Bank of America baut einen Schutzwall gegen Wikileaks

Eine der Banken, die sich am meisten vor Enthüllungen durch Wikileaks fürchtet, ist die Bank of America. Dazu hat sie offenbar allen Grund.

Die «Bank of America» trifft Vorsichtsmassnahmen gegenüber Wikileaks.

Die «Bank of America» trifft Vorsichtsmassnahmen gegenüber Wikileaks. Bild: Keystone

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Die Veröffentlichung von belastendem Material für eine der Wallstreet-Banken wird praktisch täglich erwartet. Wikileaks-Chef Julian Assange drohte an, die ihm zugespielten Dokumente im Januar freizugeben, und doppelte letzte Woche angesichts der möglichen Auslieferung nach Schweden nach. Sollte dies geschehen, so Assange, werde er Belastungsmaterial in Hülle und Fülle publizieren.

Die betroffene Bank wurde nie zweifelsfrei genannt, doch haben sich die Hinweise verdichtet, wonach es sich um die Bank of America handelt. Assange selber hatte früher darauf verwiesen, er habe derart sensitives Material, dass er eine Bank «zu Fall bringen» könnte. Er werde ein eigentliches «Ökosystem der Korruption» aufdecken. Von der Öffentlichkeit zunächst nicht wahrgenommen, sprach Assange dann explizit von der Bank of America und einer Harddisk eines Topmanagers mit einer Speichergrösse von 5 Gigabyte. Diese wäre gross genug, um über 200 000 Textseiten aufzubewahren. Als die Drohung schliesslich zur Kenntnis genommen wurde, sackte die Aktie der Bank of America um über 3 Prozent ab.

Präventiv Krisenstab eingesetzt

Inzwischen sind Wochen verstrichen; und exakt diese Ruhepause macht Bankanalysten etwas stutzig. Der Markt habe die Drohung bereits verarbeitet, sagte Moshe Orenbuch, Bankanalyst der Credit Suisse in New York, auf Anfrage. Assange müsste schon ausserordentlich schwerwiegendes Material publizieren, das auf kriminelle Machenschaften hindeutet, um die Bank zu erschüttern. «Je länger Wikileaks zuwartet, desto geringer wird die Wirkung des Lecks sein.»

Die Bank selber hat genug Zeit gehabt, um einen in dieser Form nie gesehenen Schutzwall zu errichten. Sie setzte im Dezember einen Krisenstab von 20 Computer- und Risikoexperten ein, zog die renommierte Beratungsfirma Booz Allen Hamilton sowie mehrere Topkanzleien bei, um sich abzusichern. Im Vordergrund steht die Frage, ob heikle Daten von Kunden publiziert werden könnten, die massive Schadenersatzforderungen gegen die Bank nach sich ziehen würden.

Das Image der Bankmanager ist ein weiteres Problem, wie das «Wall Street Journal» berichtete. Die Bank liess 439 Internetadressen aufkaufen und sperren, die Topleute der Bank angreifen oder lächerlich machen, so etwa diese Diskreditierung des Konzernchefs: BrianTMoynihanSucks.com. Nicht alle Kombinationen konnten gesperrt werden; so ist ihatebankofamerica.com in fremder Hand. Dieses Versäumnis sei problematisch, sagt Analyst Orenbuch. Die Bank habe das Problem offenbar erst erkannt, nachdem sie sich bei anderen Kreditfirmen umgeschaut habe. Kreditkarten-Unternehmen haben rufschädigende Internetadressen bereits seit Jahren sperren lassen.

Intransparente Übernahmen

Es bleibt eine Unbekannte: Wie belastend ist das Material tatsächlich? Interne Untersuchungen haben offenbar nicht bestätigt, dass eine Harddisc abhanden gekommen ist. Andererseits stand die politisch unbeliebte Bank of America bereits so oft im Zwielicht, dass es erstaunen würde, wenn Wikileaks nichts Substanzielles in der Hand hätte.

Angreifbar ist die Bank vor allem wegen der Übernahme der Countrywide Financial, dem einst grössten und übelsten Subprime-Unternehmen, das für Hunderttausende von kriminellen Hypotheken verantwortlich ist. Ein weiterer Angriffspunkt ist der Kauf der Konkurrentin Merrill Lynch mitten in der Finanzkrise, der so intransparent ablief, dass zwei Parlamentskommissionen Ermittlungen aufnahmen.

Assange ist überzeugt, dass die Dokumente gravierende Missstände aufzeigen werden und zu Rücktritten führen müssen. Die Parallele sieht er im Fall Enron, dem korrupten Energiekonzern, dessen Straftaten mehrere Topmanager ins Gefängnis und die Revisionsfirma Arthur Anderson zu Fall brachte.

Erstellt: 17.01.2011, 10:46 Uhr

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