Analyse

Der Aufstieg zur Geldmacht

Australien hat mit China ein neues Handelsabkommen geschlossen. Es erlaubt den direkten Umtausch von australischen Dollars in chinesische Renminbis. Dieser kleine Schritt könnte grosse Konsequenzen haben.

Chinesischer Papierkrieg: Der Renminbi schlägt den Dollar.

Chinesischer Papierkrieg: Der Renminbi schlägt den Dollar. Bild: Daryl Cagle/Cagle.com

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China ist bereits heute die zweitgrösste Volkswirtschaft und wird die USA an der Spitze bald ablösen. In den Währungen widerspiegelt sich dieses Kräfteverhältnis jedoch noch keineswegs: Peking hortet in seiner Zentralbank Billionen von US-Staatsanleihen. Indirekt räumen die Chinesen den Amerikanern ein «ausserordentliches Privileg» ein, wie es Valéry Giscard d’Estaing einst formuliert hatte: Sie tauschen nämlich Papier gegen Waren. Dieses an sich miese Geschäft machen die Chinesen, um ihre Exportwirtschaft am Laufen zu halten.

Angesichts der horrenden Staatsverschuldung der USA vergeht ihnen nun die Lust. Anstatt mit einem billigen Renminbi die Exportmaschinerie zu überhitzen – und dabei die Umwelt zu zerstören –, versuchen die Chinesen selbst ein «ausserordentliches Privileg» aufzubauen, den Renminbi zu einer globalen Währung zu entwickeln. Auch die Chinesen wären schliesslich nicht abgeneigt, Papiergeld gegen Waren einzutauschen.

Die Kommunisten fürchten um ihre Macht

Eine globale Leitwährung aufzubauen, ist schneller gesagt als getan. Der Dollar widerspiegelte bis nach dem Ersten Weltkrieg die wirtschaftliche Stärke der USA ebenfalls nicht und stand im Schatten des britischen Pfunds. Erst der Untergang des britischen Empire hat ihn auf den Thron gehoben. Der Renminbi hat noch einen langen Weg vor sich. Als globale Währung müsste er nämlich erstens frei konvertierbar sein, und zweitens müsste China einen riesigen liquiden Markt für seine Staatsanleihen zulassen. Beides würde die Macht der Kommunistischen Partei einschränken, ja vielleicht sogar zum Einstürzen bringen. Daran haben die Parteibosse natürlich kein Interesse.

Aus diesem Grund ist es wenig wahrscheinlich, dass Peking in absehbarer Zeit einen Big Bang auf seinen Finanzmärkten zulassen wird, will heissen: die bestehenden Restriktionen schlagartig abschaffen und den Renminbi den Kräften des Marktes überlassen. Vielmehr wird dieses Ziel beharrlich und in kleinen Schritten angestrebt: Mit ausgewählten Handelspartnern, beispielsweise Brasilien oder nun Australien, werden Verträge abgeschlossen, die einen direkten Handel zulassen. An der Börse in Hongkong können ausländische Unternehmen wie Coca-Cola Obligationen in der chinesischen Währung emittieren, und China lässt es zu, dass in kleineren südostasiatischen Volkswirtschaften wie Vietnam der Renminbi als eine Parallelwährung eingesetzt wird.

Der Missmut der chinesischen KMU

Einzelne kontrollierte Liberalisierungsexperimente finden auch im Land selbst statt, das bekannteste in Wenzhou, einer Stadt 500 Kilometer südlich von Shanghai. Dort gibt es sehr viele Schuhhersteller, und das sind kleinere und mittlere Privatunternehmen. Sie leiden darunter, dass sie gegenüber den grossen staatlichen Unternehmen von den Staatsbanken benachteiligt werden. Eine junge Geschäftsfrau namens Wu Ying hat den Missmut der KMU erkannt und einen illegalen privaten Kreditmarkt entwickelt. Zunächst ist sie dafür von den Provinzgerichten zum Tode verurteilt worden. Doch Peking hat das riesige Potenzial erkannt, das Urteil aufgehoben und den schwarzen Finanzmarkt legalisiert. «Die chinesische Regierung hat immerhin begriffen, wie ein neues Finanzsystem aussehen müsste», schreibt Frank Sieren in seinem Buch «Geldmacht China».

China war zwar immer wieder mal an der Spitze der Zivilisation, es war jedoch nie eine imperialistische Macht. Das wird sich kaum ändern. «Das Reich der Mitte ist die erste Weltmacht, die bei ihrem Aufstieg nicht auf Militär setzt, sondern auf wirtschaftliche Kooperation», stellt Sieren fest. Die Kommunistische Partei wird daher versuchen, den Renminbi als globale Leitwährung zu etablieren, ohne sich dabei der Gefahr auszusetzen, politischen Selbstmord zu begehen.

Erstellt: 08.04.2013, 12:31 Uhr

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