Hintergrund

Das Nazi-Gold der Bank von England

Die britische Zentralbank beginnt, ein verdrängtes, dunkles Kapitel in ihrer Geschichte auszuleuchten.

Goldlager der Bank von England: Sie half den Nazis 1939, tschechisches Raubgold einzusacken.

Goldlager der Bank von England: Sie half den Nazis 1939, tschechisches Raubgold einzusacken. Bild: United Archives/Keystone

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Grossbritanniens Zentralbank, die Bank of England, half 1939 den Nazis, Gold aus der besetzten Tschechoslowakei in deutschen Besitz zu übertragen – und Goldbarren im Wert von Hunderten von Millionen Pfund im Auftrag des Nazi-Regimes weiterzuverkaufen. Der Goldtransfer erfolgte trotz offizieller Londoner Politik, tschechische Werte in Grossbritannien «einzufrieren». Das Präsidium der Zentralbank, eng verflochten mit den Reichsbankchefs in Berlin, hatte eine Genehmigung der Regierung für den Transfer gar nicht erst abgewartet.

Das Eingeständnis, das in einem internen Bericht von 1950 steht, wurde nun im Zuge der Digitalisierung des Bankarchivs öffentlich gemacht. Im Bericht hiess es etwa, «die Sache mit dem tschechischen Gold» habe bei Kriegsausbruch «und auch noch einige Zeit danach» starken Unmut ausgelöst und Grossbritannien zu schaffen gemacht.

Die Bank verkaufte das Raubgold, nachdem Adolf Hitler im März 1939 die Tschechoslowakei besetzte. Noch im selben Monat bat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel die Briten, Gold im Wert von damals 5,6 Millionen Pfund aus einem Konto der Tschechischen Nationalbank auf eines der Reichsbank zu transferieren. Die BIZ wurde 1930 zur Abwicklung von Reparationszahlungen eingerichtet. Berlin hatte sich dort indes nach 1933 zunehmend Einfluss verschafft – auch waren die Verbindungen zwischen London und Berlin bis Kriegsbeginn eng.

Zur fraglichen Zeit sass etwa Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht im BIZ-Verwaltungsrat. Otto Ernst Niemeyer, der Vorsitzende des BIZ-Verwaltungsrats, gehörte seit April 1938 auch dem Präsidium der Bank of England an. Der Gouverneur der britischen Zentralbank selbst, Baron Montagu Norman, war ein enger Freund von Schacht. Norman bezeichnte einmal Hitler und Schacht als «Bollwerke der Zivilisation in Deutschland». Er unterstützte Berlin bis zum Tag des Kriegsbeginns – und blieb noch Gouverneur der Zentralbank bis 1944.

Baron Norman transferierte die tschechischen Goldbarren in London zur Tochter der Reichsbank. Es ging um fast 2000 Goldbarren, die heute 700 Millionen Pfund wert wären. Gut zwei Drittel des Goldes wurden in Holland und Belgien, der Rest in London verkauft.

Fixiert auf globale Finanzdeals

Im Mai 1939, zwei Monate später, erkundigte sich der damalige britische Finanzminister, Sir John Simon, bei Norman, ob die Bank of England auch tschechisches Gold lagere. Norman antwortete ausweichend: Die Zentralbank verfüge «von Zeit zu Zeit über Gold von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich», habe aber «keine Ahnung, ob es deren Eigentum oder das ihrer Kunden» sei.

Ungeachtet des Unbehagens des Ministers half Norman einen Monat später dem Nazi-Regime bei einem weiteren Golddeal. Diesmal ging es um zwei grössere Goldtransporte der Reichsbank nach London. Vorsichtshalber kündigte der Bank-Gouverneur dem Finanzministerium die Transaktion diesmal an. Worauf der Minister erklärte, er wolle erst einmal rechtlichen Rat einholen. Doch bevor die Antwort vorlag, hatte Norman das Gold bereits verkauft. Man habe keine Wahl gehabt, schrieb die Zentralbank 1950 in ihrem Bericht. London und Paris hätten die bestehenden Friedensverträge gebrochen, wenn sie den Goldverkauf blockiert hätten.

Drei weitere Monate später befanden sich London und Berlin im Krieg. Der Schriftwechsel bestätige, wie fragwürdig die damalige britische Position gegenüber den finanziellen Kriegsaktivitäten der Deutschen gewesen sei, schliesst der britische Historiker Neville Wylie. Die Bank of England sei zu fixiert gewesen auf globale Finanzgeschäfte und Bankenkooperation, findet Wylie, Professor an der Uni Nottingham: «Sie war allzu sehr darauf bedacht, Londons Status als internationales Finanzzentrum zu wahren» – auch als sie sich längst anders hätte orientieren müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2013, 11:04 Uhr

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