Der Autor, der die Wallstreet entzweit

Michael Lewis hat ein Buch über den Hochfrequenzhandel geschrieben. Seit der Veröffentlichung tobt eine Kontroverse – für manche Wallstreet-Akteure geht es ans Eingemachte.

«Bruchstücke einer Millisekunde genügen»: Ein Händler an der New Yorker Wall Street. (27. November 2013)


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Ein Roman bereitet der Wallstreet schlaflose Nächte. Manche Börsianer lesen ihn, weil er die erste wirklich ernst zu nehmende Attacke auf ihr Geschäftsmodell ist. Den anderen raubt er den Schlaf, weil sie ihn abends einfach nicht aus der Hand legen können. Die Rede ist von «Flash Boys», dem am Montag in den USA veröffentlichten Finanzkrimi von Michael Lewis. Der Bestsellerautor zeichnet darin die Geschichte des Hochfrequenzhandels nach. Seine Kernaussage ist: Investoren werden an den Aktienmärkten von Computern abgezockt, und sie merken es nicht einmal.

Weil die Botschaft aus seinem Munde kommt, hat sie Gewicht. Lewis ist kein Dahergelaufener: Sein Roman «The Big Short» gilt als eines der besten Bücher zur Finanzkrise. Lewis schreibt süffig und akkurat zugleich, als ehemaliger Bondhändler kennt er die Bankenwelt von innen. Die Szene reagierte diese Woche perplex. Fast schon krampfhaft stellten Moderatoren auf Bloomberg-TV dem Autor kritische Fragen, ehe sie ihm nach zwanzig Interviewminuten nur noch kopfnickend zuhörten. Auf CNBC wurde Lewis von einem Börsenmanager angefaucht, er solle sich für seine falschen Anschwärzungen schämen.

Die Zweiklassengesellschaft

Der Hochfrequenzhandel ist aus zwei Gründen problematisch. Einer davon ist die Geschwindigkeit per se. Immer höhere Taktraten und komplexere Algorithmen machen den Handel volatil und unberechenbar, so das Argument. Meistzitierter Beleg dafür ist der Sekundenabsturz der Börse im Jahr 2010, der als Flash Crash in die Annalen einging. Dessen Ursachen sind noch immer nicht restlos geklärt, wie Lewis in seinem Buch ausführt: Ein Untersuchungsbericht der Börsenaufsicht SEC ist praktisch wertlos, weil die Marktdaten gar nicht in der erforderlichen Granularität vorhanden sind. Kaufs- und Verkaufsorders werden heute in Mikrosekundenintervallen zwischen Dutzenden von Börsen hin- und hergesandt, nur ein Bruchteil davon wird aufgezeichnet.

Der andere Vorwurf an den Hochfrequenzhandel ist gravierender. Er besagt, dass im System eine Zweiklassengesellschaft herrscht. Im äusseren Zirkel stehen Kleinanleger und institutionelle Investoren: Wollen sie mit Wertpapieren handeln, so brauchen sie dazu einen Broker, der mit den verschiedenen Börsenplätzen vernetzt ist und die Kaufs- und Verkaufsorders abwickeln kann. Selbst die gefürchteten Hedgefonds bewegen sich in dieser äusseren Sphäre des Systems. Den inneren Handelskreis bilden spezialisierte Banken und Handelsfirmen, deren Hochleistungscomputer direkt an die Börsen angeschlossen sind. Ihren Geschwindigkeitsvorteil nutzen diese Marktteilnehmer aus, um risikolose Gewinne zulasten des äusseren Kreises zu erzielen.

Mit Hochfrequenzhändlern im Fluchtauto

Michael Lewis gelingt es in «Flash Boys», diese Mechanismen verständlich zu erklären. Im Stil eines Krimiautors heftet er sich an die Fersen seines Protagonisten Brad Katsuyama, eines ehemaligen Aktienhändlers bei der Royal Bank of Canada, der zu Beginn ähnlich ahnungslos ist wie der Leser («sein ganzes Leben lang hatte er dem System vertraut»). Nach und nach kommt Katsuyama den Manipulationen auf die Schliche und erkennt, warum der Markt auf unerklärliche Weise seine Gedanken zu lesen scheint: Es sind die Hochfrequenzhändler, die seine grossen Aktienorders jeweils abfangen und einen Zwischenhandel tätigen, bevor die Aufträge vollständig ausgeführt sind.

Ein Telecomingenieur, der das Wettrüsten im Hochfrequenzhandel erst als argloser Techniker mitmacht, stösst später dazu. «Ich kam mir vor wie der Fahrer eines Fluchtautos», lässt Lewis ihn sagen, «die Händler sagten mir ständig: ‹Fahren Sie schneller!›, ‹werfen Sie die Airbags raus!›, ‹werfen Sie die Sitze raus!›, bis dass ich einmal zurückfragte: ‹Entschuldigen Sie, meine Herren, aber was machen Sie eigentlich in dieser Bank?›». Stellvertretend beantwortet der Autor die Frage gleich selbst. An der Wallstreet wird sogenanntes Front Running im grossen Stil betrieben, sagt Lewis: Kunden werden von den Akteuren im inneren Kreisen permanent übers Ohr gehauen.

Intransparente Handelspools

Geschwindigkeit ist für Hochfrequenzhändler extrem wichtig, eine exklusive Datenverbindung lassen sie sich gerne 300'000 Dollar im Monat kosten. Dies, weil grosse Kundenorders meist simultan an mehrere Börsen geschickt werden: Erfährt der Hochfrequenzhändler über die Börse A von einem Grossauftrag, so kann er diesen Auftrag über seine Standleitung (die nur er benutzen kann) auf dem Weg zur Börse B überholen und einen sicheren Profit rausschlagen. Der Investor merkt davon nichts – ausser dass sich der ursprüngliche Angebotspreis auf seinem Handelsdisplay plötzlich ändert. Statt 10'000 Intel-Aktien zu je 22 Dollar sind nur noch 1000 Stück verfügbar. Für die restlichen 9000 Aktien ist das Preisangebot auf 22 Dollar und 5 Cent gestiegen.

In der liberalisierten US-Börsenlandschaft gedeiht Korruption, wie Lewis schreibt. Kickbacks fliessen an die Broker, damit diese ihre Orders über eine bestimmte Börse leiten. Den privilegierten Zugang zum Auftragsbuch einer Börse erhalten ausgewählte Marktteilnehmer gegen Bezahlung. Auch die von Banken selbst betriebenen Handelsplattformen sind anfällig. Diese sogenannten Dark Pools tragen Namen wie Crossfinder (Credit Suisse) oder Sigma X (Goldman Sachs) und sind bewusst intransparent gehalten – offiziell schützen die Banken so ihre Grosskunden vor dem Markt. Doch den Hochfrequenzhändlern wurde gegen Geld trotzdem Zugang gewährt, so Lewis: Für sie gibt es in den Dark Pools besonders saftige Beute zu machen.

Alles nur Publicity?

Brisant ist die Buchpublikation, weil es sich bei Brad Katsuyama nicht um einen fiktiven Charakter, sondern eine reale Person handelt. Die letzten Jahre hat der Kanadier asiatischer Abstammung erst damit verbracht, ein Programm zu schreiben, mit dem Investoren die Hochfrequenzhändler ihrerseits umgehen können. Es heisst Thor und beruht auf dem Trick, dass ein Investor seine Orders an unterschiedlich weit entfernte Börsen nicht zeitgleich, sondern gestaffelt abschickt. Die Zeitabstände sind dabei so gewählt, dass die Aufträge gleichzeitig an den verschiedenen Börsen ankommen – ein schwierig zu bewerkstelligendes Anliegen, das aber das Front Running verhindert.

Katsuyama feierte mit Thor einen bescheidenen Verkaufserfolg. Mit seinem jüngsten Projekt wird der Held in Michael Lewis’ Finanzthriller jedoch zur echten Gefahr für die etablierten Player. Katsuyama hat mit seinen Mitstreitern im Oktober die IEX lanciert: Eine alternative Börse, die den Investoren die Sicherheit geben soll, die sie an anderen Handelsplätzen nicht finden. Die IEX stellt das Prinzip auf den Kopf, wonach schneller an der Börse immer besser ist, indem sie künstliche Verzögerungen in den Handel einbaut. Positiv zu dieser Wiederentdeckung der Langsamkeit haben sich zuletzt sogar mächtige Firmen wie Goldman Sachs geäussert.

Leute wie Bill O’Brien – er leitet die auf Hochfrequenzhandel spezialisierte Börsenplattform Bats, die im Buch besonders schlecht wegkommt – haben Lewis vor diesem Hintergrund auch vorgeworfen, er mache mit «Flash Boys» billige Publicity für die IEX. Doch die öffentliche Meinung hat sich zu seinen Ungunsten gewendet. Beim FBI wird bereits untersucht, inwiefern die Aktivitäten im Hochfrequenzhandel als Betrug oder Insiderhandel gewertet werden müssen. Der New Yorker Staatsanwalt Eric Schneiderman lobte Lewis' Buch diese Woche über Twitter: «Insider Trading 2.0» und der Hochfrequenzhandel würden das öffentliche Vertrauen in die Märkte unterlaufen, für Reformen sei es nun höchste Zeit.

Die Hochfrequenzhandelsfirmen der Wall Street sind dem Mann auf der Stasse kein Begriff. Sie tragen Namen wie Getco und Citadel und verdienen hinter den Kulissen enorme Summen. Die Öffentlichkeit staunte nicht schlecht, als eine Firma namens Virtu Financial im März bekannt gab, innerhalb der vergangenen fünf Jahre nur an einem einzigen Handelstag Verluste eingefahren zu haben. 1277 von 1278 Tagen endeten für Virtu mit einem Plus: Das schafft kein Spekulant unter normalen Bedigungen, auch wenn er noch so clever ist.

Michael Lewis gibt sich in diesen Tagen Mühe, den Hochfrequenzhandel nicht generell zu verdammen, sondern zwischen fairen und unfairen Praktiken zu unterscheiden – zu Recht. Auch verweist er darauf, dass zusätzliche Gesetze die Situation nicht unbedingt verbessern würden. Gerade die Änderungen vor der Finanzkrise, die jeden Broker verpflichteten, seinem Kunden den «besten Preis» anzubieten, hätten zur Förderung des Front Running beigetragen. Die Verantwortlichen bei Virtu haben trotz allen Relativierungen kalte Füsse bekommen: Der für Mitte April vorgesehene Börsengang wurde vorerst auf Eis gelegt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2014, 20:06 Uhr

Problematischer Hochfrequenzhandel: Ein Händler an der New Yorker Wallstreet. (27. November 2013) (Bild: Reuters )

Zur Person

Michael Lewis ist Publizist und Wirtschaftsjournalist. Bekannt wurde er 1989 durch das Buch «Liar's Poker», einer Abrechnung mit dem Zynismus an der Wall Street. 2010 folgte «The Bis Short», eine Reportage über den Ausbruch der Finanzkrise. «Flash Boys» ist am Montag in den USA erschienen und Lewis' drittes Buch über die Finanzwelt. Der 53-jährige Ökonom arbeitet als Wirtschaftsredaktor für Vanity Fair. (Bild: Creative Commons)

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