Analyse

Die USA sind noch lange zahlungsfähig

Standen die USA in der vergangenen Nacht eigentlich kurz vor der Pleite? Von wegen. In der Not kann sich die Supermacht immer mit der Notenpresse retten. Ein Privileg, das andere nicht geniessen.

Den Spiegel vorhalten: Die Debt Clock in New York zeigt laufend die Staatsschulden der USA an.

Den Spiegel vorhalten: Die Debt Clock in New York zeigt laufend die Staatsschulden der USA an. Bild: Reuters

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Gemessen an der Entwicklung der Schuldzinsen waren die USA nie von einem Staatsbankrott bedroht. Wenn einem Land der Zahlungsausfall droht, zeichnet sich das gewöhnlich im Voraus an den Kosten für seine Verschuldung ab: Im Fall von Griechenland sind die langfristigen Zinsen gemessen an den 10-jährigen Staatsanleihen bis zum Zahlungsausfall im Frühjahr 2012 auf über 40 Prozent gestiegen. In den USA ist bisher nichts Vergleichbares passiert. Im Gegenteil: Am Mittwochabend notierten die entsprechenden Sätze der USA mit 2,75 Prozent nach wie vor auf historischen Tiefstständen. Damit liegen sie sogar tiefer als noch Mitte September. Die Schwankungen der Zinssätze in den USA wurden weit mehr von den Erwartungen zur Geldpolitik der US-Notenbank getrieben als von der Angst vor einem Staatsbankrott.

Der Grund für diese ungewöhnliche Zinsreaktion trotz aller Aufregung um eine drohende Zahlungsunfähigkeit ist klar: Es bestand nie auch nur der geringste Zweifel daran, dass die USA anders als andere gefährdete Länder finanziell ohne weiteres in der Lage sind, ihre Schulden begleichen zu können. Die tiefen Zinssätze zeigen einerseits, dass das Land bei den Kapitalgebern nach wie vor höchstes Vertrauen geniesst und andererseits, dass sich die Staatsverschuldung des Landes aktuell mit historisch einmalig tiefen Kosten finanzieren lässt. Die Gefahr eines Staatsbankrotts geht ausschliesslich darauf zurück, dass die republikanische Opposition angesichts von rechtlich notwendigen Beschlüssen zur weiteren Verschuldung verhindern kann, dass die Regierung neues Geld an den Kapitalmärkten aufnehmen darf.

Das «exorbitante Privileg»

Im Unterschied zu einem Euroland wie Griechenland können die Amerikaner notfalls die Geldpresse anwerfen und die Schulden mit frischen Dollars begleichen. Weil der Dollar nach wie vor die mit Abstand wichtigste Handels- und Reservewährung der Welt ist, kann der Greenback selbst in diesem Fall nicht ins Bodenlose fallen – anders als das zum Beispiel im Fall von Entwicklungsländern immer wieder geschehen ist, wenn nur schon der Verdacht einer drohenden Zahlungsfähigkeit aufgekommen ist. Diese einzigartige Stellung, welche die Amerikaner mit ihrer Währung in der Weltwirtschaft einnehmen, wird als «exorbitantes Privileg» bezeichnet.

Dieses Privileg zeigt sich auch bei den Staatsanleihen der Amerikaner. Sollten die Zinsen darauf tatsächlich nicht mehr bezahlt werden, begründet das den Staatsbankrott. Auch hier wäre die ganze Welt betroffen, weil diese Wertpapiere überall die Funktion eines Risikopuffers einnehmen – gerade weil die USA aus finanziellen Gründen nicht in der gleichen Weise bankrottgehen können wie andere Länder. Sollten aber diese Schuldpapiere ihre Zuverlässigkeit verlieren, kann das gerade wegen ihrer weltweiten Bedeutung eine Finanzkrise auslösen. Darin liegt eine Gefahr bei der immer wieder auftretenden politischen Blockierung.

Auch die Entwicklung der amerikanischen Staatsschulden rechtfertigt die Angst vor einem Staatsbankrott nicht. Zwar liegen sie mit 16,9 Billionen Dollar aktuell bei rund 106 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) – so hoch wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Vor der Krise im Jahr 2007 lag diese Quote noch bei 64 Prozent. Die starke Zunahme der Verschuldung ist krisenbedingt: Die Einnahmen gingen drastisch zurück, und anfänglich sind auch die Ausgaben stark angestiegen.

Aufgehellte Budgetaussichten

In jüngster Zeit sind die Ausgaben allerdings rückläufig – ebenfalls zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie der jüngste Bericht des unparteiischen Haushaltsbüros des Kongresses (CBO) festhält, wird sich die Budgetposition der USA auch in den nächsten Jahren weiter verbessern: Schon in diesem Jahr soll sich das Defizit auf 4 Prozent verringern, den tiefsten Wert seit der Krise. Noch 2009 lag es bei 10 Prozent. Bis 2015 soll es auf 2 Prozent weiterschrumpfen. Auch die Verschuldungsquote soll gemäss dieser Schätzung in den nächsten Jahren wieder rückläufig sein.

Weniger rosig sehen allerdings die langfristigen Prognosen aus. Ein wichtiger Grund dafür ist auch in den USA die demografische Entwicklung, die angesichts eines höheren Anteils älterer Menschen zu höheren Kosten im Zusammenhang mit den Sozialversicherungen führt. Ohne politische Massnahmen besteht daher laut dem CBO in einer ferneren Zukunft durchaus die Gefahr, dass die USA auch finanziell zahlungsunfähig werden könnten. Doch zumindest in den nächsten Jahren liegt darin nicht das Problem der Supermacht.

Erstellt: 17.10.2013, 09:42 Uhr

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