Die Anlagestrategie der Stunde

Aktien lohnen sich vor allem bei einem langfristigen Anlagehorizont. Das ist die Lehrbuchweisheit. Im aktuellen Marktumfeld ist sie ein schlechter Ratschlag.

Im unsicheren Marktunfeld können wenige Informationen die Stimmung zum Kippen bringen: Trader an der New Yorker Börse.

Im unsicheren Marktunfeld können wenige Informationen die Stimmung zum Kippen bringen: Trader an der New Yorker Börse. Bild: Keystone

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Die Aktienmärkte vollbringen Bocksprünge. Wer seit dem vergangenen Herbst in Titeln des Schweizerischen Leitindexes SMI investiert war und seither sein Portfolio nicht mehr angerührt hat, ist durch alle Stimmungslagen gegangen, von hoffnungsfroher Euphorie bis zu abgrundtiefer Enttäuschung. Die Aktien haben seither deutliche Phasen des Anstiegs wie auch des Abstiegs hinter sich und notieren aktuell wieder etwa auf dem gleichen Stand wie damals. Die Erfahrung nach schweren Finanzkrisen spricht dafür, dass solche Schwankungen auch in Zukunft zu erwarten sind. Die meisten Marktbeobachter gehen denn auch nicht davon aus, dass die Aktien demnächst klar nach oben oder nach unten ausreissen.

Dass Anleger die besten Renditen durch langfristige Anlagen auf den Aktienmärkten erzielen, gehört zu den Grundweisheiten, die sich in allen Lehrbüchern über Aktienmärkte finden. Betrachtet man langfristige Datenreihen, wie etwa jene, die die Bank Pictet immer zu Jahresbeginn publiziert, wird diese Regel klar bestätigt. Hätte jemand im Jahr 1925 100 Franken in einen gut diversifizierten Schweizer Aktienindex investiert und die Titel seither liege gelassen, wäre daraus bis Ende 2009 ein Vermögen von 53'848 Franken geworden. Korrigiert um die Inflationsentwicklung, würde das einer durchschnittlichen Rendite von jährlich 5,44 Prozent entsprechen.

Langfristig sind wir tot

«Langfristig sind wir alle tot», lautet der bekannteste Spruch des legendären Ökonomen und Investors John Maynard Keynes. Hier passt er besonders gut. Kaum jemand hat einen derart langen Zeithorizont. Die Schulbuchweisheit und solche Zeitreihen verschleiern, dass über kürzere Zeitperioden Aktien sogar sehr schlecht abschneiden können, wenn man sie unangetastet im Portfolio belässt. Seit Anfang 2000 – als Aktien noch hoch im Kurs waren – hat der Schweizer Leitindex insgesamt rund 18 Prozent verloren. Berücksichtigt man auch noch die Preisentwicklung seit damals, hat man insgesamt sogar 23 Prozent verloren. Besser sieht das Bild aus, wenn man auch die Dividenden mitberücksichtigt, wie das die Zeitreihen von Pictet tun. Preisbereinigt kommt man dann auf eine jährliche Rendite von 0,22 Prozent (bis Ende 2009). Damit hätte man immer noch jährlich eine um 2,79 Prozent tiefere Rendite erzielt als mit vermeintlich tiefer rentierenden Obligationen.

Doch auch kurzfristig lässt sich Geld an Aktienmärkten verdienen, wenn man es geschickt anstellt, Glück hat und sich der Fallen der eigenen Beschränktheit genügend bewusst ist: Hätte man zum Beispiel allein im laufenden Halbjahr immer dann Titel der UBS gekauft, als die Stimmung gegenüber der Bank am kritischsten war, und sie verkauft, als sie sich wieder auf einem Höhenflug zu befinden schienen, hätten sich sehr hohe Renditen erzielen lassen. Ein Einstieg bei der UBS am 9. Februar, ein Verkauf am 15. Februar, ein erneuter Kauf am 2. Juli und ein Verkauf heute hätte aus einer ursprünglichen Investition von 10'000 Franken mehr als 17'700 Franken gemacht. Das entspricht einer Jahresrendite von mehr als 150 Prozent. Würde man für das Gedankenspiel noch weitere zwischenzeitliche Tiefst- und Höchststände dazurechnen, wäre die erzielte Rendite noch viel höher.

Gegen den Strom schwimmen

Das Beispiel ist zu schön, um wahr zu sein. Niemand weiss, wann jeweils das Höchst und wann das Tiefst erreicht ist. Nicht berücksichtigt sind hier auch die Kosten für die Käufe und Verkäufe, die je nach Bank hoch sein können und die Rendite deutlich schmälern. Dennoch ist die Grundüberlegung in einer Börsenphase wie jetzt nicht ganz so realitätsfern, wenn man auf einige Dinge achtgibt. Man sollte nicht der generellen Marktstimmung folgen und in der Euphorie eher verkaufen und im Stimmungstief kaufen.

Und in Aktien eines Unternehmens sollte man nur dann investieren, wenn man vernünftigerweise annehmen kann, dass zu diesem auf dem Markt übertriebene Ängste vorherrschen. Das heisst auch, man sollte sich mit dem Unternehmen genauer auseinandersetzen und es verstehen können. Besonders volatile Titel wie jene von kleinen Biotechunternehmen eignen sich für ein solches Spiel zum Beispiel sehr schlecht. Ihr Auf und Ab hängt von den Ergebnissen medizinischer Studien zu ihren Arzneimitteln ab. Diese Ergebnisse lassen sich unmöglich vorab einschätzen.

Der Unterschied von taktisch und strategisch

Zudem gilt es, sich nicht von den Fallen der eigenen Psychologie einen Streich spielen zu lassen. Wie die «Behavioural Finance»-Untersuchungen zeigen, ist die Selbstüberschätzung die grösste Gefahr. Selbst wenn man einige Male Glück gehabt hat, sollte man daraus nicht schliessen, man habe den ganzen Markt verstanden. Bei einem Kurssturz, den man für ungerechtfertigt hält, sollte man nicht den absoluten Tiefpunkt abwarten, umgekehrt nicht das absolute Zwischenhoch. Man kann beide unmöglich kennen. Vergangene Verluste sollte man nicht in aktuelle Überlegungen miteinbeziehen, genauso wenig wie einstige Kursstände. Aktienmärkte haben keine automatische Tendenz, zu ihnen zurückzukehren.

Schliesslich sollte man solche «taktischen» Wetten auf einzelne Titel klar trennen von einer durchdachten langfristigen Anlagestrategie, nach der man diversifiziert in verschiedene Anlageklassen investiert ist und sich daher nicht um die aktuellen Kursentwicklungen kümmern muss. Auf das Geld, das man für die Wetten aufwendet, sollte man im schlimmsten Fall verzichten können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.08.2010, 14:21 Uhr

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