«Der Verdacht besteht, dass eine neue Blase geschaffen wird»

Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erklärt, weshalb Europa zu viel spart, weshalb die Defizite weiter wachsen werden und wo Spekulanten nun aktiv sind.

Der Ökonom Joseph Stiglitz ist überzeugt: Der Euro wird noch weiter sinken.

Der Ökonom Joseph Stiglitz ist überzeugt: Der Euro wird noch weiter sinken. Bild: Keystone

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Herr Stiglitz, Sie sind Ökonom und schrieben einst, dass Obamas Wirtschaftsberater entweder von den Banken finanziert oder einfach nur inkompetent seien. Glauben Sie das noch immer?
Ja. Damals ging es um die Frage, wie man auf möglichst kostengünstige Weise die Banken wieder dazu bringt, Geld auszuleihen. Jetzt haben wir die Antwort: Man hat möglicherweise zwar den totalen Kollaps des globalen Finanzsystems verhindert. Doch hätten wir mehr Aktien für das Geld bekommen, das wir den Banken so reichlich gegeben haben, stünden wir nun um einige Hundert Milliarden Dollar besser da. Die Banken tun sich immer noch schwer mit dem Geldausleihen.

Wenn die Banken noch immer kein Geld ausleihen, was tun sie dann damit? Droht uns die nächste Blase?
Vermutlich spekulieren sie in Ländern wie Indien, China oder Brasilien. Wir wissen, dass es dort auf dem Immobilienmarkt und bei einigen Rohstoffen einen spekulativen Druck gibt. Der Verdacht besteht, dass mit dem Geld anderswo eine neue Blase geschaffen wird. Geld ausleihen scheint den Banken riskanter zu sein als überall auf der Erde Probleme zu schaffen.

Sie sind derzeit in Spanien, wo Sie unter anderem die dortige Regierung beraten. Was bedeutet die Krise in Spanien für Europas Wirtschaft?
Das ist ganz schlecht. Meiner Ansicht nach werden die Sparbemühungen die wirtschaftlichen Schwächen Europas verstärken. Es ist schon schlimm genug, dass Länder wie Griechenland und Spanien ihre Ausgaben zurückfahren, um ihren Finanzhaushalt zu verbessern. Und nun tun es alle europäischen Länder. Das wird das ohnehin schon magere Wirtschaftswachstum noch mehr bremsen. Tritt das ein, wird das Defizit sogar noch wachsen.

Wird der Euro noch mehr sinken?
Ja, sowohl gegenüber dem Dollar wie auch anderen Währungen. Obwohl das für Spaniens Wirtschaft nicht einmal ausreichen würde. Die bräuchten eigentlich eine weitere Abwertung ihrer Währung um 20 Prozent, was natürlich unmöglich ist, weil das Land der Eurozone angehört. Mein Kollege Paul Krugman hat gesagt, dass Spanien anstelle einer Währungsabwertung die Löhne und Preise um 20 Prozent senken sollte. Abgesehen davon, dass das kaum umsetzbar ist, hat Krugman etwas Wichtiges vergessen: Die Leute haben Schulden, Verträge und finanzielle Verpflichtungen, die man nicht einfach um 20 Prozent kürzen kann.

Bedroht Europas Krise die Weltwirtschaft?
Sie ist ganz klar schlecht für die USA. Wir konnten unsere Wirtschaftsprobleme teilweise über den Export lösen, wobei uns die Politik des schwachen Dollar geholfen hat. Jetzt, da der Dollar stärker und Europa schwächer wird, wird das immer schwieriger. Innerhalb der USA haben wir weiterhin Probleme mit den Hypotheken und den Konsumkrediten. Deshalb denke ich, dass die globale Aussicht auf eine Besserung schwächer ist, als gemeinhin angenommen.

Nur wenige Ökonomen haben die Finanzkrise kommen sehen. Warum soll man überhaupt noch mit ihnen reden?
Einige von uns sind richtig gelegen. Leute wie Robert Schiller oder ich selber wiesen darauf hin, dass das Risiko einer Immobilienblase riesig sei und dass sie platzen werde. Aber ich verstehe die Skepsis. Alles was ich dazu sagen kann, ist, dass man auf die Argumente hören muss und nicht nur auf das, was alle denken. Es gab Statistiken über das Verhältnis von mittleren Hauspreisen zu mittleren Einkommen, die klar zeigten, dass viele Amerikaner ihre Hypotheken nicht mehr würden finanzieren könnten. Für mich ist es unverständlich, warum so viele Ökonomen diese simple Berechnung nicht machten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2010, 10:18 Uhr

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EU-Kommission kritisiert Moody’s

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