Deflation oder Inflation?

Wird Geld mehr oder weniger wert? Die Verunsicherung an den Märkten ist gross. Hier die Gründe, warum es zu dieser paradoxen Situation gekommen ist – und ein paar Tipps, wie man damit umgehen kann.

Deflation und Inflation gleichzeitig erwarten ist wie in der Badehose an den Nordpol reisen: Eisschwimmer in China. (1. Januar 2011)

Deflation und Inflation gleichzeitig erwarten ist wie in der Badehose an den Nordpol reisen: Eisschwimmer in China. (1. Januar 2011) Bild: Keystone

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Die Zinsen für zehnjährige US-Staatsanleihen (Treasuries) bewegen sich um die zwei Prozent, die aktuelle Inflation in den USA beträgt mehr als drei Prozent. Wer jetzt Treasuries kauft, nimmt entweder bewusst einen Wohlstandsverlust in Kauf, oder er rechnet damit, dass die Preise bald nicht mehr steigen, sondern sinken werden. Gleichzeitig erreicht der Goldpreis fast täglich neue Rekordwerte. Wer Gold hortet, glaubt daran, dass die Preise steigen und will mit seiner Flucht ins gelbe Metall der Teuerung entrinnen. Die Investoren erwarten gleichzeitig Deflation und Inflation. Das ist so, wie wenn man in der Badehose an den Nordpol reist oder im Skianzug in die Tropen. Wie kommt es zu dieser paradoxen Situation?

Die Notenbanken haben weltweit ihre Geldmengen teilweise massiv ausgeweitet. Sie wollen mit billigem Geld die Wirtschaft ankurbeln. «Mehr Geld bedeutet mehr Inflation», heisst es, schliesslich hat uns Milton Friedman gelehrt, dass Inflation dann entsteht, wenn zu viel Geld zu wenige Güter jagt. Diese Formel ist unvollständig. Nicht nur die Geldmenge allein ist entscheidend, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit, also wie oft das Geld den Eigentümer wechselt.

Wenn das Geld liegen bleibt

Die Umlaufgeschwindigkeit ist nicht immer konstant. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten nimmt sie ab, weil das Misstrauen zunimmt. Wenn aber die Umlaufgeschwindigkeit abnimmt, dann nützt es nichts, wenn die Notenbanken Geld ins System pumpen. Es bleibt dort ganz einfach liegen. Geld kurbelt die Inflation nur dann an, wenn das Geld auch zirkuliert. Mit der Ausweitung der Geldmenge erhöhen die Notenbanken zwar die Inflationsgefahr, aber nicht die Inflation. Japan beispielsweise hat seit langem Zinsen um den Nullpunkt, und zehnjährige japanische Staatsanleihen werfen gerade mal rund ein Prozent Zins ab. Trotzdem muss die japanische Notenbank gegen Deflation ankämpfen.

Die Notenbanken fürchten die Deflation noch mehr als die Inflation. Sinkende Preise würgen das Unternehmertum ab. Sie führen dazu, dass niemand investiert, weil die Schulden immer stärker drücken. Gleichzeitig bricht auch die Nachfrage ein: Die Konsumenten erwarten, dass die Preise stetig weiter sinken, und warten zu. Gerade in der Schweiz ist die Deflationsgefahr derzeit offensichtlich: Wegen dem starken Franken sinken die Preise von Importgütern, und welcher Unternehmer investiert angesichts der allgemeinen Unsicherheit?

Ein Deflationsszenario ist wahrscheinlicher

Deshalb ist ein Deflationsszenario derzeit wahrscheinlicher. Wie Japan seit den 1990er Jahren befinden sich viele moderne Industriestaaten in einer sogenannten «Balance Sheet Recession». Das bedeutet, dass private Haushalte und/oder Unternehmen so stark verschuldet sind, dass sie kaum etwas anderes tun können, als ihre Schulden abzubauen. Dieses sogenannte «Deleveraging» kann Jahre dauern. Auch billiges Geld nützt nichts. Hauseigentümer etwa, die «unter Wasser» sind, deren Hypotheken höher sind als der Wert ihres Hauses, die können auch mit Nullzinsen nicht zum Konsumieren verleitet werden. Sie wollen nur noch eines: Schulden abzahlen.

Solange das Deleveraging nicht abgeschlossen ist, besteht für die Volkswirtschaft eine potenzielle Deflationsgefahr, und genau in dieser Situation befinden sich Staaten wie die USA oder Grossbritannien. Inflationsgefahr besteht erst dann, wenn das Geld wieder beginnt, Güter zu jagen. Dann müssen die Notenbanken sehr rasch die Geldmenge wieder herunterfahren, sonst wird es tatsächlich kritisch.

Was bedeutet dies für die Anleger?

Hier ein paar allgemeine Richtlinien. Bei Deflationsgefahr empfiehlt es sich:

  • Staatsanleihen von sicheren Staaten zu kaufen
  • Nur Aktien zu halten, die regelmässig Dividenden ausschütten, beispielsweise von Nahrungsmittelkonzernen
  • Cash zu halten, weil Geld mehr wert wird
  • zyklische Aktien (Banken und Bau) und Rohstoffe abzustossen

Wer mit Inflation rechnet, sollte:

  • Gold und andere Edelmetalle kaufen
  • in Immobilien oder Kassenobligationen investieren
  • nur Staatsanleihen mit Inflationsschutz kaufen
  • in Währungen von Rohstoff exportierenden Ländern investieren

Erstellt: 22.08.2011, 12:54 Uhr

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