Der Euro mutiert zur Dreifaltigkeit

Der ehemalige Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, lanciert eine neue Lösung für die Eurokrise: Die Einheitswährung soll zwei parallel laufende Schwestern erhalten.

Nichts ist unmöglich: Die Karikatur «Impossible Euro» erschien am 27. Oktober 2011.

Nichts ist unmöglich: Die Karikatur «Impossible Euro» erschien am 27. Oktober 2011. Bild: Hajo de Reijger/The Netherlands/Cagle.com

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Thomas Mayer war lange Chefökonom der Deutschen Bank und gehört zu den bekanntesten Volkswirten Europas. Was den Euro betrifft, gilt er als typisch deutscher Hardliner, und es wird gar gemunkelt, er sei von seinem prestigeträchtigen Posten bei der Deutschen Bank zurückgetreten, weil er die Euro-freundliche Haltung des Geldinstituts nicht mehr mittragen wollte. Deshalb ist es erstaunlich, dass Mayer nun im «Wall Street Journal» mit einem neuen Vorschlag bezüglich der Einheitswährung aufwartet: dem mutierten Euro.

Mayer geht von folgender Überlegung aus: Der Ansatz, den Euro mit mehr Reformen und Flexibilität in den Südländern bei anhaltenden Transferzahlungen aus dem Norden zu retten, steht vor dem Aus. Im Süden nehmen die Demonstrationen gegen die Austeritätspolitik an Intensität zu, im Norden die Bereitschaft, immer neue Hilfspakete zu schnüren. Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht zwar, mit einer Politik des billigen Geldes das Schlimmste zu verhindern. Doch das genügt nicht: Für die Südländer tut die EZB zu wenig, um ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Für den Norden macht sie zu viel und erhöht so die Inflationsgefahr.

Wenn die offiziellen Währungen nicht mehr genügen

All dies spricht dafür, den Euro platzen zu lassen und wieder zu nationalen Währungen zurückzukehren, oder die Einheitswährung zumindest in einen Nord- und einen Südeuro aufzuteilen. Auf diese Lösung drängen denn auch die Hardliner im Norden. Thomas Mayer hingegen warnt vor den politischen Gefahren. «Es gibt einen Ausweg», schreibt er im «Wall Street Journal». «Aus der Geschichte wissen wir, dass Parallelwährungen entstehen, wenn die offiziellen Währungen den Bedürfnissen und Vorstellungen der Menschen nicht mehr genügen. Deshalb halte ich es für wahrscheinlich, dass zwei neue Währungen entstehen werden, die sich parallel zum bestehenden Euro bewegen und so eine dreifaltige Währungsunion bilden werden.»

Konkret würde diese monetäre Dreifaltigkeit wie folgt aussehen: Im Norden würden alltäglich Geschäfte nach wie vor mit dem Euro abgewickelt werden. Parallel dazu entsteht jedoch allmählich eine virtuelle Währung. Alle Finanz- und Geschäftsverträge werden in dieser Währung abgeschlossen. Sollte wegen der Geldpolitik der EZB tatsächlich die Inflation bedrohlich anwachsen, dann würden die nationalen Zentralbanken über den Umweg der virtuellen Parallelwährung verhindern, dass diese Vermögen durch die Teuerung aufgefressen werden. Die Parallelwährung des Nordens würde deshalb tendenziell stärker und stabiler sein als der normale Euro.

Auch Euroland würde in drei Teile zerfallen

Im Süden wäre es genau umgekehrt. Angenommen, Griechenland erhält definitiv keine Hilfsgelder mehr. Dann wird die Regierung gezwungen sein, ihre Rechnungen mit Schuldscheinen zu begleichen, mit sogenannten IOUs. Diese werden dann im täglichen Leben anstelle der rar gewordenen Euros zirkulieren und so zu einer Parallelwährung werden, die gegenüber dem Euro deutlich abgewertet wird. Damit erhält die Wirtschaft dieser Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit teilweise wieder zurück. Der Euro selbst wird im Süden zur stabilen Währung, in der die Vermögenswerte abgesichert sind.

Mit den neuen Parallelwährung zerfällt gemäss Mayer auch Euroland in drei Teile: Kernländer werden Frankreich, Spanien und Italien. Deutschland, die Niederlande, Finnland & Co. würden den Club der Reichen bilden, Griechenland, Zypern, Portugal und Co. den Club der Armen. Mayer rechnet damit, dass diese Entwicklung in der Mitte dieses Jahrzehnts einsetzen könnte. Was ist davon zu halten?

Woran die Parallelwährungen scheitern

In der Theorie spricht nichts gegen die Idee von Parallelwährungen. Sie ist auch nicht neu. Schon John Maynard Keynes wollte das internationale Finanzsystem 1944 in den Verträgen von Bretton Woods auf diese Weise organisieren. Er schlug damals eine virtuelle Globalwährung, den Bancor, vor, scheiterte aber am Widerstand der Amerikaner. Auch Mayers dreifaltiger Euro dürfte es schwer haben, die politischen Hürden gegen Parallelwährungen zu überspringen: Die Notenbanken mögen sie nicht, weil sie damit ihr Machtmonopol verlieren würden. Die einfachen Bürgerinnen und Bürger vertrauen ihnen nicht, weil sie sie nicht verstehen.

Erstellt: 20.11.2012, 15:50 Uhr

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