Das Geschäft mit der Angst

Gegen Entführungen kann man sich versichern lassen. Seit Terrororganisationen sich auf diese Art finanzieren, steigt in der Schweiz das Interesse nach solchen Policen.

Terrororganisationen benutzen Entführungen als Geldquelle:  Geiselübergabe in Mali. Foto: Keystone

Terrororganisationen benutzen Entführungen als Geldquelle: Geiselübergabe in Mali. Foto: Keystone

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Das Phänomen ist alt, hat aber gerade Hochkonjunktur: Entführungen mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen. Spätestens seitdem islamistische Terrororganisationen das Geschäft mit der Angst für sich entdeckt haben, häufen sich in der Sahelzone und in Nahost die Vorfälle mit westlichen Ausländern.

Das befeuert auch das Interesse an einer Dienstleistung der besonderen Art: Entführungsversicherungen. Die Kunden: Unternehmen, die in einer Risikoregion tätig sind. Im Ernstfall beauftragt die Versicherung eine Krisenberatungsfirma damit, die Geisel zu befreien und heil nach Hause zu bringen. Und sie erstattet dem Unternehmen zusätzliche Kosten – etwa für medizinische und psychologische Betreuung oder Reise­kosten. Das Bemerkenswerte dabei: Die Versicherung bezahlt auch Lösegeld. Und übernimmt die Kosten, auch wenn es unterwegs verloren geht.

Die Hiscox-Versicherung etwa verspricht explizit die «Erstattung von übergebenem Lösegeld, auch bei Verlust des Lösegelds auf dem Transportweg». Die britische Firma ist Weltmarktfüh­rerin in diesem Bereich und hält nach eigenen Angaben einen Marktanteil von rund 65 Prozent. Das globale Volumen des Marktes wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt, wie das Branchenheft «Schweizer Versicherung» unter Berufung auf Morgan Stanley schreibt.

Ahnungslose Versicherte

Die Schweiz ist überdurchschnittlich von Kidnappings ihrer Bürger im Ausland betroffen. Zwar gibt es keine Zahlen zum hiesigen Markt für Entführungsversicherungen. Die Versicherer selbst berichten allerdings von einer steigenden Nachfrage – «gerade bei export­orientierten kleinen und mittleren Unternehmen», heisst es auf Anfrage bei AGCS, der Spezialversicherung der Allianz. Sie bietet hierzulande seit 2010 solche Policen an. Gianni Solazzo bestätigt diesen Trend. Er leitet den Geschäfts­bereich Spezialpolicen beim Schweizer Ableger des deutschen Versicherers HDI-Gerling. Heute zeigten mehr Kunden Interesse als noch vor zwei bis drei Jahren, sagt er auf Anfrage. Zu seinen Kunden zählen internationale Konzerne mit Sitz in der Schweiz – darunter die «ganz grossen Namen», so Solazzo, aber auch wohlhabende Familien und Einzelpersonen.

Das Geschäft mit Entführungsver­sicherungen ist verschwiegen. In Deutschland ist es sogar verboten, dafür Werbung zu machen. Über die Höhe der Prämien ist deshalb kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Die Verschwiegenheit soll aber auch verhindern, dass der Appetit der Kidnapper angeregt oder Missbrauch getrieben wird. In der Regel werden weder die versicherten Mitarbeiter über den Abschluss einer Police informiert, noch deren Lebenspartner, Kinder oder Gäste, die oft auch davon erfasst werden.

Lösegeld in 75 Prozent der Fälle

Lösegeldzahlungen sind ein zentraler Bestandteil dieses Geschäfts, sagt der ehemalige FBI-Agent Jack Cloonan. «Wenn ich meinen Krisenberatern sagen würde, dass das nicht infrage kommt, dann würden die mich anschauen, als sei ich betrunken.» Cloonan leitet die Abteilung für Spezialrisiken bei Red 24, einer britischen Sicherheitsfirma, die mit verschiedenen Versicherungen zusammenarbeitet.

«Die meisten Geiselnahmen, die sich weltweit ereignen – ich würde sagen, mindestens 75 Prozent, möglicherweise auch mehr –, werden durch das Zahlen von Lösegeld erfolgreich beendet», hält er fest. Über die Höhe von geforderten oder gezahlten Lösegeldern seien indes kaum verlässliche Zahlen erhältlich – genauso wenig wie über die Zahl der Entführungsfälle pro Jahr. In den Medien werde meist spekuliert. Und er ist überzeugt: «Lösegeld von vornherein auszuschliessen, schränkt die Möglichkeit ein, ein Opfer erfolgreich zu befreien.»

Regierungen zahlen nicht

Die Praxis steht im Widerspruch zur offiziellen Politik vieler westlicher Regierungen, die in den Lösegeldern eine der wichtigsten Finanzierungsquellen des Terrorismus sehen. So auch die Schweiz: «Der Bundesrat verfolgt eine klare Politik des Nicht-Lösegeld-Zahlens», hält das Aussendepartement (EDA) in Bern auf Anfrage fest. Auch Private, die Zahlungen an terroristische Gruppierungen tätigen, «welche dem Sanktionsregime des Sicherheitsrats unterliegen», machen sich laut EDA strafbar – zumindest theoretisch.

Praktisch toleriert die Schweiz genau wie viele andere Länder einen privaten Sektor, der mit Lösegeld arbeitet – und kein Geheimnis daraus macht. Offiziell heisst es dazu in Bern nur: «Das EDA äussert sich nicht zur Versicherungspraxis von Privatunternehmen.»

«Entführungsversicherungen sind ein heikles Thema», sagt Terrorismus-experte Jean-Paul Rouiller, der unter anderem beim Bundesamt für Polizei und dem Nachrichtendienst des Bundes gearbeitet hat. Viele der privaten Sicherheitsberater seien ehemalige Geheimdienstleute. Und zwischen Regierungen und privaten Krisenberatungsfirmen fänden denn auch immer wieder Kooperationen statt. «Es ist nie einfach, solche Fälle zu lösen – für niemanden.»

Erstellt: 12.10.2014, 18:43 Uhr

Das Geschäft

Die meisten werden nie registriert

Weltweit kommt es zu viel mehr Geiselnahmen, als je publik wird. Zuverlässige Zahlen sind keine erhältlich. Schätzungen gehen von 30'000 bis 40'000 Fällen pro Jahr aus. Die meisten Entführungen werden nicht gemeldet, um negative Schlagzeilen zu vermeiden. Entführungen mit kriminellem Hintergrund sind in Ländern wie Mexiko und Kolumbien an der Tagesordnung. Doch aus einem kriminellen Phänomen sei inzwischen eine globale Herausforderung geworden, heisst es in einer Analyse des ETH-Thinktanks CSS. Allein in den letzten drei Jahren sollen islamistische Terroristenorganisationen mit dieser Methode Lösegelder in zweistelliger Millionenhöhe eingenommen haben, wie die G-8-Staaten im Juni 2013 im Abschlusscommuniqué ihres Gipfels in Nordirland festhielten. Die US-Regierung stuft das Kidnapping-Business heute als «grösstes Problem der Terrorismusfinanzierung» ein. (L.T.)

Die Akteure

Unsichtbare Berater

Private Krisenberater verhandeln nie direkt mit den Geiselnehmern, damit diese nichts von der Versicherung erfahren. Dadurch soll vermieden werden, dass die Kidnapper mehr Gewinn wittern. Aus demselben Grund werden in der Regel nicht einmal die versicherten Mitarbeiter selbst über ihre Entführungsversicherung informiert. Höchstens drei Leute wissen davon: der Geschäftsführer, der Risk-Manager, der die Police abschliesst, und der Finanzchef, der die Prämien bezahlt. Kommt es zum Krisenfall, bleiben die Berater selbst im Hintergrund. Zur eigentlichen Arbeit und Vorgehensweise, etwa zu allfälligen Befreiungsversuchen oder zur Übergabe von Lösegeldern, hüllen sich die Krisenberatungsfirmen in Schweigen. Medienanfragen werden lieber abgewimmelt als beantwortet, Zitate teilweise plötzlich wieder zurückgezogen – «um Kunden und Betroffene zu schützen», wie es dann heisst. (L.T.)

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