Den Schweizern wird der Appetit auf Hypotheken verdorben

Alle staatlichen Akteure sind sich einig: Die Nachfrage nach Hypotheken muss rasch gebremst werden. Das bedeutet für die Bürger vor allem massiv höhere Preise. Die Banken wehren sich.

Weil die Banken sich gegen eine Verschärfung der Selbstregulierung bei den Hypotheken wehren, ist nun der Bund am Zug: Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Serge Gaillard, Direktor der Finanzverwaltung, an einer Pressekonferenz.

Weil die Banken sich gegen eine Verschärfung der Selbstregulierung bei den Hypotheken wehren, ist nun der Bund am Zug: Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Serge Gaillard, Direktor der Finanzverwaltung, an einer Pressekonferenz. Bild: Keystone

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Banken und Behörden sprechen nicht mehr miteinander. Nachdem bislang die Pflichten der Banken bei der Hypothekenvergabe im Fokus waren, wurden seit Anfang Jahr auch neue Regeln diskutiert, die die Nachfrage nach Hypotheken in der Schweiz bremsen sollen. Also darüber, wie Hypotheken für die Kunden teurer gemacht werden. Ende letzter Woche gab Claude-Alain Margelisch, Direktor der Bankiervereinigung (SBV), im Gespräch mit Journalisten aber bekannt, dass sein Verband die Gespräche gestoppt habe. Die Regulatoren hätten Druck ausgeübt und von den Banken eine Änderung der Selbstregulierung verlangt. «Damit sind wir aber nicht mehr einverstanden», so Margelisch gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Vonseiten der Behörden ist zu vernehmen, dass jetzt Handlungsbedarf bestehe und die Gespräche nicht einfach monatelang ohne Ergebnis weitergeführt werden könnten. Zu schnell ist das Hypothekarvolumen in den letzten Jahren gestiegen. Im Jahr 2012 wurde erstmals die Grenze von 800 Milliarden Franken geknackt.

Die Verschuldung der Immobilienbesitzer übertrifft damit die Wirtschaftskraft der Schweiz bei weitem. Bei über 140 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ist sie inzwischen angelangt. Ausserdem haben die diversen in den letzten Monaten und Jahren ergriffenen Massnahmen auf der Angebotsseite nicht die erwünschte Durchschlagskraft gehabt. Das jährliche Wachstum des Volumens ist zwar leicht auf unter fünf Prozent gesunken, wie die Finma in ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht schreibt. Es liegt damit aber weiterhin deutlich über dem Wachstum des BIP. Auch bei den Preisen ist lediglich eine leichte Abschwächung des Anstiegs feststellbar. Alarmiert ist deshalb auch der Internationale Währungsfonds. In seinem aktuellen Bericht zur Schweiz legt er «strengere nachfrageseitige Massnahmen» nahe.

Massiv höhere Zinsen

Der Ball liegt jetzt bei den Behörden. Und diese vermitteln einen sehr geschlossenen Eindruck: «Vor dem Hintergrund der weiterhin hohen Risiken bei der Hypothekarkreditvergabe halten das Finanzdepartement (EFD), die Finanzmarktaufsicht (Finma) und die Nationalbank (SNB) weitere Massnahmen für notwendig», teilt die Finma auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit. Die Branche selber erachte dagegen die bestehenden Regeln «als ausreichend». Die drei involvierten Behörden seien nun dabei, zu prüfen, welche zusätzlichen Massnahmen ergriffen werden müssten.

Der «SonntagsBlick» schrieb gestern, dass die Banken gezwungen werden sollen, die Zinsen für die Immobilienbesitzer massiv zu erhöhen. Die Kunden sollen damit verpflichtet werden, ihre Hypothek viel schneller abzubezahlen. Konkret ist laut dem «SonntagsBlick» vorgesehen, dass in einer Tiefzinsphase wie heute nicht der normale Zins bezahlt werden muss, sondern der sogenannte kalkulatorische Zins, mit dem die Banken intern in ihren Sicherheitsmodellen rechnen. Der liegt heute bei fünf Prozent, ist also etwa doppelt so hoch wie der Hypothekarzinssatz. Das würde für die Schuldner Mehrkosten von Tausenden Franken pro Jahr bedeuten, die zu einer rascheren Abzahlung der Hypothek verwendet würden.

«Verschuldung be­sorg­niser­re­gend»

Die Finma will sich nicht zu einzelnen Massnahmen äussern. Sie schreibt aber, dass die geprüften Massnahmen «die Tragbarkeit langfristig sicherstellen und so nachhaltigere Hypothekarvergaben bewirken sollen». Laut der «Zentralschweiz am Sonntag» liegt das Dossier derzeit bei Serge Gaillard, dem Direktor der Finanzverwaltung. Er soll dem Bundesrat einen Vorschlag unterbreiten. Das Ziel sei es, dass die Regierung per Verordnung schärfere Regeln beschliesst. Vielleicht bereits am Mittwoch, wenn die nächste Bundesratssitzung ansteht. Aus Sicht der Behörden ist ein Entscheid dringend.

Äusserungen von Gaillard gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag» deuten darauf hin, dass diesmal wirklich einschneidende Massnahmen beschlossen werden könnten. Gemäss Gaillard erreicht die «Verschuldung ein besorgniserregendes Niveau». Und weil die Banken «leider nicht bereit sind, die Selbstregulierung nachzubessern, ist eine neue Lagebeurteilung nötig».

Erstellt: 07.04.2014, 11:39 Uhr

Umfrage

Laut Behörden hat die Verschuldung in der Schweiz ein besorgniserregendes Niveau erreicht. Sollen nun die Hypotheken für die Kunden teurer gemacht werden?

Ja.

 
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Nein.

 
68.5%

1371 Stimmen


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