsangeboten unvermittelt in die Höhe. Erhielten wir gewöhnlich rund ein Dutzend separate Quotes, so mussten wir nun froh sein, überhaupt Angaben von zwei oder drei Banken zu erhalten. Es wurde schwierig, Kreditangebote zu bewerten: Bot uns ein Handelspartner nun einen fairen Zins an, oder zog er uns skrupellos über den Tisch? Unser Gefühl für Wert und Ausmass der Risiken im Markt ging verloren.

Suspekt kam uns vor, dass die offiziellen Liborzinsen trotz all der Verwirrung im Markt erstaunlich tief lagen. Die Lage war mysteriös – doch dahinter kriminelle Energien festzumachen, war heikel. Aus den vorhandenen Daten liess sich nicht mit Sicherheit schliessen, dass es Kursabsprachen gab.

Verstehen wir uns richtig: Gewöhnlichen Leuten entsprangen aus den Libor-Manipulationen kaum Nachteile. Auch Unternehmen, deren Finanzgeschäfte vielfach an den Libor gekoppelt sind, erlitten durch die Absprachen nicht zwingend Schaden.

Zu hinterfragen hätte nichts gebracht

Erschreckend ist der Tatbestand selbst: Dass sich die mächtigsten Institute zusammentaten, um den Rest der Finanzwelt anzulügen. Barclays hätte die Zinsen niemals allein manipulieren können. Denn der Libor wird als Durchschnitt aus 16 Meldungen berechnet. Vier davon fallen je am oberen und am unteren Ende der Spanne weg: Eine isolierte Falschmeldung von Barclays hätte als Ausreisser schlicht keine Wirkung gezeigt. Ein konzertiertes Vorgehen war nötig, um den Libor zu verfälschen.

Wir Händler und Berater misstrauten dem Libor in dieser Zeit. Aber was hätten meine Kollegen und ich tun sollen? Den Berechnungsprozess zu hinterfragen, hätte uns keine Vorteile gebracht. Ausserdem schien es doch schwer vorstellbar, dass die BBA, Reuters oder die Regulierungsbehörden einen Betrug bei dieser derart wichtigen Referenzgrösse wirklich zulassen würden.

Warum niemand den Schwindel aufdeckte? Auch als Unwissende lebten die Londoner Banker zur damaligen Zeit nicht schlecht.

Bearbeitet und übersetzt aus dem Englischen von Simon Schmid. Hier geht es zum ersten Teil der Serie von Barbara Stcherbatcheff zum Libor-Skandal. Lesen Sie morgen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet den dritten Teil: «Warum 290 Milliarden Strafe nicht genügen».

Erstellt: 04.07.2012, 10:29 Uhr

Barbara Stcherbatcheff

Barbara Stcherbatcheff sorgte 2009 mit «Confessions of a Citygirl» für Aufsehen. Im Buch beschreibt sie ihre fünfjährige Erfahrung als Frau in der männlich dominierten Finanzbranche.

Stcherbatcheff kam 2004 in die Londoner City und arbeitete unter anderem bei den Investmentbanken Merill Lynch und J. P. Morgan. Während der Finanzkrise arbeitete sie als Fondsmanagerin sowie als Beraterin für Zinsderivatprodukte in Mayfair. Ihre Kolumnen zum Innenleben der City erschienen ab 2008 in der Zeitung «The London Paper».

Heute ist Stcherbatcheff weiter als Finanzberaterin sowie als Journalistin und Kolumnistin tätig. Beiträge von ihr erschienen unter anderem bei BBC, Al Jazeera English und «Vanity Fair».

Neben der City of London hat Stcherbatcheff in Zürich ein zweites Zuhause gefunden. In der Stadt fühlt sie sich wohl, verriet sie Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor einigen Monaten im Interview. Über ihr nächstes Ziel sagt die Hobbysportlerin: «Ich möchte den Swiss Alpine Marathon in Davos absolvieren und überstehen.»

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