Hintergrund

«Da dämmerte mir erstmals, dass es in London einen ‹Inside Club› gibt»

Weil sie den Liborzins manipulierten, müssen Topbanker heute büssen. Wie kam es dazu? Die Londoner Ex-Bankerin Barbara Stcherbatcheff zeichnet «Liborgate» exklusiv für Tagesanzeiger.ch/Newsnet in einer dreiteiligen Serie nach.

«Die Abweichungen waren überall»: Finanzdistrikt in London mit Gebäuden von Citi, HSBC und Barclays.

«Die Abweichungen waren überall»: Finanzdistrikt in London mit Gebäuden von Citi, HSBC und Barclays. Bild: Keystone

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Wir waren aufgeweckt. Wir waren ehrgeizig. Und wir arbeiteten als Consultants für Zinsderivate in Mayfair, dem wohlhabenden Zentrum des Londoner Finanzdistrikts. Anlagefonds, Private-Equity-Firmen und Immobiliengesellschaften waren unsere Kunden. Unsere Firma sicherte ihre Portfolios ab: mit Vanillas, wie einfache Optionen im Jargon genannt werden, aber auch mit exotischeren Finanzderivaten.

Swaps, Caps, Floors, Snowballs, Seagulls… Es gibt unzählige dieser Produkte. Wir führten sie alle im Angebot. Auch spekulative Handelsgeschäfte gingen wir im Auftrag der Klienten ein. Wirklich wichtig war bei diesem Job eigentlich nur eines: Am Ende des Tages mussten wir für unsere Kunden einen fairen Preis herausholen. Mit den Grossbanken die nötigen Deals hierfür abzuschliessen, das war unsere Aufgabe.

Das Geschäft funktionierte lange Zeit wie von selbst. Wir tranken morgens unsere doppelten Espressi und verfolgten die Headlines über das Bloomberg-Terminal. Unsere Computer waren sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag in Betrieb. Das Bürolicht brannte ununterbrochen, der Sicherheitsdienst arbeitete im Schichtbetrieb.

Inmitten dieser gefälligen Atmosphäre ging mir eines Morgens selbst ein Licht auf. Es war im Sommer 2008, ich kam wie immer um acht Uhr früh ins Büro. Ich sollte an diesem Tag einen Zinsswap über 10 Millionen Pfund für eine Immobilienfirma aushandeln: an sich eine kleine Summe für unser Geschäft, waren wir es doch gewohnt, die Handelsdesks globaler Investmentbanken in Auktionswettbewerben von bis zu einer Milliarde Pfund gegeneinander antreten zu lassen.

Ich weiss nicht genau, warum. Doch an diesem Morgen dämmerte mir erstmals, dass es in London einen «Inside Club» gibt, an dem wir niemals teilhaben würden – ein innerer Zirkel der Finanzelite, der die wahren Handelsbedingungen hinter den Kulissen bestimmte, ohne dass die übrigen Marktteilnehmer davon Kenntnis hatten. Damals starb in mir die unerschütterliche Sicherheit, auch als kleiner Fisch auf dem Finanzplatz gute Deals abschliessen zu können. An die Stelle der Sicherheit trat ein grundlegendes Misstrauen gegenüber den «Big Boys» der City of London.

Als die Finanzkrise 2008 ihren Lauf nahm, verstärkte sich die merkwürdige Stimmung unter den Finanzplayern in London. Ein Gefühl der Machtlosigkeit beschlich auch unser Team. Uns fielen Unregelmässigkeiten bei den Kursen auf, welche die Topbanken uns meldeten. Quotes für Dinge wie den Liborzins lagen fernab aller erwartbaren Werte. Nicht nur die Bank Barclays war dabei auffällig. Die Abweichungen waren überall – und doch konnten wir nicht eindeutig festmachen, wo der Ursprung des Problems lag.

Manche meiner Arbeitskollegen begannen, an ihren Berufsfähigkeiten zu zweifeln. Einige begannen sogar, ihre Stundenlöhne von 500 Pfund infrage zu stellen. In der Meinung, verstärkte Solidarität sei als Waffe gegen die mächtigsten Handelshäuser wirkungsvoll, forcierten wir die Zusammenarbeit im Team. Trotzdem wurde es immer schwieriger, bei einem Deal gute Konditionen herauszuholen.

Verzweifelt stellten jüngere Kollegen Telefonate zu den erfahrenen Beratern durch: «Versuch‘ Du es mit diesem Typen, ich komm hier nicht weiter – die Quotes dieses Händlers sind verrückt!» Besonders der ausserbörslich organisierte, 600 Billionen Dollar umfassende Markt der «Over the Counter»-Derivate trocknete nach und nach aus. Die Investmentbank Bear Stearns war bereits untergegangen. Gerüchteweise sollten weitere Topbanken folgen.

Dass unsere Erfahrungen während der Finanzkrise nicht nur auf Liquiditätsengpässe zurückzuführen waren, hatten wir immer geahnt. Nun bestätigt sich unser Verdacht: Die Bank Barclays wurde diese Woche der Manipulation des Liborzinses für schuldig befunden und gebüsst. Damit zeigt sich, dass die Topbanken die undurchsichtigen Bedingungen während der Krise tatsächlich knallhart zu ihrem Vorteil ausgenutzt haben.

In Finanzzentren wie London, New York, Tokio und Zürich laufen derzeit weitere Untersuchungen. Nahezu zwanzig Banken werden von den Aufsichtsbehörden durchleuchtet, auch in der Schweiz sind Ermittlungen im Gang. Ich persönlich rechne mit weiteren, massiven Strafen: Was wir bis jetzt gesehen haben, ist erst der Anfang einer Reihe von Verurteilungen.

Übersetzt aus dem Englischen von Simon Schmid. Lesen Sie Morgen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet den zweiten Teil von Barbara Stcherbatcheffs Bericht zum Libor-Skandal: Warum niemand den Schwindel aufdeckte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2012, 12:42 Uhr

Barbara Stcherbatcheff

Barbara Stcherbatcheff sorgte 2009 mit «Confessions of a Citygirl» für Aufsehen. Im Buch beschreibt sie ihre fünfjährige Erfahrung als Frau in der männlich dominierten Finanzbranche.

Stcherbatcheff kam 2004 in die Londoner City und arbeitete unter anderem bei den Investmentbanken Merill Lynch und J. P. Morgan. Während der Finanzkrise arbeitete sie als Fondsmanagerin sowie als Beraterin für Zinsderivatprodukte in Myfair. Ihre Kolumnen zum Innenleben der City erschienen ab 2008 in der Zeitung The London Paper.

Heute ist Stcherbatcheff weiter als Finanzberaterin, sowie als Journalistin und Kolumnistin tätig. Beiträge von ihr erschienen unter anderem bei BBC, Al Jazeera English und Vanity Fair.

Neben der City of London hat Stcherbatcheff in Zürich ein zweites Zuhause gefunden. In der Stadt fühlt sie sich wohl, verriet sie Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor einigen Monaten im Interview. Über ihr nächstes Ziel sagt die Hobbysportlerin: «Ich möchte den Swiss Alpine Marathon in Davos absolvieren und überstehen.»

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