Hintergrund

Die Profiteure von Offshore-Leaks

Das Datenleck dürfte Finanzplätzen in China, in der Karibik und den USA helfen, hinter denen starke Staaten stehen. Die Schweiz verliert in der Vermögensverwaltung weiter an Terrain – auch wegen der EU.

Bleibt als Steuerosae attraktiv: Die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong. (15. März 2012)

Bleibt als Steuerosae attraktiv: Die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong. (15. März 2012) Bild: Keystone

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Die Affäre um ein riesiges Datenleck bei zwei der weltgrössten Treuhandfirmen in Singapur und auf den britischen Jungferninseln schadet der Schweiz, obwohl sie für einmal nicht im Zentrum steht. Denn: Profitieren dürften von dem Offshore-Leaks genannten Datenklau just Finanzzentren, die von starken Staaten geschützt werden, sagen mehrere vom TA befragte Anwälte, die den Markt mit Sparkonstrukten und Steuerparadiesen bestens kennen. Zu den Gewinnern zählten die vielen Inseln im Einflussbereich von Grossbritannien, von den Kanalinseln bis zu den karibischen Jungferninseln. Die Briten dürften zwar die Regulierung leicht verschärfen, auch auf Druck der OECD. Sie würden die Schwarzgeldsümpfe in den Inselparadiesen aber nicht trockenlegen, um dem Finanzplatz London nicht zu schaden. Ein Anwalt spricht von «reiner Kosmetik».

Lücke zwischen Moral und Macht

Reiche Russen, die von Zypern wegwollen, würden ihr Vermögen vorab nach London oder Hongkong verlagern, sagt ein Rechtsberater einer Privatbank. Wieso nicht in die Schweiz? Ihr fehlten die Verbündeten, sie stehe allein da und sei als kleines Land mit hohem Anteil an Vermögen reicher Ausländer ein lohnendes Angriffsziel für Konkurrenten wie Grossbritannien oder die USA.

Wie gross die Lücke zwischen Moral und Macht sei, wüssten die Reichen am besten, sagt ein leitender Steuerspezialist einer der grössten Schweizer Treuhandfirmen. Reiche brächten ihr Geld vermehrt lieber gleich direkt nach Asien, vorzugsweise nach Hongkong, da sie langfristig sogar an der Sicherheit der britischen Inselverstecke zweifelten. Chinas grösster Trumpf sei, dass es auf Druck aus dem Ausland noch weniger anfällig sei als die USA. Hongkong zehre zudem als Finanzplatz vom Know-how, das die Briten früher aufgebaut hätten, die Rechtssicherheit sei zudem weit besser als auf dem chinesischen Festland.

Ausländische Gelder fliessen ab

Offshore-Leaks verstärke bloss eine länger bestehende Tendenz, sagt ein Banker. Das Bankgeheimnis sei durch die Angriffe aus den USA und Deutschland so geschwächt worden, dass seit einiger Zeit ausländisches Geld abfliesse.

Dass dem so ist, zeigen Statistiken der Nationalbank. Ende 1998 hatten ausländische Privatkunden Wertschriften für 778 Milliarden Franken bei Banken in der Schweiz. Im Internetboom schwoll der Bestand bis 2001 auf 998 Milliarden Franken an, schmolz nach dem Platzen der Börsenblase auf 767 Milliarden ab, wuchs bis zur Finanzkrise 2007 auf 1078 Milliarden an, sackte bis Mitte 2009 auf 693 Milliarden Franken ab. Seither schwindet ausländisches Privatvermögen trotz boomenden Börsen – auf 575 Milliarden Franken im Januar 2013. Diese Kennziffer ist eine unter mehreren, aber die Tendenz zeigt abwärts. Das liegt auch daran, dass im Zuge der Legalisierung viel Schwarzgeld nach Deutschland und die USA zurückgeflossen ist.

Banken wandern zu Kunden ab

Mitverantwortlich für die Erosion seien die hohen Kosten, konstatiert ein auf Trusts spezialisierter Anwalt. Schweizer Banker, Anwälte und Treuhänder seien teuer, die Margen im internationalen Vergleich immer noch hoch. Jede neue Verunsicherung beschleunige den bestehenden Trend, Schwarzgeld entweder zu legalisieren und als Weissgeld anderswo billiger anzulegen. Oder das Geld – egal, ob schwarz oder weiss – gar nicht erst in die Schweiz zu bringen.

Die Schweizer Banken sichern sich längst gegen den drohenden Niedergang der Schweiz als Platz für ausländische Gelder ab. Die Banken bauen dort aus, wo am meisten neues Vermögen entsteht, vorab in Asien und Südamerika.

Die meisten Steuersparkonstrukte seien legal, viele längst liquidiert, betonten Banker und Anwälte jüngst. Die Fälle UBS und Bank Wegelin hätten indes deutlich gezeigt, wie gefährlich solche Altlasten sein können, wenn Länder wie Deutschland oder Amerika diese gegen Banken in der Schweiz einsetzten, sagt ein Steueranwalt. Alte Fälle würden zur Zitterpartie. Entweder weil unklar sei, ob das eingebrachte Geld versteuert war – oder weil bei der Liquidation von Konstrukten offenblieb, ob der Kunde das Schwarzgeld legalisiert habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2013, 09:10 Uhr

Steueroasen im Visier
USA und Deutschland einig

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein neuer US-Amtskollege Jacob Lew wollen im Kampf gegen Steuerflucht und Steueroasen an einem Strang ziehen. «Wir stimmen völlig überein», sagte Schäuble nach dem ersten Treffen in Berlin. Aufgrund der globalen Vernetzung internationaler Konzerne gehe es bei dem Thema nicht nur um Steuerhinterziehung, sondern um Steuervermeidung. Dabei würden Firmen steuerpflichtige Einnahmen ganz legal in Länder verschieben, in denen sie weniger Steuern zahlen müssten. Dies habe inzwischen zulasten der Industrieländer überhandgenommen.

Schäuble und Lew wollen das Thema auch am Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds nächste Woche in Washington ansprechen. Lew sagte, beide Länder hätten ein Interesse, Anreize zur Steuerflucht abzuschaffen und eine Aufweichung der Steuerbasis durch Geldabflüsse in Steueroasen zu vermeiden. (SDA)

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