Aus flüssigem Gold wird ein überflüssiges Shoppingcenter

Bei Luzern entsteht die gigantische «Mall of Switzerland». Ohne Petrodollars aus Abu Dhabi würde das Projekt wohl nie gebaut werden.

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Am Montag wurde eine Verschärfung der Lex Koller von der bürgerlichen Mehrheit im Ständerat abgelehnt. Vorausgegangen war ein intensives Lobbying der Bau-, Immobilien- und Bankenbranche. Noch im Dezember überwies der Nationalrat ohne Gegenstimme und mit dem bundesrätlichen Segen zwei Motionen der Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Ziel: Ausländische Investoren sollten nicht mehr Geschäftsliegenschaften in der Schweiz erwerben können. «Ihr primäres Ziel ist es, ihr Kapital im sicheren Hafen Schweiz zu bunkern», sagte Badran letzte Woche im TA.

In diesen Tagen ist auch bekannt geworden, dass vor den Toren Luzerns ein neues, gigantisches Shoppingcenter gebaut wird. Das Projekt steht exemplarisch dafür, wie mit ausländischem Kapital Immobilienprojekte realisiert werden, für die keine echte Nachfrage besteht. Der Preis dafür sind ein ­ruinöser Verdrängungswettbewerb, Landfrass und Dichtestress.

Grösser als Shilcity

Mit 46'000 Quadratmetern Verkaufs­fläche wird die «Mall of Switzerland» das drittgrösste Einkaufszentrum der Deutschschweiz. Zum Vergleich: ­Zürichs neuestes Shoppingcenter, Sihlcity, umfasst 42'466 Quadratmeter. Das Investitionsvolumen beträgt 450 Millionen Franken. Realisiert wird die «Mall of Switzerland» zwar vom Zürcher Generalunternehmer Halter AG, die Investoren stammen allerdings aus dem Ausland. Die luxemburgerische Freo-Gruppe investiert im Auftrag von ausländischen Pensionskassen und asiatischen Staatsfonds. Sie kaufte dem Luzerner Lift- und Rolltreppenhersteller Schindler ein 73'000 Quadratmeter grosses, nicht mehr benötigtes Grundstück im Luzerner Vorort Ebikon ab.

Hinter der Freo wiederum steht als Kapitalgeber die Tamweelview European Holdings SA, der in Luxemburg domizilierte europäische Immobilien-Investment-Arm der Abu Dhabi Investment Authority (Adia). Dabei handelt es sich um den mit 773 Milliarden Dollar verwalteten Vermögen zweitgrössten Staatsfonds der Welt. Hauptzweck des Adia ist es, die Wirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate auf die Zeit nach der Erschöpfung der Ölvorkommen vorzubereiten.

Von den Arabern hat Verwaltungsratspräsident Alfred N. Schindler eine hohe Meinung: «Das ist eine hochprofessionelle Organisation. Sie hat an vielen Orten fantastische Projekte auf die Beine gestellt», sagte er der «Neuen Luzerner Zeitung». Fantastisch ist auch der Reingewinn von 75 Millionen Franken, den der Innerschweizer Weltkonzern aus dem Deal mit Abu Dhabi löste. Fantastisch auch, weil lange kein ernst zu nehmender Branchenexperte an das Projekt glaubte.

Jahrelange Suche nach Investor

2001 entschied Schindler, das Gelände zum Höchstpreis zu verkaufen. Aber «ohne konzeptionelle Entwicklung ist der Landwert sehr gering», stellte man in der Konzernzentrale fest. Also wurde der Plan gefasst, eine gigantische Shoppingmall zu erstellen. Es gab aber bereits in der Zentralschweiz mehrere grosse Einkaufszentren, und keine Gemeinde, nicht mal das hässliche Strassendorf Ebikon, würde ein weiteres halb leeres Betonmonstrum herumstehen haben wollen. Also musste das Projekt der Bevölkerung erst schmackhaft gemacht werden: Hier, «in der Peripherie der weltbekannten Touristenstadt Luzern und damit mitten in Europa», würde «eine Touristenattraktion mit internationaler Ausstrahlung entstehen». Den Ebikern wurde das Blaue vom Himmel versprochen: inszenierte Räume mit künstlichen Felsen, Wiesen und Seen, eine Badelandschaft, Räume für kulturelle Anlässe oder ein Uhrenmuseum sollten aus der kommunen Mall ein «Urban Entertainment Center» machen.

Doch man wollte ganz sicher gehen: Vor der Abstimmung über das Einkaufscenter hatte Schindler alle seine Ebikoner Mitarbeiter per E-Mail aufgefordert Stimmung für das Projekt zu machen, im überparteilichen Pro-Komitee sassen auffällig viele Schindler-Leute. Wie ein SVP-Gemeinderat später öffentlich sagte, wurden Gegner eingeschüchtert, was Schindler damals dementierte. Die Ebikoner stimmten 2005 zu, und der Kanton Luzern verpflichtete sich, für das Shoppingcenter die mit 100 Millionen Franken wohl teuerste Autobahnzufahrt der Schweiz zu bauen.

Allein, Schindler konnte keinen Investor vorzeigen. Ein Dutzend Firmen, darunter die Credit Suisse und die UBS, unterzogen das Projekt einer Prüfung. Die CS sagte mit der Begründung ab: «Der Markt ist zu klein, das Risiko zu gross.» Denn die Schweiz weist weltweit die höchste Verkaufsflächendichte auf. Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz über 100 mittlere und grosse Einkaufszentren, 2012 waren es 169. Im gleichen Zeitraum nahm alleine die Verkaufsfläche in den Schweizer Shoppingcentern um 88 Prozent zu. Thomas Hochreutener, Detailshandelsexperte beim Marktforschungsinstitut GFK, warnt seit Jahren vor der Übersättigung. Im GFK-Bericht «Detailhandel Schweiz» von 2013 steht, dass die meisten Shoppingcenter rückgängige oder bestenfalls stagnierende Umsätze verzeichnen würden.

Heftiger Verdrängungskampf

2008 konnte Schindler endlich einen Investor präsentieren. Es handelte sich um eine obskure französische Immobilienfirma. Sie wollte bereits im Kanton Freiburg für 650 Millionen Franken ein Luxus-Shoppingcenter bauen – bis ihr die Baubewilligung entzogen wurde. In Ebikon sprangen die Franzosen ebenfalls wieder ab. Seit 2011 suchte die Halter AG einen neuen Investor.

Hochreutener glaubt, dass die «Mall of Switzerland» «den Verdrängungskampf heftig verschärfen» wird. Das Nachsehen werden die Läden in Luzerns Altstadt wie auch die Grossverteiler in der Region haben. Und wenn 2017 das Einkaufszentrum eröffnet wird, dürfte der überlastete Autobahnanschluss unter dem zusätzlichen Verkehr kollabieren. Für die Baubranche ist es eine klassische Win-win-Situation. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2014, 06:53 Uhr

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