Die Lehren aus der Finanzkrise sind bereits vergessen

Die Banken haben seit Beginn der Krise mehr als 320 Milliarden Dollar an Bussgeldern bezahlt. Doch die Risiken wurden bloss verschoben. Kleiner geworden sind sie nicht.

New York im September 2008: Die US-Investmentbank Lehman Brothers hat den Konkurs angemeldet, Tausende Mitarbeiter haben ihren Job verloren. Foto: Chris Hondros (Getty Images)

New York im September 2008: Die US-Investmentbank Lehman Brothers hat den Konkurs angemeldet, Tausende Mitarbeiter haben ihren Job verloren. Foto: Chris Hondros (Getty Images)

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Vor zehn Jahren schockte die BNP Paribas ihre Kunden. Die französische Bank zitierte einen «totalen Mangel an Liquidität» und sperrte den Rückzug von Geldern aus Fonds, die amerikanische Ramschhypotheken enthielten. Jener 9. August 2007 markierte den Auftakt zur grössten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg und mündete in eine schwere Wirtschaftsdepression. Viele Haushalte haben sich bis heute nicht aufgerappelt: 30 Prozent aller Ameri­kaner sagen, dass sie sich finanziell nie von der Krise erholt hätten und dies auch nie tun würden.

Keinen Grund zum Klagen haben dagegen die Geldinstitute, die für die Krise verantwortlich waren. Sie haben die Strafen, Wiedergutmachungen an Kunden und Vergleiche mit Regierungen von mehr als 321 Milliarden Dollar, die sie weltweit zahlen mussten, anscheinend mühelos verkraftet. Sie zahlen ihren Topmanagern und den Aktionären wieder Boni und Dividenden, als ob es nie im Gebälk gekracht hätte.

Gespalten ist dagegen die US-Notenbank, die den Auftrag hat, den Gesundheitszustand der Wallstreet zu überwachen. Dieses Frühjahr wartete sie zum ersten Mal für 34 Banken mit einem positiven Befund auf: Sie alle hätten ausreichende Kapitalposter, um eine Krise wie vor zehn Jahren zu überstehen. Die Frage nach einer staatlichen Rettung stelle sich nicht mehr, teilte Jamie Dimon, Chef von J. P. Morgan, den Aktionären umgehend mit. «Das Problem des ‹too big to fail› ist gelöst. Die Steuerzahler müssen nicht mehr zahlen, wenn eine Bank zusammenbricht.»

Diesen Optimismus teilen indessen nicht alle Bankenexperten – und mehrere dissidente Notenbanker ebenfalls nicht. Sie befürchten, dass die anhaltende Börseneuphorie die Lehren der Krise bereits vergessen gehen liess. Zudem glauben sie, dass die Regierung Trump ihre Drohung wahr machen und wesentliche Teile der Re-Regulierung rückgängig machen wird.

Schlupfloch Schattenbanken

Eine Grundtatsache bleibt auch zehn Jahre danach bestehen: Die Risiken im Kreditgeschäft sind die gleichen. Nur haben sie sich seit 2007 zunehmend auf schwach regulierte und beaufsichtigte Märkte verschoben.

Ein prominenter Kritiker ist Stanley Fischer, Vizevorsitzender der US-Notenbank. «Die grossen Ziele der Reformen und Regulierungen sind in einzelnen Bereichen des Bankensektors erreicht worden. Doch mache ich mir Sorgen, dass wir in den USA keine sehr guten Instrumente für den Nichtbanken-Sektor entwickelt haben.»

Gemeint sind die Schattenbanken, ein Mischmasch von Kreditanstalten, Fonds und Leasinghäusern. Auslöser der Krise von 2007 waren zunächst nicht die Wallstreet-Banken, sondern kaum regulierte Hypothekarinstitute in Kalifornien, Florida und New Jersey. Sie hatten in betrügerischer Absicht Hypotheken an zahlungsunfähige Kunden vergeben und anschliessend die Papiere zur weiteren Verwurstung an die Wallstreet-Banken weitergeleitet.

An sich wären Nichtbanken nicht wesentlich riskanter als die stark regulierten Banken, gibt der Investmentbanker Jeremy Josse zu. Das starke Wachstum dieses Sektors aber könnte «zu einer Wiederholung der Situation von 2008» führen. Schattenbanken haben seit der Krise ihren Kreditanteil um 25 Prozent gesteigert, weil etablierte Häuser wegen der verschärften Regulierung weniger Risiken eingehen. Inzwischen dürften 35 bis 40 Prozent aller Kredite über solche Schattenbanken laufen. Diese Entwicklung läuft den Be­strebungen der Aufsichtsbehörden völlig zuwider. Die Risiken wurden nur verschoben, sind aber nicht kleiner geworden.

Thomas Hoenig, der Vizepräsident der staatlichen Bankeneinlagenversicherung, hat in seiner 43 Jahre langen Karriere vier grosse Finanzkrisen erlebt und keine vergessen. Aus seiner Sicht haben solche Krisen eine psychologische Halbwertszeit von nur etwa zehn Jahren. Danach geht vieles vergessen. Eine neue Generation von Händlern und Bankern rückt nach, sie haben nie eine Rezession oder gar eine Depression erlebt. Ihre Risikobereitschaft ist grösser als jene der krisenerprobten Vorgänger.

«Erfahrung ist die beste Ausbildung», sagt Hoenig. Die Bankenbranche sei heute besser, aber nicht ausreichend abgesichert. Denn das absolut sichere und im Krisenfall anzapfbare Kapital liege heute bei 6 Prozent der Einlagen. Das sei zwar doppelt so viel wie 2007, würde aber bei einem neuen Finanzkollaps vollständig aufgebraucht. «Es bleibt nichts übrig, weil die Banken heute unter anderem auch den Goodwill verbuchen», sagt Hoenig. In einer Krise gibt es aber keinen Goodwill mehr. Die Kunden rennen ihnen davon. Was bleibt, ist der «bad will».

Fragezeichen bringt auch Nell Kashkari, Präsident der Notenbank in Minneapolis, an. Er misstraut der Stärke der Finanzdecke. Die verschärften Regeln verlangen an sich, dass die Banken einen Verlust von 20 Prozent ihres Kapitals verkraften müssten. Sie haben gemäss Kashkari aber weniger als 10 Prozent auf der sicheren Seite. Wenn sie alle den Stresstest bestanden haben, dann nur deshalb, weil die Aufseher glauben, dass die Inhaber der Bankenobligationen die Verluste übernehmen werden. «Das ist Wunschdenken», schreibt Kashkari im «Wall Street Journal». «‹Too big to fail› lebt weiter; und die Steuerzahler werden dafür geradestehen müssen.»

Trump aufseiten der Banken

Unmittelbar bedroht ist die Stabilisierung des Finanzsystems aber durch die Regierung selber. US-Präsident Donald Trump sieht die erneute Deregulierung der Banken als eine Priorität, und über ein halbes Dutzend Ex-Banker von Goldman Sachs in seiner Regierung helfen ihm dabei. Das Abgeordnetenhaus hat im Juni ganz im Sinne des Präsidenten eine Gesetzesvorlage verabschiedet, mit der wesentliche Teile der Wallstreet-­Reformen gekippt werden sollen. Als Erstes soll das Büro für den Schutz von Bankkunden entmachtet werden, ein Projekt der Demokraten unter Führung von Senatorin Elizabeth Warren. Das Büro ist seit der Gründung 2011 zu einem Stachel im Fleisch der Banken geworden und steht deswegen ganz oben auf der Abschussliste von Trump. Er will die Besetzung der Chefposition an sich reissen und droht so, die politische Unabhängigkeit der Behörde zu unterminieren. Ein solcher Schlag müsste seine Wähler verblüffen, posierte Trump doch im Wahlkampf noch als Kritiker der Wallstreet-Praktiken und Anwalt des kleinen Mannes.

Auch das Verfahren für die Liquidation von systembedrohenden Banken soll aufgeweicht werden. Dies ist eine wesentliche Neuerung im Gefolge der Krise, da sie sicherstellt, dass Banken wie andere Unternehmen auch ordentlich liquidiert werden können, ohne dass der Staat eingreifen muss. Die kritische Stimme in dieser Sache kommt vom abtretenden Notenbank-Gouverneur Daniel Tarullo. Er hält die Begründung von Trump für fadenscheinig. Die Behauptung, wonach die Banken wegen der Finanzmarktreformen bei der Kreditvergabe gebremst würden, sei falsch, sagt Tarullo. Dazu verweist er auf die hohen Profite der Banken im letzten Jahr. Spielraum für eine Lockerung der Regulierung bestehe, aber nicht für die Wallstreet-Banken, sondern die regionalen Spar- und Leihkassen.

Die Krise hatte eine weitere negative Wirkung. Die Marktmacht der Wallstreet-Häuser ist weiter gestiegen, die zehn grössten Banken kontrollieren inzwischen 80 Prozent der Vermögenswerte. Das verlangt mehr, nicht weniger Vorsicht. «Die konzentrierte Macht muss sorgfältig überwacht werden», sagt Mark Williams, Finanzprofessor an der Universität Boston und früherer Bankeninspektor der Notenbank. «Dies ist nicht die Zeit, die Regulierung zu bremsen. Ohne Polizisten an jeder Ecke sind die Banken erneut versucht, exzessive Risiken einzugehen.»

Hohe Bussen, keine Haft

Selbst wenn die Banken für ihre kriminellen Aktivitäten vor und rund um die Finanzkrise bereits mit mehr als 320 Milliarden Dollar bestraft wurden, so ist kein Ende der Sanktionen abzusehen. Die Boston Consulting Group erwartet, dass europäische und asiatische Finanzmarktaufseher und Strafermittler in den kommenden Jahren aktiver und damit die US-Behörden ablösen werden, die bisher den grössten Teil der Strafen ausgesprochen haben.

Die USA schonten die eigenen Banken durchaus nicht, auch wenn sie die Schweizer Banken allein wegen ihrer Beihilfe zu Steuerbetrug mit rund 5 Milliarden Dollar bestraft hatten. So wurde die Bank of America für den Verkauf von Ramschhypotheken mit 56 Milliarden Dollar gebüsst, und J. P. Morgan Chase zahlte für das gleiche Delikt 27 Milliarden Dollar. Unter den Strafen haben die Banken indessen nicht lange gelitten. Sie konnten die Bussgelder an die Aktionäre abwälzen und sich zudem darauf verlassen, dass die US-Justiz keinen einzigen der für die Krise verantwortlichen Topmanager vor Gericht bringen würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 07:42 Uhr

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