Der «kalte Währungskrieg» könnte sich bald aufheizen

Die Notenbanken liebäugeln wieder mit der Schwächung ihrer eigenen Währung.

Wechselkurse beeinflussen die Wirtschaftsentwicklung: Mann vor einer Anzeigetafel. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Wechselkurse beeinflussen die Wirtschaftsentwicklung: Mann vor einer Anzeigetafel. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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Seit der letzten Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 8. Mai ist der Preis des Euro von fast 1.40 auf 1.36 Dollar gefallen. Damit hat EZB-Chef Mario Draghi sein Ziel erreicht, indem er für die Sitzung der Notenbank vom nächsten Donnerstag die Erwartung einer weiteren Lockerung der ­monetären Zügel geschürt hat.

Ein zu hoher Preis der eigenen Währung ist für alle Volkswirtschaften hinderlich, die für den Aufschwung auf Nachfrage aus dem Ausland setzen. Aber es können nicht alle Länder ihre Währung schwächen und mehr ausführen als einführen. Jede Abwertung bedeutet die Aufwertung der gegenüberliegenden Währungen, jeder Exportüberschuss verlangt nach einem Importüberschuss bei den Handelspartnern. Die wahrscheinliche Reaktion bei jenen liegt ­darin, die eigene Währung ebenfalls zu schwächen. Wenn das immer mehr Länder tun und ein regelrechter Abwertungswettlauf entsteht, spricht man von einem «Währungskrieg».

Bei der EZB gibt man sich alle Mühe, den Eindruck zu vermeiden, einem solchen Abwertungswettlauf Vorschub zu leisten. Wie bei der Schweizerischen Nationalbank begründet man auch bei der EZB das Interesse an einer schwächeren Währung allein mit der Sorge vor einer zu tiefen Inflation oder sogar einer Deflation – einem sinkenden Preisniveau. Steigt der Wert der eigenen Währung, sinken die Importpreise, was dieser Sorge Vorschub leistet. Wie Mario Draghi an einer Konferenz der EZB im portugiesischen Sintra vergangene Woche betont hat, kann ein sinkendes Preisniveau eine Spirale nach unten auslösen: weil die Realzinsen und damit die Kosten für die Schulden steigen und weil die Nachfrage und der Kreditfluss einzubrechen drohen.

Dass die Wirkung der eigenen Politik auf das Währungsgefüge unerwünschte Folgen für Drittländer haben kann, ist man sich bei der EZB bewusst. Am Freitag vor einer Woche hielt deren Führungsmitglied Benoît Cœuré einen Vortrag unter dem Titel «Währungskriege und die Zukunft des Internationalen Geldsystems». Darin verneinte er, dass es bereits zu einem Währungskrieg gekommen sei, aber er meinte dennoch, es könne dazu kommen. Daher forderte er eine enge Zusammenarbeit der Notenbank, um das zu verhindern.

An der erwähnten EZB-Konferenz in Sintra forderte dasselbe auch Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Auch sie bezog das ausdrücklich auf die Gefahren, die Zinsentscheidungen und weitere geldpolitische Massnahmen einer wichtigen Notenbank auf das internationale Währungsgefüge haben können.

Divergierende Interessen

Bisher haben solche Kooperationen allerdings mehr schlecht als recht funktioniert. Auch im Februar 2013 haben die Finanzminister und Notenbankchefs der G-20-Länder an einem Treffen in Moskau gelobt, auf die Beeinflussung ihrer Währungen zur Verbesserung der eigenen Lage auf Kosten anderer zu verzichten. Solche Vereinbarungen werden immer dann zur Makulatur, wenn die Interessen der Länder zu stark auseinanderdriften. Noch ist kein erneuter «Währungskrieg» ausgebrochen. An den Devisenmärkten spricht man vielmehr von einem «kalten Währungskrieg». Die Entscheide der EZB in der nächsten Woche könnten das aber ändern.

Neben der EZB ist es insbesondere die japanische Notenbank (BoJ), die bisher beinahe alles tat, um den Yen gegenüber dem US-Dollar zu schwächen. Doch seit Anfang Jahr ist der Preis der japanischen Währung in Dollar wieder leicht gestiegen, was BoJ-Chef Haruhiko Kuroda letzte Woche bereits als ungerechtfertigt bezeichnet hat. Sollte er deutliche Massnahmen dagegen ergreifen, könnte auch das der Auslöser eines ­Abwertungswettlaufs werden.

Entscheidend ist schliesslich das ­Verhalten der USA. Deren Wirtschaft ist im ersten Quartal um 1 Prozent geschrumpft, was am Donnerstag die meisten Beobachter überrascht hat. Mitverantwortlich dafür sind auch um 6 Prozent gefallene Exporte. Obwohl die Wirtschaftslage der USA immerhin etwas besser ist als jene der Eurozone, können und wollen die USA nicht mehr die Nachfragelokomotive für die Weltwirtschaft sein. Eine deutliche Aufwertung des Dollars ist deshalb auch nicht im ­Interesse der Weltmacht. Die Chefin der US-Notenbank (Fed) hat in jüngster Zeit klargemacht, dass länger nicht mit einer Erhöhung des Leitzinses zu rechnen ist, als das viele für die Zeit nach dem Auslaufen der Anleihenkäufe erwartet haben. Erwartungen zur Zinsentwicklung sind der wichtigste Währungstreiber.

Im Zusammenhang mit Währungs­manipulationen steht auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) wegen der von ihr verteidigten Untergrenze von 1.20 Franken pro Euro im Rampenlicht. Bisher wird ihr dafür allerdings wegen der besonderen Lage der Schweiz viel Verständnis entgegengebracht – wie auch wieder am Mittwoch in einem ­Bericht des IWF. Sollte aber der kalte Währungskrieg heisser werden, dürfte die Lage auch für die SNB weniger ­gemütlich werden.

Erstellt: 31.05.2014, 02:51 Uhr

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