Hintergrund

Das Comeback der sozialen Utopien

Der Triumphzug des Kapitalismus ist vorbei, die freie Marktwirtschaft macht nicht selig. Jetzt sind Visionen gefragt. Dazu hat Antikapitalist P. M. ein interessantes Buch geschrieben.

Wunderschöne neue Welt: Auf dieser Insel vor der Küste Vancouvers könnte sie Wirklichkeit werden. (Bild: PD)

Wunderschöne neue Welt: Auf dieser Insel vor der Küste Vancouvers könnte sie Wirklichkeit werden. (Bild: PD)

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Robert Owen und William Morris waren bekannte soziale Utopisten im 19. Jahrhundert. Der zerstörerischen Macht des frühen Kapitalismus, den «satanischen Textilfabriken» mit Kinderarbeit, Armut, Dreck und Ausbeutung, setzten sie eine harmonische Gemeinschaft einer friedlichen und fairen Gesellschaft gegenüber. In den letzten Jahrzehnten hingegen fristeten soziale Utopisten ein kärgliches Leben am Rande der Gesellschaft. Der Kapitalismus hatte nicht im von Karl Marx prophezeiten Massenelend, sondern – zumindest im privilegierten Westen – in einem bisher unbekannten Massenwohlstand geendet. Mit dem Fall der Berliner Mauer war auch der Kommunismus als Alternative endgültig diskreditiert. Soziale Utopisten galten deshalb bis vor kurzem im besten Fall als Exzentriker, im schlimmsten Fall als Verrückte.

Alternative Lebensformen sind wieder angesagt

Nun ist der Kapitalismus in einer sehr ernsten Krise. Das hat Folgen: Bücher über neue Genossenschaftsbewegungen, bedingungsloses Grundeinkommen oder alternative Währungen sind im Trend, Magazine wie «Landliebe» sind schwer angesagt. Auch Utopien sind wieder gefragt, nicht nur soziale. Neoliberale Milliardäre finanzieren neuerdings sogenannte Charter Cities, in denen der reine Kapitalismus im Sinne der russisch-amerikanischen Autorin Ayn Rand (1905-1982) umgesetzt werden soll. Auch Owen und Morris feiern ein Comeback, beispielsweise im Roman «Manetti lesen» von P. M.

Der unter diesem Pseudonym schreibende Schweizer Autor und Philologe ist in der alternativen Szene von Zürich längst ein Begriff. Er hat bereits in den 1980er-Jahren mit «Bolo'bolo» eine bekannte, antikapitalistische Utopie verfasst, und er hat alternative Bau- und Wohngenossenschaften wie Kraftwerk 1 mitgegründet. Nun hat er einen Roman geschrieben, wobei der Begriff Roman ein Etikettenschwindel ist. «Manetti lesen» wird zwar als literarisches Werk angepriesen, ist aber letztlich ein verkleidetes Sachbuch. Es geht darum, in leicht verdaubarer Form die Diskussion um alternative Lebensformen der letzten 40 Jahre darzustellen.

Die Städter fliehen alle ins neue Land

Zum Inhalt: In der Zürcher Alternativszene verschwinden plötzlich massenhaft Leute, nachdem sie einen Kultroman eines gewissen Roberto Manetti gelesen haben. Eine Art Alter Ego von P. M. macht sich daran, die Gründe dieses rätselhaften Verschwindens zu ergründen. Die Reise führt ihn in die Toskana, in die Provence, nach Berlin, Paris und über Lissabon schliesslich nach Brasilien. Dort erfährt er, dass Manetti nicht, wie offiziell erklärt, gestorben ist, sondern dass er irgendwo im Mato Grosso eine soziale Utopie verwirklicht hat.

Dank seinem im Kaffeehandel verdienten Vermögen hat er dort eine Kleinstadt gebaut, in der McDonald's und UBS nur noch aus Pappe existieren (um das Umfeld zu täuschen) und in der ein nachhaltiger Lebensstil Tatsache geworden ist. Die verschwundenen Zürcher Szenefiguren sind in diese Stadt der Zukunft geflohen, um der Stagnation und Ohnmacht der eigenen Lebensrealität zu entfliehen.

Eine Diskussion sollte man zumindest führen

Nur Ökonomen und Wahnsinnige glauben noch an ein ewiges Wirtschaftswachstum, heisst es. Das ist eine Erkenntnis, die schwer zu widerlegen ist. Niemand kann sich vorstellen, dass Milliarden von Menschen in aufstrebenden Schwellenländern wie China oder Brasilien einem ähnlich energieintensiven Lebensstil wie der Westen frönen können, ohne dass der Planet Erde vor die Hunde geht.

Die Klimaerwärmung ist bereits Realität, und ihre destruktiven Folgen werden immer offensichtlicher. Vielleicht brauchen wir tatsächlich aufgeklärte Diktatoren wie den fiktiven Roberto Manetti, um zu verhindern, dass sich die Menschheit selbst umbringt. So gesehen hat P. M. ein kluges Buch geschrieben und eine wichtige Diskussion angeregt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.09.2012, 11:22 Uhr

Autor P. M. hat bereits in den 80er-Jahren die antikapitalistische Utopie «Bolo'bolo» verfasst. (Bild: D.H.)

P. M.: Manetti lesen oder vom guten Leben. Edition Nautilus. 285 S., Fr. 29.90. ISBN 978-3-89401-761-3

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